Was wäre, wenn die Verwaltung die treibende Kraft für die Demokratie von morgen ist?
Georg Diez, Journalist, Autor und Strategic Advisor bei Re:Form, ProjectTogether
Wie lässt sich Deutschland verändern? Und welche Rolle spielt die Verwaltung dabei? Das waren für uns bei Re:Form die Fragen des Jahres 2024 - die durch die Initiative von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die vorgezogenen Bundestagswahlen nochmal mehr politische Relevanz bekommen haben.
Die Wahlprogramme von CDU, SPD und Grünen machen dabei deutlich, wie eng die Fragen von Demokratie und Verwaltung verbunden sind und wie wichtig es ist, eine Verwaltungsreform auch als Staatsreform zu denken. Nur ein Staat, der liefert, ist ein Staat, der Legitimation hat.
Allzu oft hapert es in Deutschland genau daran: Die Verwaltung wird als Problem gesehen. Sie soll schlanker, effektiver, besser werden. Die Kritik wird oft von einem tiefen Misstrauen in Rolle, Funktion und Kapazität des Staates getragen. Von Bürokratieabbau ist die Rede.
Dabei wäre es sehr viel richtiger, von einem notwendigen Umbau der deutschen Bürokratie zu sprechen – und zu erkennen, wie viel in der Verwaltung bereits an Veränderung geschieht. In der Praxis, in den verschiedenen föderalen, Landes- und Kommunalebenen, bei den Verwaltungspionier:innen und im Verwaltungsalltag findet die versprochene Zukunft schon statt.
Die Programme von CDU, SPD und Grünen, das ist die gute Nachricht, spiegeln dieses Vertrauen in die Verwaltung: Von starken Kommunen ist die Rede, von wirkungs- und zielorientiertem Haushalten, von einem praxisnahen Gesetzgebungsprozess, von Verwaltung als „One Stop" und einer Deutschland-App. Es sind in vielem die Handlungs- und Wirkungsfelder, die auch uns im vergangenen Jahr beschäftigt haben.
Deutlich wird: Es ist etwas in Bewegung. Wir haben das erlebt bei den beiden so inspirierenden Foren für den Staat von morgen, die im Frühjahr und Herbst in Wuppertal und Wiesbaden stattfanden – wo wir mit Praktiker:innen aus allen Bereichen der Verwaltung an Ideen und Konzepten für eine andere Personal- und Organisationskultur gearbeitet haben, für breite Wirkungsorientierung, für einen Föderalismus, der hilft, nicht hindert.
Tatsache ist: Überall im Land gibt es bereits innovative Verwaltungslösungen. Wir haben im vergangenen Jahr viel unternommen, um diese Initiativen sichtbar zu machen und ihre Verbreitung zu fördern – zum Beispiel mit dem Siegel „Bewährt vor Ort", das wir gemeinsam mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ins Leben gerufen haben. Im Mai 2024 hat eine unabhängige Jury sieben kommunale Innovationen ausgezeichnet. Jetzt geht diese Initiative in die zweite Runde.
Ein anderes Beispiel ist der neu geschaffene Ko-Pionier-Preis – Menschen in Verwaltungen, die inspirierende Lösungen von anderen an ihre Bedingungen anpassen und nachnutzen, sind mindestens genauso entscheidend für funktionierende Abläufe wie die Ideen selbst. Ohne Verbreitung wenig Veränderung – 2025 vergeben wir gemeinsam mit Partner:innen den Ko-Pionier-Preis für erfolgreiche Nachnutzungen zum ersten Mal.
Staatsreform ist für uns etwas, das aus Erfahrung und Ambition entsteht, eine Bottom-up-Bewegung von Menschen, die Experimentierfreude, Aufbruchsgeist, Vision, Energie und der Dienst an der Demokratie verbindet – und diese Demokratie ist schützenswert, sie ist gefährdet, sie lässt sich aber, davon sind wir überzeugt, am besten dadurch schützen, dass man sie erneuert.
„Wir regieren anders, als wir leben", dieser Satz steht auf unserer Webseite, und er gibt dieses Gefühl wieder, dass es die Kluft zwischen der Logik einer digital erlebten Alltagswirklichkeit und einer in vielem immer noch analogen Verwaltungsrealität ist, die zu einem existenziellen Problem für die Demokratie zu werden droht. Resilienz ist wichtig, aber Resilienz entsteht oft durch Reform.
Es sind die Mutigen, die diesen Schritt gehen, und wir wollen sie finden, sie fördern, sie weiter ermutigen – auch in der Politik, weil Verwaltungsreform starken politischen Willen braucht, über Parteigrenzen hinweg. Eine Staatsreform gelingt nur, wenn bottom-up und top-down zusammenwirken. Es sind viele, das wissen wir aus unseren Gesprächen mit den Politiker:innen, die sich mit uns zu einer parteiübergreifenden Allianz verbunden haben und deutlich machen, dass Staatsreform kein Streitthema dieses Wahlkampfs ist, sondern ein Schicksalsthema für uns alle.
Diese Arbeit wird 2025 weitergehen, vor der Bundestagswahl und danach – denn Staatsreform ist nichts, was man einmal macht, Staatsreform ist dauernd. Wir sind deshalb dankbar für das Vertrauen und das Commitment von so vielen, die uns in diesem Jahr begleitet und inspiriert haben und die in den wichtigen Jahren, die vor uns liegen, eine Bewegung bilden, die wächst.
Die Reform, die die kommende Zukunftskoalition angehen muss, wird sich in den Koalitionsverhandlungen und darüber hinaus bilden: Wie können die besten Köpfe mit modernen Arbeitsweisen für das „Team Staat" gewonnen werden? Wie können Gesetze so gestaltet werden, dass sie Wirkung in der Umsetzung erzielen? Wie schaut eine bürgerzentrierte und digitale Verwaltung aus? Wie arbeitet der Staat in Partnerschaft mit Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft?
Die Verwaltung kann eine gesellschaftliche Membran sein, die jenseits politischer Unterschiede eine Gemeinsamkeit erzeugt, die Veränderung möglich macht, weil sie Vertrauen schafft. Und dieses Vertrauen wird immer wichtiger. Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Klima und Technologie formen die Fragen der Zukunft, die wirtschaftliche und demographische Entwicklung und die wachsende soziale Ungerechtigkeit sind unmittelbare Herausforderungen.
Diese Gesellschaft muss lernen, mit dem Neuen zu leben. Der Staat muss lernen, dieses Neue zu gestalten. Gibt es eine Trennung zwischen Staat und Gesellschaft? Ja, nein. Für eine neue Gestalt des Staates müssen wir offen sein für die Formen der Zukunft, die wir noch nicht kennen. Den Staat von der Zukunft her denken, nicht aus der Vergangenheit.
In diesem Sinn, alles Gute für 2025. Die Zukunft hat längst begonnen.
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