Was wäre, wenn  Kommunen KI-Kompetenzen vermitteln würden?

Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß, be­rufs­mä­ßi­ges Stadt­rats­mit­glied und Leiter des Referates für Wirtschaft, Wis­sen­schaft und Finanzen der Stadt Regensburg

Was wäre, wenn 81-jährige Rentner bei KI am Ball bleiben können? Was wäre, wenn jede Kommune aktiv dazu beitragen könnte, dass ihre Bürgerinnen und Bürger Künstliche Intelligenz verstehen und - wenn sie möchten - auch nutzen können?

Genau diese Fragen haben wir uns als Stadt Regensburg gestellt. Deshalb sind wir die Entwicklung eines KI-Füh­rer­scheins angegangen. Die Idee: ein innovatives, nied­rig­schwel­li­ges Angebot zu entwickeln, das zeigt, wie Kommunen Ver­ant­wor­tung für digitale Ge­rech­tig­keit übernehmen können.

Ganz im Sinne unseres Ko-Kreation-Ansatzes haben wir dafür gleich mehrere Partner mit ins Boot geholt: unseren Cluster Mobility & Logistics sowie unseren Cluster AIR (Artificial In­tel­li­gence Regensburg), die Ost­baye­ri­sche Technische Hochschule (OTH) Regensburg sowie die Universität Regensburg, als auch unseren technischer Partner und Experten für Online-Lernen, Firma i40 - The Future Skills Company, welche direkt in unserer TechBase Regensburg sitzt. Die Kooperation mit diesen pro­fes­sio­nel­len Partnern vor Ort und ihren un­ter­schied­li­chen Expertisen war eine große Be­rei­che­rung. Gemeinsam konnten wir den KI-Füh­rer­schein in nicht einmal fünf Monaten von der Idee bis zur Fer­tig­stel­lung entwickeln.

Das digitale Angebot des KI-Füh­rer­scheins funk­tio­niert nach dem Prinzip der „virtuellen Fahrradtour”: In etwa 20 Minuten durchlaufen die Teil­neh­men­den sechs interaktive Stationen, vorgestellt und erklärt von regionalen Per­sön­lich­kei­ten. Von „Was ist KI eigentlich?”; über Potenziale und Risiken der Nutzung bis zur Ab­schluss­prü­fung mit Zertifikat.

Um si­cher­zu­stel­len, dass möglichst alle erreicht werden, bieten wir neben dem digitalen KI-Füh­rer­schein auch zusätzliche analoge Präsenz-Workshops an. Wer kein Endgerät hat oder den KI-Füh­rer­schein in Begleitung machen möchte, kann bei mehreren Präsenz-Workshops Wissen vertiefen, Fragen stellen, in den Austausch gehen. Bisher haben wir bereits zwei Workshops mit 50 Teil­neh­men­den organisiert und werden auch in Zukunft weitere anbieten.

Bei den Präsenz-Workshops im Schrei­ber­haus und beim „Tag der KI” zeigte sich ein breites Spektrum an Teil­neh­men­den: In­ter­es­sier­te Laien neben Lehrkräften; Anfänger und An­fän­ge­rin­nen neben fort­ge­schrit­te­nen Nutzern und Nutzerinnen – alle nahmen viel mit und pro­fi­tier­ten vom analogen Angebot. Ein 81-jähriger Rentner beim Workshop im städtischen Schrei­ber­haus war ein wunderbar er­mu­ti­gen­des Zeichen dafür, dass dieses Konzept in der Umsetzung erfolgreich war. Er nahm nach eigenen Worten teil, um „bei KI am Ball zu bleiben“. Wunderbar!

Warum jede Kommune KI-Kompetenz vermitteln sollte? Weil KI längst im Alltag angekommen ist. Von Be­hör­den­schrei­ben, über grafische Anwendungen auf dem Smart Phone, bis zur Hausaufgabe – Künstliche Intelligenz wird täglich genutzt - und dass oft, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Gleich­zei­tig sind KI-Kompetenzen ungleich verteilt. Zwischen täglicher Nutzung und keinerlei Berührung entsteht eine neue digitale Kluft – und hier können Kommunen ansetzen. Denn Kommunen sind die glaub­wür­digs­ten Ab­sen­de­rin­nen. Im Gegensatz zu kom­mer­zi­el­len Anbietern können Städte und Gemeinden ein neutrales, un­ab­hän­gi­ges Angebot machen.

Was bei uns in Regensburg funk­tio­niert hat, kann auch anderen Kommunen als Ermutigung dienen. Das haben wir bei der Entwicklung und Umsetzung gelernt:

 

  • Fokus statt Fak­ten­fried­hof: Der größte Aufwand lag nicht in der Pro­gram­mie­rung, sondern darin, die Inhalte auf das Wesentliche zu reduzieren. Fokus auf Kernfakten und Wissen – das ermöglicht Mitreden und Diskutieren.
  • Re­gio­nal­be­zug wirkt: Die lokalen Beispiele sind inhaltlich tragend, nicht Marketing. Videos mit lokalen Per­sön­lich­kei­ten an echten Orten machen KI-Kompetenz lebendig und konkret.

  • Spielerisch lernen funk­tio­niert: Quiz und Sto­rytel­ling halten die Auf­merk­sam­keit länger als reine In­for­ma­ti­ons­sei­ten. Die Ab­schluss­quo­te von etwa 60 % unter denen, die starten, belegt das.

  • Reichweite braucht Arbeit: Ohne kommunale Kanäle, Presse und Mul­ti­pli­ka­to­ren bleibt die Nutzung gering – doch der Aufwand lohnt sich.

  • Ein nied­rig­schwel­li­ges KI-Angebot trifft einen echten Bedarf: Seit Oktober 2025 haben bereits über 4.800 Menschen das Zertifikat erhalten. Die Nachfrage nach nied­rig­schwel­li­gen, un­ter­halt­sa­men KI-Kursen ist da.

 

Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Basierend auf unseren Erfahrungen, haben wir den Quellcode unseres KI-Füh­rer­scheins ent­spre­chend als Open Source verfügbar gemacht. Das bedeutet konkret: Andere Kommunen können die Lernlogik, das Quiz-System und die technische In­fra­struk­tur übernehmen und müssen nur ihre eigenen Inhalte, Fotos und regionalen Beispiele von KI im Alltag einfügen.

Machen wir jetzt weiter? Mehr Tiefe oder andere Themen? Regensburg selbst wird die Open-Source-Lösung für ein neues Themenfeld nachnutzen – in der R_NEXT-Maßnahme „Ma­te­ri­al­kreis­lauf” entwickelt die Stadt einen Nach­hal­tig­keits­pfad in der Kreis­lauf­wirt­schaft nach demselben Prinzip.

Der KI-Füh­rer­schein hat gezeigt, dass Alter kein Faktor ist, wenn das Angebot den Be­dürf­nis­sen der Bürger und Bürgerinnen gerecht wird. Und dass Kommunen konkret Ge­rech­tig­keit in der digitalen Welt schaffen können – indem sie ein Thema nehmen, das alle berührt, es ver­ständ­lich aufbereiten und nied­rig­schwel­lig anbieten. Somit ist der KI-Füh­rer­schein Regensburg nicht nur einfach „noch ein Online-Kurs”, sondern kommunale Ver­ant­wor­tung im digitalen Zeitalter.

 

Erfahre mehr:

  • Buch von Prof. Dr. Georg Stephan Barfuß: Entscheiden - Liefern - Ver­ant­wor­ten. Kommunales Leadership im 21. Jahrhundert: Ein prag­ma­ti­scher Leitfaden für Füh­rungs­kräf­te in der kommunalen Verwaltung

Diesen Beitrag haben wir am 15. Oktober 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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