Vision Staat 2040

Hört auf, Künstliche Intelligenz wie einen Staubsauger zu regulieren

Kirsten Rulf, Stra­te­gie­be­ra­te­rin und ehem. Re­fe­rats­lei­te­rin für Grund­satz­fra­gen der Di­gi­tal­po­li­tik im Bun­des­kanz­ler­amt

Was hat ein Ge­mü­se­händ­ler aus Tunesien mit einem Staubsauger und einem KI-Chatbot zu tun? Vor genau 15 Jahren hat sich der tunesische Ge­mü­se­händ­ler Mohamed Bouazizi aus Protest gegen Po­li­zei­will­kür und Staats­ver­sa­gen selbst angezündet und damit den „Arabischen Frühling“ ausgelöst. Die erste Social-Media-Revolution der Welt. Facebook, Twitter und YouTube – damals noch neue Plattformen – dienten als Ka­ta­ly­sa­to­ren, um Proteste und Staats­ge­walt transparent zu machen und über Stadt- und Län­der­gren­zen hinweg zu tragen. De­mons­tran­ten vernetzten sich, dik­ta­to­ri­sche Regierungen stürzten, und die sozialen Medien wurden gefeiert.

Auch damals, 2011, standen Politik und Verwaltung vor einer neuen Technologie, die das Verständnis von politischer Teilhabe, Information und Demokratie neu definierte, so wie jetzt bei KI. In den ersten Jahren begegneten Policy-Maker den Plattform-Chefs mit Staunen und fast Ehrfurcht, ganz ähnlich wie heute den LLM-Anbietern. Wer nicht restlos begeistert war, wurde belächelt, wie zum Beispiel Angela Merkel. Die sagte 2013 bei einer Pres­se­kon­fe­renz den berühmten Satz: „Das Internet ist für uns alle Neuland!“ und wurde zum Meme. Wer Regeln oder gar Regulierung für Plattformen forderte, wurde als Fort­schritts­ver­hin­de­rer ab­ge­stem­pelt.

Heute, nach dem Brexit, der zweimaligen Wahl von Donald Trump, hybrider Kriegs­füh­rung aus Russland und vielen anderen Erfahrungen mit Online-Fil­ter­bla­sen, lächeln nur noch wenige. Seit 2024 – mehr als zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling – gibt es mit dem „Digital Services Act“ eine europäische Plattform-Regulierung. Ob sie wirksam ist, wissen wir noch nicht. Und wir diskutieren längst nicht mehr über das Ob, sondern nur noch ab welchem Alter eine Social-Media-Be­schrän­kung für Kinder sinnvoll wäre.

Jetzt werden viele sagen: „Aber bei KI haben wir es doch gerade deswegen anders gemacht und haben direkt eine Regulierung geschaffen, sogar noch bevor die Technologie richtig in Wirtschaft, Staat, und Ge­sell­schaft angekommen ist! “

Und hier kommt der Staubsauger ins Spiel.

Denn derzeit werden Staubsauger, KI-Systeme, wie bei­spiels­wei­se Chatbots, und Social-Media-Plattformen vom Gesetz fast genau gleich behandelt: Alle gelten im Prinzip als Produkte und sind - einfach gesagt - auch so reguliert. Der Staubsauger in der EU-Ökodesign-Verordnung, der KI-Chatbot eben in der EU-KI-Verordnung. Am Ende gilt für beide: CE-Kennzeichen drauf, fertig. Wir regeln Produkte und ihre technische Sicherheit, nicht Tech­no­lo­gien und ihre ge­sell­schaft­li­che Wirkung.

Das bringt zwei Probleme mit sich: Zum einen wird es den tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen nicht gerecht, die KI für unsere Ge­sell­schaft, Wirtschaft und Demokratie bringt. Eine Pro­dukt­re­gu­lie­rung erfasst und steuert nicht, welche Folgen – ob positiv oder negativ – KI für den Ar­beits­markt haben wird, auf Jobprofile zum Beispiel, oder auf die Chancen von Be­rufs­an­fän­gern. Eine Pro­dukt­re­gu­lie­rung hilft auch nur begrenzt, wenn KI-erzeugte Fotos oder Videos eine parallele Öf­fent­lich­keit erzeugen, Demokratie gefährden, oder wenn KI-Modelle schleichend und bank­über­grei­fend unser Fi­nanz­sys­tem aushebeln.

Zudem lässt eine solche Pro­dukt­re­gu­lie­rung die Verwaltung noch hilfloser gegenüber den Tech-Konzernen aussehen, als sie ohnehin schon wirkt. Das schlägt sich im Vertrauen nieder: Laut einer Umfrage des Deutschen Be­am­ten­bunds hält nur noch gut ein Viertel der Bevölkerung den Staat überhaupt für fähig, seine Aufgaben zu erfüllen. Gerade einmal 15 Prozent sehen ihre Erwartungen an eine moderne digitale Verwaltung erfüllt. Wer schon beim digitalen Füh­rer­schein an der Kompetenz des Staates zweifelt, wird bei der KI kaum zu­ver­sicht­li­cher.

Deshalb müssen wir jetzt handeln und dürfen bei KI nicht den gleichen Fehler machen wie bei der Plattform-Regulierung.

Was wäre, wenn die Verwaltung lernt, Regulierung nicht mehr als ju­ris­ti­schen Text auf­zu­schrei­ben, sondern direkt zu pro­gram­mie­ren? Und wenn solche pro­gram­mier­ten Gesetze lernen würden wie KI? Erkennt das System zum Beispiel, dass ein General-Purpose KI-Modell plötzlich bei Teenagern extrem beliebt wird, aber auch verstärkt zu verzerrter Kör­per­wahr­neh­mung, Des­in­for­ma­ti­on, Schlaf­stö­run­gen und De­pres­sio­nen führt, passt sich das Gesetz automatisch an: neue Trans­pa­renz­pflich­ten, verschärfte Sicherheits- und Mi­ti­ga­ti­ons­maß­nah­men, Echtzeit-Prüf­pro­to­kol­le. Regulierung, die KI konstruktiv einschränkt und sich zugleich mit ihr wei­ter­ent­wi­ckelt. Au­to­ma­ti­sier­te Rechts­durch­set­zung statt langer Ge­richts­ver­fah­ren. Gesetze wären dann nicht mehr statischer Text, sondern lebendiger Code.

„Code is law", das Prinzip dahinter, ist keine neue Idee. Wir haben in Deutschland genau die richtigen Talente, um diese Idee groß zu machen: Das technische Know-how bringt die Bun­des­agen­tur für Sprung­in­no­va­tio­nen (SPRIN-D), die eine Initiative „Law as Code“ hat. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Di­gi­ta­li­sie­rung und Staats­mo­der­ni­sie­rung hat ein eigenes Referat „Son­der­auf­ga­be Law as Code, legistische Konzepte“. Aus der Wis­sen­schaft und der Start-up-Welt kommen Ideen und erste Produkte, wie bei­spiels­wei­se die von der Rulemapping Group.„Code is Law“ könnte ein Unique Selling Point der deutschen Verwaltung werden, eine globale Marke. Denn für pro­gram­mier­te Gesetze braucht es zuerst auch exzellentes ju­ris­ti­sches Denken, und das haben wir in der Verwaltung.

Einer KI die Rechts­durch­set­zung automatisch überlassen - das mag be­ängs­ti­gend klingen und braucht sicher Leitplanken. Es ist aus meiner Sicht aber der einzige Weg nach vorn, wenn wir nicht – wie bei anderen Brüsseler Digital-Re­gu­lie­run­gen – jahrelang auf Wirkung und Urteile warten wollen. Siehe Plattformen.

Zweiter Vorteil: Der „Code is Law“-Approach gibt uns tiefe Einblicke in die Ver­än­de­run­gen, die KI schleichend in die Ge­sell­schaft bringt. Wie wäre es, wenn jedes Land eine Art Zentralbank für KI-Risiken hätte? KI-Systeme würden modellieren, wie sich Arbeitswelt, Demokratie oder psychische Gesundheit verändern könnten – und das für alle transparent machen mit einem öf­fent­li­chen Dashboard. Das zeigt, wo die Dinge aus dem Ruder laufen könnten, noch bevor etwas passiert. So hätten alle Sicht­bar­keit auf ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen durch KI und könnten bei Bedarf automatisch ge­gen­steu­ern. Da­ten­ge­trie­be­ne Politik.

Wir dürfen KI nicht weiter einfach nur regulieren wie einen Staubsauger, sondern wir müssen sie mit den Ei­gen­schaf­ten einer KI regulieren: iterativ, adaptiv, in Echtzeit. Das erfordert Rechts­sys­te­me, die selbst KI nutzen, um KI-Regulierung einem Stresstest auszusetzen, Risiken vor­her­zu­sa­gen und sich mit ihr wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. „Code is law“ kann als Civic Technology ein deutscher Ex­port­schla­ger werden und gleich­zei­tig das Vertrauen der Bürger:innen in einen hand­lungs­fä­hi­gen Staat erhöhen. Keine andere Verwaltung auf der Welt könnte besser voran gehen als unsere.

Das Ziel muss ja sein, dass die mächtigsten Technologie-Systeme der Welt auch künftig von le­gi­ti­mier­ten Policy-Makern regiert werden – und nicht umgekehrt.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 6. August 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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