Was wäre, wenn Künstliche Intelligenz die Verwaltung stärken würde?
Noah Muser, Co-Initiator von Re:Form, und Antonia Baskakov, Project Manager Re:Form
Stell Dir vor, Deine Mutter wird pflegebedürftig und plötzlich stehen neben der Sorge um ihre Gesundheit auch Wochen voller Formulare, Mehrkosten und Unsicherheit vor Dir. Dann liest Du in der Zeitung, dass es aufgrund des Personalmangels fünf bis zehn Monate dauern kann, bis Familien in Berlin Steglitz-Zehlendorf einen Bescheid für die Hilfe zur Pflege bekommen. Das sind Monate, in denen die Pflegeheimkosten laufen und niemand sagen kann, ob und wann Hilfe kommt. So lief es bisher.
Doch dieses Jahr ist in Steglitz-Zehlendorf ein Pilot-Projekt gestartet, um das zu ändern: Ein KI-System unterstützt die Sachbearbeitung bei der Prüfung der Unterlagen. So ist die Bearbeitungszeit um 45 % gesunken und Anträge konnten teils in Tagen beschieden werden. Das ist eines von 20 Pilot-Projekten, mit denen Deutschland gerade ausprobiert, wie Künstliche Intelligenz (KI) die Verwaltung spürbar entlasten kann.
Im März ist der Agentic AI Hub gestartet, ein Programm des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS), das gemeinsam mit dem DigitalService KI-Agenten erstmals systematisch in deutschen Rathäusern testen ließ. KI-Agenten sind Programme, die gegebene Aufgaben in einem festgelegten Rahmen selbstständig erledigen können. Auf den Aufruf hatten sich zuvor rund 400 Start-ups und knapp 200 Kommunen gemeldet. Eine Resonanz, die zeigt, wie groß der Bedarf ist.
Mitte Juni wurde die Pilotphase mit 20 Pilot-Projekten in 19 Kommunen mit neun Start-ups abgeschlossen. Die Bilanz laut Deutschem Städtetag: Verwaltungsverfahren wurden spürbar beschleunigt, Routineaufgaben vereinfacht und die Gesamtzufriedenheit der teilnehmenden Kommunen lag in der bisherigen Laufzeit bei 95 %.
Die Praxisbeispiele zeigen erste Wirkung. Im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf half ein KI-Agent gemeinsam mit dem Start-upMyosotis, die Antragstellung für „Hilfe zur Pflege“ zu vereinfachen. Im Kreis Borken bauten Verwaltung und das Berliner Start-updeepsetan einer intelligenten Dokumentenanalyse. In München entwickelten IT-Referat, Kreisverwaltungsreferat und das UnternehmenCelonisgemeinsam einen Prototypen für komplexe Antragsverfahren.
Im Mittelpunkt stand für die Kommunen vor allem eines: Beschäftigte von Routinearbeit zu befreien und Verfahren zu beschleunigen. Genau dort zeigen die Abschlussergebnisse des BMDS deutliche Effekte. Bei komplexen DSGVO-Auskunftsersuchen sank die Bearbeitungszeit um über 90 %, pro Fall konnten bis zu 28 Arbeitsstunden eingespart werden. Bei Anträgen auf „Hilfe zur Pflege“ verkürzte sich die gesamte Durchlaufzeit um 45 %, der reine Bearbeitungsaufwand der Ämter sank um 31 %.
Diese Pilot-Projekte zeigen, dass KI in der Verwaltung funktionieren kann. Damit daraus echter Strukturwandel wird, müssen nun drei Voraussetzungen erfüllt werden: klare Leitplanken für den Einsatz von KI definieren, Kompetenzen in Verwaltungen aufbauen, und Gelingensbedingungen, die erfolgreiche Lösungen schnell in die Fläche bringen, ausweiten.
Bei der Staatsreform müssen wir KI unbedingt mitdenken. Doch gerade dort, wo der Staat über Rechte, Leistungen und Pflichten entscheidet, braucht ihr Einsatz klare Regeln. Der niederländische Kindergeld-Skandal hat gezeigt, wohin unzureichend kontrollierte, teilautomatisierte Entscheidungen führen können: Zehntausende Eltern wurden fälschlicherweise des Sozialbetrugs beschuldigt.
Laut BMDS bereiten KI-Agenten Entscheidungen bisher nur vor, treffen sie aber nicht selbst. Das wird sich aber in absehbarer Zeit ändern, wenn ihr volles Potential in der Verwaltung ausgeschöpft werden soll. Dafür haben wir den konkreten Vorschlag: KI-Agenten, die Entscheidungen über Menschen vorbereiten oder treffen, brauchen über den bestehenden AI Act der Europäischen Union hinaus eine gesetzliche Treuepflicht gegenüber den Betroffenen. Das wäre eine Verpflichtung der anwendenden Behörden gegenüber den Bürger:innen: KI-Systeme dürften nur eingesetzt werden, wenn ihr Einsatz nachweislich im Interesse der Betroffenen liegt.
Eine (teil-)automatisierte Bearbeitung von Pflegeanträgen müsste daher garantieren, dass Antragstellende mindestens genauso vorteilhafte Ergebnisse erhalten, wie durch eine menschliche Bearbeitung. Ärzt:innen und Fondsverwalter:innen unterliegen längst derartigen Treuepflichten und sie sind kaum mehr aus dem Gesundheitswesen oder der Finanzverwaltung wegzudenken. Sie zeigen einen praktikablen Weg, wie KI im Interesse der Bürger:innen im öffentlichen Sektor entwickelt werden kann.
Wie bei vielen anderen Digitalisierungsprojekten stellt sich auch bei Agentic AI die Frage, wer die zugrunde liegende Kompetenz und Infrastruktur kontrolliert. Wie akut die Herausforderung digitaler Souveränität ist, zeigt ein bemerkenswertes Eingeständnis der Bundesregierung. Sie räumte im August 2025 ein, dass Deutschland in zentralen Bereichen wie Cloud-Infrastruktur, Betriebssystemen und Netzwerktechnik weiterhin von US-Anbietern abhängig ist.
Selbst sicherheitskritische Behörden wie die Bundespolizei nutzen Dienste von AWS und Microsoft. Gerade im Kerngeschäft des Staates widerspricht eine solche Abhängigkeit dem Anspruch auf digitale Souveränität. Dass der Agentic Hub mit dem DigitalService, einer leistungsstarken hundertprozentigen Tochter des Bundes, gestaltet wird, zeigt, dass der Staat Kompetenz auch intern aufbauen und stärken kann. Und die öffentliche Beschaffung muss systematisch genutzt werden, um ein offenes Ökosystem für souveräne KI-Anwendungen zu schaffen.
Die größte Hürde für KI in der Verwaltung ist die Skalierung. Das BMDS plant als nächsten Schritt eine Handreichung für rechtssichere, niedrigschwellige Beschaffungen unterhalb der Vergabeschwellen sowie ein dynamisches Beschaffungssystem, ein sogenanntes „Digitales Kaufhaus”, über das Kommunen standardisierte KI-Produkte künftig unkompliziert und vergaberechtskonform einkaufen können sollen. Die Einführung ist für Anfang 2027 geplant.
Wo KI anschließend echten Mehrwert schafft, lässt sich nicht im Voraus bestimmen, sondern nur im praktischen Einsatz. Dazu braucht es den Mut zum Experiment und die Bereitschaft, auch Fehlschläge offen zu reflektieren und für Erkenntnisgewinn zu nutzen. Umso wichtiger ist eine systematische Evaluation der Ergebnisse: Welche Anwendungen verbessern Leistungen für Bürger:innen, entlasten Mitarbeitende und beschleunigen die Staatsmodernisierung? Eine solche Gesamtauswertung der bisherigen Pilot-Projekte steht bislang aus.
Der Agentic AI Hub hat in kurzer Zeit gezeigt, dass es in der Verwaltung und Start-up-Szene genug Energie für echte Umsetzung gibt. Rund 600 Bewerbungen sprechen dafür. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt jetzt: ob aus 20 Prototypen ein Beschaffungsweg wird, den auch die kleinste der rund 11.000 Kommunen gehen kann, und ob daraus ein privat-öffentliches Ökosystem entsteht, das leistungsfähige und digital souveräne Lösungen entwickelt. Erst dann bekommen nicht nur in Steglitz-Zehlendorf Familien ihren Pflegebescheid innerhalb von Tagen.
Erfahre mehr
- Agentic AI Hub: Agentische KI für Kommunen
- Abschlussergebnisseder Pilotphase des Agentic AI Hub
- Website des EU Artificial Intelligence Act