Was wäre, wenn öffentliche und private Gelder so eingesetzt werden, dass wir in Kri­sen­zei­ten schneller reagieren können?

Bernd Krösser, Staats­se­kre­tär im Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Heimat, und Lisa Klein, Project Manager der Welcome Alliance, Pro­ject­Tog­e­ther

 

Als Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Heimat und Welcome Alliance von Pro­ject­Tog­e­ther sind wir überzeugt: Aktuelle Her­aus­for­de­run­gen und Krisen können wir besser bewältigen, wenn Staat und Zi­vil­ge­sell­schaft mit ihren jeweiligen Fähigkeiten und Kompetenzen gut vernetzt werden. Und wir sind überzeugt, dass es Mög­lich­kei­ten gibt, das schon heute hin­zu­be­kom­men. Besonders in akuten Kri­sen­si­tua­tio­nen sehen wir großes Potenzial in neuen Lösungen und Bündnissen, mit welchen der Staat zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Schnel­lig­keit, Kreativität und Um­set­zungs­stär­ke besser hebeln kann.

Schon heute gibt es eine Vielzahl an öf­fent­li­chen För­der­instru­men­ten, die zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen un­ter­stüt­zen und damit ge­sell­schaft­li­ches Engagement sowie Par­ti­zi­pa­ti­on fördern. Im Bereich Migration ist ein großer Fonds zum Beispiel der Asyl-, Migrations- und In­te­gra­ti­ons­fonds.

Diesen För­der­instru­men­ten liegt allerdings in der Regel ein spe­zi­fi­scher An­trags­pro­zess mit ent­spre­chen­den Vor­lauf­zei­ten, ad­mi­nis­tra­ti­ven und formal-in­halt­li­chen An­for­de­run­gen an Or­ga­ni­sa­ti­on, Förderzweck und Fi­nan­zie­rungs­be­din­gun­gen zugrunde, der ins­be­son­de­re für kleinere Initiativen und Or­ga­ni­sa­tio­nen oft schwer oder auch gar nicht zu erfüllen ist. In der Mehrzahl sind die För­der­instru­men­te aufgrund ihrer Aus­ge­stal­tung auch nicht geeignet, in kurz­fris­ti­gen, kri­sen­haf­ten Situationen schnell über die klassischen Nutzer:innen hinaus weitere Or­ga­ni­sa­tio­nen und Initiativen ein­zu­be­zie­hen.

Diese Pro­blem­stel­lung lässt sich besonders im Bereich Migration erkennen. Ge­mein­nüt­zi­ge Akteur:innen, viele davon Migrant:in­nen­selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen (MSOs), sind nah an der Zielgruppe, entlasten Kommunen bereits und ergänzen damit die von staatlicher Seite erbrachten Ba­sis­leis­tun­gen. Sie verfügen über spezifische Kenntnisse als auch Zugänge und sind damit oft in der Lage, ihre Angebote schnell und un­bü­ro­kra­tisch an veränderte Bedingungen anzupassen. Außerdem können sie in Kri­sen­re­ak­tio­nen schnell über die Aktivierung von eh­ren­amt­li­chen Potenzialen reagieren und auf ein großes Spektrum an Fähigkeiten und Wissen aus der Zi­vil­ge­sell­schaft zu­rück­grei­fen.

Es braucht genau für diese Akteur:innen flexible Fi­nan­zie­rungs­in­stru­men­te: Sie sollen in „Nor­mal­zei­ten“ bestehende Fähigkeiten und Kompetenzen der Zi­vil­ge­sell­schaft zur Un­ter­stüt­zung von Ankommen und Teilhabe erhalten und stärken. Und so ver­schränk­te Strukturen zwischen Staat und Zi­vil­ge­sell­schaft schaffen, die das Potenzial haben, In­no­va­tio­nen zu fördern und in Kri­sen­zei­ten schnell zu skalieren.

Deshalb haben wir, vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innen und für Heimat und der Welcome Alliance von Pro­ject­Tog­e­ther, im Mai 2024 den Welcome Alliance Fund zu einem privat-öf­fent­li­chen Förderfonds wei­ter­ent­wi­ckelt. Als Pi­lot­pro­jekt bündelt er staatliche und private Gelder.

Anspruch des privat-öf­fent­li­chen Welcome Alliance Fund ist es, schnell und flexibel zu reagieren, den Staat in Kri­sen­si­tua­tio­nen hand­lungs­fä­hi­ger zu machen und zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches Engagement optimal zu un­ter­stüt­zen. Das gelingt uns mit folgenden Mitteln:

  • Fle­xi­bi­li­sie­rung der För­der­mög­lich­kei­ten: Durch die Verbindung von öf­fent­li­chen und privaten Mitteln sind bei­spiels­wei­se überjährige Förderungen möglich. Zudem können Akteur:innen ver­schie­dens­ter Rechts­for­men unterstützt werden.
  • Schnelle Verfahren: Von der Bewerbung bis zur Auszahlung der privat-öf­fent­li­chen Gelder dauert es maximal bis zu zwölf Wochen. Das Geld wird also dann aus­ge­schüt­tet, wenn es gebraucht wird und ist kein Bottleneck für Innovation und Umsetzung wichtiger Lösungen.
  • Wir­kungs­ori­en­tier­tes Reporting: Das Reporting ist wesentlich auf den Wir­kungs­nach­weis begrenzt. Damit ist weniger ad­mi­nis­tra­ti­ver Aufwand für geförderte Projekte als bei her­kömm­li­chen öf­fent­li­chen Förderungen notwendig.
  • Be­dürf­nis­ori­en­tie­rung: Die Mitglieder des Fund-Beirats, der über die Vergabe der Gelder entscheidet, bringen diverse Expertisen aus dem privaten und öf­fent­li­chen Sektor mit und sind nah an der Lebenswelt ge­flüch­te­ter und zu­ge­wan­der­ter Menschen dran.
  • Hochfahren in Krisen: Ein schnelles Ausweiten des För­der­an­ge­bots ist besonders in akuten Kri­sen­si­tua­tio­nen möglich.

Im Jahr 2024 konnten wir unseren Ansatz mit Erfolg testen: Insgesamt wurden 41 Förderungen in Gesamthöhe von über 1,7 Millionen Euro aus­ge­spro­chen.

Gefördert wurden Vorhaben von Pri­vat­per­so­nen, ge­mein­nüt­zi­gen und „for-profit“ Akteur:innen mit Preis­gel­dern be­zie­hungs­wei­se privaten Förderungen, Ver­an­stal­tungs­pau­scha­len und Ein­zel­sti­pen­di­en. För­der­bei­spie­le sind über die Webseite des privat-öf­fent­li­chen Welcome Alliance Funds einsehbar.

Jetzt gilt es, die Erfahrungen und Erfolge dieses neuen Modells in die Breite zu tragen. Gerade in Zeiten knapper Mittel kann ein privat-öf­fent­li­ches För­der­instru­ment seine volle Wirksamkeit entfalten: Wenn Staat, Wirtschaft und Zi­vil­ge­sell­schaft tragfähige Förder-Strukturen aufbauen, entstehen Mechanismen, die auch in der Knappheit bestehen und gestärkt aus Krisen hervorgehen können.

 

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Diesen Beitragen haben wir am 12. Dezember 2024 in unserem Re:Form-Newsletter erschienen. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.