Vision Staat 2040

Über Imagination, Ver­ant­wor­tung und In­fra­struk­tu­ren der Sorge

Ouassima Laabich, Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin und Gründerin von Muslim Futures

Ich saß kürzlich im Bürgeramt und zog eine Nummer: 18796. Ein Vorgang, ein Zeitfenster, ein Platz im System, kurz dem Si­cher­heits­per­so­nal zuwinken, hinsetzen und warten. Für mich war dieser Moment, das Sitzen im War­te­be­reich hoch aufgeladen: Er markierte das vorläufige Ende einer langen per­sön­li­chen Reise und zugleich die erneute Erfahrung, wie tief das Persönliche in verwaltete Abläufe ein­ge­schrie­ben ist. Es machte mir wieder einmal bewusst, dass Verwaltung kein neutraler Raum ist und die Abfolgen, so eingeübt sie sind, in Leben ein­schnei­den, sie lenken, pausieren, abschieben. Sie ist ein Ort, an dem Zukünfte ver- und behandelt werden.

Während mein Anliegen reibungslos bearbeitet wurde, saß wenige Meter weiter eine Frau. Uns trennte eine imaginierte Wand, da wir Rücken zu Rücken mit den jeweiligen Ver­wal­tungs­be­am­tin­nen sprachen. Mithilfe von Google Translate versuchte sie, ihre Situation zu erklären. Ich hörte zwi­schen­durch „Je peux pas vous expliquer exactement en allemand.“ („Ich kann Ihnen das nicht genau auf deutsch erklären.”), „Ich übersetze, Moment.“ und auch ein „Merdre.“ („Mist.”). Das sage ich mir auch oft, dachte ich mir und natürlich wollte ich nicht zuhören, aber die Wand war eben nur imaginär.

Und genau dort, in diesem Zwi­schen­raum aus geteilten Blicken und un­frei­wil­lig geteilten Sätzen, verdichtete sich die Architektur der Verwaltung: Sprache, Zeitdruck (exakte zwölf Minuten pro Bürger:in), Vor­schrif­ten. So plastisch und nah ist diese Schwelle, die darüber entscheidet, ob Vor­stel­lun­gen Realität werden oder noch um einige verschoben werden müssen.

Ich bin nach meinem Anliegen raus und habe unten auf die Person gewartet, die mir dann erzählte, dass es ihr dritter Versuch sei, ihre Dokumente zu erneuern. Dass jeder kleine Fehler, jede Frist, jede fehlende Übersetzung ihre Zukunft verzögere. Verwaltung war für sie nicht Service, sondern eine Hürde.

Was hat diese Sequenz nun mit dem Leitbild eines Staates 2040 zu tun? Alles, denn diese Mo­ment­auf­nah­me ist kein Einzelfall. Sie verweist auf eine zentrale und struk­tu­rel­le Zu­kunfts­fra­ge staatlichen Handelns: Wie gestalten wir Governance so, dass sie nicht nur korrekt, sondern wirksam, gerecht und men­schen­zen­triert ist?

Im Alltag der Verwaltung sind Menschen Vorgänge. Sie haben Nummern, Zeitfenster, Ak­ten­zei­chen. Das ist notwendig (oder wir glauben, dass es das sei) und gleich­zei­tig zeigt sich hier eine Spannung, die für den Staat 2040 ent­schei­dend ist: Menschen kommen nicht mit isolierten Anliegen, sondern mit Biografien, Un­si­cher­hei­ten und Zu­kunfts­fra­gen. Und sie bringen Affekte mit, jene leisen und lauten Regungen, die zwischen den Schaltern zirkulieren und die oft mehr sagen als jedes Formular. 

In diesen Räumen wird gelacht, geweint, geflüstert, geschimpft. Es wird gehofft, gebangt, geatmet. Verwaltung ist nicht neutral, sie ist ein emotionaler Kon­takt­punkt, an dem sich staatliche Strukturen in Gesichtern, Stimmen, Kör­per­hal­tun­gen spiegeln. Jede Interaktion ist eine kleine Szene, in der sich die politischen Versprechen und die affektive Realität des Staates begegnen: Manchmal warm, manchmal kalt, manchmal brüchig. In anderen Worten: Verwaltung bearbeitet nicht nur Anträge, sondern Le­bens­über­gän­ge.

Die Soziologin und Professorin Ruha Benjamin erinnert uns daran, dass Zukünfte nicht verwaltet, sondern entworfen werden. Imagination ist dabei keine Spielerei, sondern politische Praxis. Sie entscheidet darüber, welche Le­bens­rea­li­tä­ten als denkbar, legitim und un­ter­stüt­zens­wert gelten. Gleich­zei­tig fordert Benjamin dazu auf, bestehende Strukturen zu demontieren, die für viele Menschen nicht bewohnbar sind. Für Verwaltung heißt das: Reform beginnt dort, wo wir bereit sind, unsere eigenen Routinen, Ef­fi­zi­enz­lo­gi­ken und Neu­tra­li­täts­an­nah­men zu hin­ter­fra­gen.

Die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Autorin bell hooks formuliert sinngemäß, dass das, was wir uns nicht vorstellen können, auch nicht entstehen kann. Übertragen auf staatliche Praxis bedeutet das: Ohne eine kollektive Vorstellung davon, wie ein sorgender, gerechter Staat aussieht, bleiben Ver­wal­tungs­re­for­men tech­no­kra­tisch. Di­gi­ta­li­sie­rung ohne Beziehung, Effizienz ohne Vertrauen und Ordnung ohne Sinn.

Mein Plädoyer für den Staat 2040 ist daher ein Plädoyer für In­fra­struk­tu­ren der Fürsorge. Und ich möchte hier keinen moralischen Appell an einzelne Mit­ar­bei­ten­de aussprechen (denn auch sie sollen sich gerechtere Al­ter­na­ti­ven vorstellen und nach ihnen streben können), sondern vielmehr auf die struk­tu­rel­le Qualität von Governance hinweisen. Da sollten wir gemeinsam rein und sie re-imaginieren und in keinem Fall den Fokus verlieren.

Fürsorge kann sich dann in zu­gäng­li­chen Verfahren, in ver­ständ­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on, in Zeit­fens­tern, die komplexe Le­bens­rea­li­tä­ten anerkennen, zeigen. Sie offenbart sich in Be­tei­li­gungs­for­ma­ten, die nicht nur informieren, sondern mit­ent­schei­den lassen. Und sie zeigt sich in einer Verwaltung, die lernfähig ist, die Fehler nicht nur sank­tio­niert, sondern als Hinweise auf systemische Un­gleich­hei­ten liest. Es braucht hierfür das Verständnis, dass Governance nicht nur die Durch­set­zung von Regeln und Re­gu­lie­run­gen meint, sondern dass Governance die Art ist, wie wir uns entscheiden, miteinander (Staat) zu sein. In jedem Formular, jedem Gespräch, jeder Er­mes­sens­ent­schei­dung werden Zukünfte verteilt und affektiv reguliert.

Ein Staat 2040, der gerecht sein will, muss sich dieser Ver­ant­wor­tung stellen. Er muss Imagination als Ressource begreifen, Sorge als In­fra­struk­tur denken und Verwaltung als einen Ort verstehen, an dem ge­sell­schaft­li­ches Zu­sam­men­le­ben täglich neu aus­ge­han­delt wird.

Ein Staat 2040, der gerecht sein will, muss Empathie als In­fra­struk­tur in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren. In einer realen Utopie ist diese par­ti­zi­pa­tiv, transparent, re­chen­schafts­pflich­tig. Aber auch: langsam genug, um zuzuhören, flexibel genug, um Menschen nicht an Verfahren zerbrechen zu lassen und vor Allem: Mutig genug. Und warum auch nicht, wieso sollte das nicht möglich sein?

Zukünfte entstehen nicht irgendwann, sondern genau jetzt. Sie entsteht genau hier, wenn wir uns gerechtere und inklusivere Formen vorstellen und nach diesen Vor­stel­lun­gen streben, für sie streiten und in Aushandlung bleiben.

 
 
In unserer neuen Reihe Vision Staat 2040 be­schäf­ti­gen wir uns mit der Frage: Was muss der Staat von morgen leisten, damit er hand­lungs­fä­hig bleibt? Diesen Beitrag haben wir am 5. März 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach. 
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