Vision Staat 2040
Digitale Souveränität entscheidet über unsere Zukunft
Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei und Minister für Digitalisierung und Medienpolitik des Landes Schleswig-Holstein
Digitale Souveränität für öffentliche Verwaltungen bedeutet, dass sie technologische Entscheidungen eigenständig treffen können. Dass öffentliche Mittel stärker in Innovation, Kompetenzen und Weiterentwicklung fließen als in stetig steigende Lizenzkosten. Und dass digitale Lösungen dort entstehen, wo sie den größten Mehrwert für Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Verwaltung schaffen. Genau darum geht es bei digitaler Souveränität: um die Fähigkeit, eigene kritische Infrastruktur zu gestalten.
Denn wer seine IT nicht selbstbestimmt gestalten kann, wer Betrieb und Datenflüsse in seiner IT nicht kontrollieren kann, wer nicht mehr Herr über seine Datenhaltung ist, hat einen Teil seiner staatlichen Handlungsfähigkeit aus der Hand gegeben. Deshalb sind Auswahl und Betrieb staatlicher IT nicht irgendein Digital-Projekt, sondern sie betreffen die Handlungsfähigkeit, Sicherheitsarchitektur und wirtschaftliche Zukunft des Staates. In unserer heutigen Zeit ist das zu einer Machtfrage geworden.
Schleswig-Holstein hat sich dieser Frage angenommen und Digitalisierung konsequent an dem Ziel ausgerichtet, sie für eine grundlegende Modernisierung des Staates zu nutzen, statt sie nur als Austausch von Software zu verstehen. Der Schlüssel dazu ist der strategische Umstieg auf Open Source. Open Source schafft Transparenz, weil Software nachvollziehbar und überprüfbar wird. Gerade dort, wo staatliche IT sensible Daten verarbeitet und zentrale Verwaltungsprozesse steuert, ist diese Nachvollziehbarkeit eine wichtige Voraussetzung für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in den Staat und seine Institutionen und damit in unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Dazu gehört, den gesamten Technologie-Stack der Landesverwaltung anzusehen: von Office-Anwendungen über Kollaboration und Kommunikation bis hin zu zentralen Infrastrukturkomponenten wie dem Identitäts- und Zugriffsmanagement.
LibreOffice ist jetzt unser neuer Standard. Anstelle von Microsoft Office, Open-Xchange und Thunderbird lösen Microsoft Exchange und Outlook ab. Nextcloud und OpenTalk sind unsere neuen Alternativen für die Online-Zusammenarbeit und Videokonferenzen. Dabei geht es um weit mehr als neue Software. Es geht um die Kontrolle über die eigene Infrastruktur und die Fähigkeit, sie selbstbestimmt weiterzuentwickeln. Ganz besonders gilt dies auch für den Aufbau einer offenen Basisinfrastruktur für Identitäts- und Zugriffsmanagement. Mit der Migration von Microsoft Active Directory zu Univention Nubus können wir außerdem steuern, wer auf welche Systeme zugreifen kann.
Jede einzelne Entscheidung über ein neues Tools folgte dabei derselben Leitfrage: Ermöglicht es es uns, digitale Infrastruktur langfristig selbst zu gestalten? Denn diese Umstellung ist kein Selbstzweck. Es geht auch um nationale Sicherheit: Die strukturelle Abhängigkeit von einigen wenigen globalen Anbietern bringt steigende Kosten, eingeschränkte Flexibilität und IT- und Datensicherheitsrisiken mit sich.
Diese Abhängigkeiten sehen wir bei vielen Verwaltungen aller staatlichen Ebenen in ganz Europa. Das ist kein Zufall, da viele Fachverfahren und Anwendungen über Jahre oder Jahrzehnte auf bestimmte Plattformen zugeschnitten wurden. Und macht damit deutlich, wie tief bestehende Abhängigkeiten tatsächlich reichen. Hinzu kommt: Digitale Souveränität lässt sich weder vertraglich herstellen noch regulatorisch verordnen, solange die Verfügung über Quellcodes, Daten und zentrale Infrastruktur außerhalb staatlicher Kontrolle liegt. Mit Open Source kehren wir dieses Verhältnis um.
Darum lautet die Empfehlung aus Schleswig-Holstein: anfangen und machen. Digitale Souveränität entsteht nicht über Nacht. Sie entsteht Schritt für Schritt. Den perfekten Zeitpunkt wird es nicht geben. Entscheidend ist, zu beginnen und den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Bei allem Pragmatismus ist es dabei essentiell, den Wandel auch organisatorisch zu begleiten. Eine Migration dieser Größenordnung gelingt nicht allein durch neue Software. Sie braucht Führung, klare Verantwortlichkeiten und vor allem die Bereitschaft, Mitarbeitende auf diesem Weg mitzunehmen. Deshalb ist Change Management von Beginn an ein zentraler Bestandteil unseres Vorgehens.
Hinzu kommt eine weitere Dimension von Open Source: wirtschaftliche Wachstumsperspektiven. Offene Standards schaffen Wettbewerb, denn sie ermöglichen kleinen und mittelständischen Unternehmen ebenso wie Start-ups, ihre Lösungen in die öffentliche IT-Landschaft einzubringen. Wertschöpfung entsteht so nicht ausschließlich bei wenigen globalen Plattformanbietern, sondern verteilt sich auf ein breites Innovationsökosystem. Öffentliche Investitionen fließen stärker in Entwicklung, Anpassung, Support und den Aufbau lokaler digitaler Kompetenzen. Der Staat wird damit vom reinen Nachfrager digitaler Produkte zum aktiven Mitgestalter eines offenen digitalen Marktes. Studien der EU-Kommission oder Harvard Business School zeigen, dass bereits moderate Umschichtungen der öffentlichen IT-Ausgaben hin zu quelloffenen Lösungen und deren Nutzung in Unternehmen erhebliche volks- und betriebswirtschaftliche Effekte entfalten.
Nicht jede Verwaltung wird denselben Weg gehen oder dieselbe Geschwindigkeit wählen. Das ist auch nicht notwendig. Entscheidend ist vielmehr ein gemeinsames Zielbild. Bund, Länder und Kommunen sollten ihre Erfahrungen stärker teilen, offene Lösungen gemeinsam weiterentwickeln und Beschaffungsstrategien konsequent an offenen Standards ausrichten. Denn gerade Open Source entfaltet seinen größten Nutzen dort, wo Zusammenarbeit selbstverständlich wird.
Der Kurs Schleswig-Holsteins zeigt: Digitale Souveränität ist erreichbar. Dabei sieht sich das Land nicht als Sonderfall, sondern als Teil einer gemeinsamen Entwicklung. Wir möchten unsere Erfahrungen teilen, gemeinsam Lösungen weiterentwickeln und zeigen, dass digitale Souveränität praktisch erreichbar ist. Sie entsteht nicht durch Einzelprojekte, sondern durch strategische Konsequenz. Entscheidend ist die Bereitschaft, digitale Infrastruktur als Kern staatlicher Handlungsfähigkeit zu begreifen. Denn wer den Code nicht kontrolliert, kontrolliert auch den Staat nicht. Und schon gar nicht unsere Zukunft.
Erfahre mehr über die Digitalstrategie 2026 von Schleswig-Holstein.