ZUHÖRRAUM
Das Problem
Viele Menschen fühlen sich einsam, überfordert oder mit dem, was sie beschäftigt, allein – auch wenn sie von anderen Menschen umgeben sind. Gleichzeitig fehlen im öffentlichen Raum Orte, an denen man ohne Termin, Diagnose, Beratung oder Konsumzwang einfach erzählen kann und wirklich gehört wird.
Zwischen dem privaten Umfeld und professionellen Beratungs- und Hilfsangeboten besteht eine Lücke: Wer keine Therapie oder Beratung sucht, sondern zunächst einen Menschen braucht, der einfach zuhört, findet häufig keine passende Anlaufstelle.
Belastungen bleiben dadurch unausgesprochen, Begegnung nimmt ab und soziale Verbundenheit geht verloren. Kommunen brauchen deshalb niedrigschwellige soziale Orte, die frühzeitig ansetzen, Begegnung ermöglichen und Menschen unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation offenstehen.
Wie wurde das Problem gelöst?
momo hört zu e.V. hat mit dem ZUHÖRRAUM einen öffentlichen Ort geschaffen, an dem Menschen kostenlos, anonym und ohne Termin vorbeikommen können.
Ausgebildete ehrenamtliche Zuhörer:innen schenken ihnen Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie hören bewertungsfrei und absichtslos zu – ohne Ratschläge, Interpretation oder den Anspruch, ein Problem lösen zu müssen. Der ZUHÖRRAUM ist ausdrücklich kein Therapie- oder Beratungsangebot.
Besucher:innen müssen weder ein bestimmtes Anliegen haben noch begründen, warum sie kommen. Sie können erzählen, was sie gerade bewegt – oder einfach erleben, dass jemand für sie da ist und zuhört.
Im Mittelpunkt steht nicht die Lösung eines Problems, sondern eine grundlegende menschliche Erfahrung: gesehen und gehört zu werden.
Durch diesen niedrigschwelligen Ansatz erreicht der ZUHÖRRAUM auch Menschen, für die klassische Beratungs- und Unterstützungsangebote nicht passend sind oder die diese noch nicht benötigen.
So entsteht mitten im Alltag eine neue Form sozialer Infrastruktur: ein öffentlicher Raum für Zuhören, Begegnung und menschliche Verbundenheit.
Umsetzungsprozess
momo hört zu e.V. erprobte zunächst unterschiedliche Formate des Zuhörens und sammelte umfangreiche Erfahrungen mit ehrenamtlichen Zuhörer:innen. Daraus entwickelte der Verein einen methodischen Rahmen für das MOMO-Zuhören und entsprechende Qualifizierungs- und Qualitätsstandards.
2023 eröffnete in München der erste dauerhaft betriebene ZUHÖRRAUM. Seitdem werden die Gewinnung und Qualifizierung der ehrenamtlichen Zuhörer:innen, die Abläufe vor Ort und die Zusammenarbeit mit lokalen Partner:innen kontinuierlich weiterentwickelt.
Ein wichtiger Bestandteil war von Beginn an die Verbindung von Praxis und Wissenschaft. Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten DATIpilot-Projekts wurde der Ansatz gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke wissenschaftlich untersucht und weiterentwickelt.
An der Umsetzung wirken neben momo hört zu e.V. und den ehrenamtlichen Zuhörer:innen auch soziale Einrichtungen, lokale Akteur:innen, Wissenschafts- und Förderpartner:innen sowie Unterstützer:innen aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft mit.
Aus den Erfahrungen des laufenden Betriebs und der wissenschaftlichen Begleitung entsteht ein standardisiertes und übertragbares Modell.
Wirkung und Übertragbarkeit
Der ZUHÖRRAUM zeigt, dass Zuhören als eigenständiges niedrigschwelliges Angebot im öffentlichen Raum verankert werden kann.
Seine besondere Stärke liegt in seiner Einfachheit: Es braucht keine Diagnose, keinen Antrag und keinen konkreten Beratungsbedarf. Menschen können den Raum freiwillig und unmittelbar nutzen.
Gleichzeitig ist das Konzept so aufgebaut, dass nicht jede Kommune das Modell neu entwickeln muss. Der methodische Rahmen, die Qualifizierung der Zuhörer:innen, Qualitätsstandards, Erfahrungen aus dem laufenden Betrieb sowie Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung können auf weitere Standorte übertragen werden.
Neue ZUHÖRRÄUME sollen deshalb gemeinsam mit lokalen Partner:innen entstehen und an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepasst werden.
So kann aus einem einzelnen Ort eine übertragbare kommunale Infrastruktur des Zuhörens entstehen – ein Raum mitten im Alltag, in dem Menschen erfahren können: Hier ist jemand. Hier darf ich erzählen. Hier werde ich gehört.