Föderale Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da: Ein Schritt nach vorn, aber wohin eigentlich?

Team Re:Form

 

Gestern hat die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz die Föderale Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da beschlossen. Und tatsächlich ist die Agenda ein Fortschritt. Sie enthält viele sinnvolle Maßnahmen, von denen einige der Re:Form-Community bekannt vorkommen dürften. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Hier wird am System geschraubt, nicht das System neu gedacht. Reicht das in einer Zeit, in der laut dbb-Bür­ger­be­fra­gung nur 23 Prozent der Bun­des­bür­ger:innen dem Staat zutrauen, Krisen gut zu meistern?

 

Kluge Ansätze gibt es

Zunächst sei das Positive gewürdigt: Die Agenda enthält zu­kunfts­wei­sen­de Ansätze. Etwa die Möglichkeit, Er­satz­neu­bau­ten ohne Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren zu realisieren. Oder alle Be­richts­pflich­ten der Verwaltung gegenüber Parlamenten am Ende einer Legislatur grosso modo auslaufen zu lassen. Ebenso sinnvoll: Rechtlich un­ver­bind­li­che Standards wie Leitlinien oder Emp­feh­lun­gen dürfen nicht mehr als ver­bind­li­che Auflagen missbraucht werden. Auch gut lesen sich Vorhaben zur gemeinsamen Beschaffung, Straffung der Datenschutz-Governance und IT-Zu­sam­men­ar­beit. Der einst sehr sinnvolle Per­so­nal­re­for­men-Abschnitt fiel hingegen den Ver­hand­lun­gen und der Verlagerung in andere Gremien zu Opfer.

 

Es fehlt das Warum und das Wie

So ermutigend manch Maßnahme, hat die Agenda grund­le­gen­de Defizite. Das größte: Sie hat kein über­zeu­gen­des Narrativ. Weniger Bürokratie ist ein Ef­fi­zi­enz­ver­spre­chen, aber keine Vision für 2040. Es bleibt weitgehend un­be­ant­wor­tet, welche ge­sell­schaft­li­chen Probleme eigentlich gelöst werden sollen.

In einer Studie der Initiative D21, Technischen Universität München und KANTAR, gaben 59 Prozent der Bürger:innen an, den Kontakt mit Behörden als „sehr anstrengend“ zu empfinden (siehe: eGovernment Monitor 2025). Laut einer Befragung der Friedrich-Ebert-Stiftung glauben 84 Prozent, dass es künftigen Ge­ne­ra­tio­nen schlechter gehen wird (siehe: De­mo­kra­tie­ver­trau­en in Kri­sen­zei­ten 2025). Diese Zahlen schreien nicht nach Bü­ro­kra­tie­ab­bau, sie schreien nach einem Staat, der Vertrauen zu­rück­ge­winnt, der hand­lungs­fä­hig ist, der für die Menschen da ist.

Der Agenda fehlt zudem jede Prio­ri­sie­rung der Maßnahmen nach erhoffter Wirkung und notwendigem Aufwand. Auch eine grund­sätz­li­che Auf­ga­ben­kri­tik wurde ausgespart. Stattdessen werden viele kleine Stell­schrau­ben justiert. Das ist insgesamt nicht falsch, weil es oft um Details geht. Aber es bleibt Sys­tem­op­ti­mie­rung, wo größer zu denken wäre.

 

Reformen dürfen Schutz­stan­dards nicht schwächen

Im Gegensatz zu Vor­ent­wür­fen enthält der Beschluss weniger konkrete Maßnahmen zur Reduktion von Prüf­pflich­ten im Umwelt- und Naturschutz. Die Ausweitung von Kompetenzen zum Da­ten­aus­tausch bei Polizei und Nach­rich­ten­diens­ten taucht nicht mehr explizit auf. Im Steuerrecht bleiben jetzt einige Auf­be­wah­rungs- und Nach­weis­pflich­ten erhalten, was im Sinne der Steu­er­ge­rech­tig­keit begrüßt werden kann.

Die Mäßigung des finalen Texts in diesen sensiblen Bereichen erscheint sinnvoll. Reformen sollten sich auf erwiesen unwirksame Regelungen fokussieren. Mo­der­ni­sie­rung, die als Deckmantel für den Abbau von Schutz­stan­dards missbraucht wird, würde eben jenes Vertrauen zerstören, das aufzubauen ist. 

Daher ist die Kritik des Um­welt­mi­nis­ters Carsten Schneider in dieser Hinsicht unbedingt ernst zu nehmen. Gerade in Zeiten multipler Krisen brauchen wir einen hand­lungs­fä­hi­gen und ver­ant­wor­tungs­vol­len Staat.

 

Wo bleiben die Kommunen?

Fast schon grotesk ist die Tatsache, dass die Kommunen – also jene Ebene, die das Gesicht des Staates gegenüber den Bürger:innen ist – bei der föderalen Agenda nicht sub­stan­zi­ell beteiligt wurden. Auch die Bürger:innen selbst wurden nicht konsultiert.

Ohne kommunale In­ves­ti­ti­ons­fä­hig­keit ist eine Mo­der­ni­sie­rung unmöglich. Doch eine Reform des kommunalen Fi­nanz­sys­tems zugunsten klammer Kommunen? Ausgespart. Struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen, die Kommunen zu Ver­hand­lungs­part­ne­rin­nen auf Augenhöhe machen? Fehlanzeige.

 

Wer setzt die Agenda um – und wie?

Hier offenbart sich der Knackpunkt: Die Agenda skizziert keinen Um­set­zungs­pro­zess. Es gibt konkrete Fristen – das ist sehr gut. Ansonsten scheint es, dass man auf „business as usual” setzt. Dabei wäre die Agenda eine Chance, sie als echte Ge­mein­schafts­auf­ga­be anzugehen.

Wie wäre es mit einer befristeten Taskforce bestehend aus Fachleuten von Bund, Ländern und Kommunen? Arbeit in Teams, gemeinsam an einem Ort, Sprintlogik statt zäher monatlicher Jour Fixes, Reportings an die Chefs und Chefinnen der Staats­kanz­lei­en, Lenkung durch die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­ren­zen im Einklang mit der Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da des Bundes, Einbezug der Bevölkerung über ein öf­fent­li­ches Monitoring-System.

Alte Ansätze werden nicht ausreichen, um aus­ge­tre­te­ne Pfade zu verlassen. Es ist Zeit, Strukturen und Prozesse mutiger neu zu denken. Die Werkzeuge dafür liegen eigentlich auf dem Tisch. Nutzen wir sie endlich.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 5. Dezember 2025 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.