Vision Staat 2040

Multi-Level-Governance: Plädoyer für einen neuen Fö­de­ra­lis­mus

Philipp von der Wippel, Gründer und Co-Ge­schäfts­füh­rer von Pro­ject­Tog­e­ther

Die Bun­des­re­gie­rung will nach der Osterpause tief­grei­fen­de Reformen beschließen. Wie Lars Klingbeil kürzlich sagte: „Deutschland ist ein blockiertes Land. Jeder Vorschlag, der darauf abzielt, den Status Quo zu verändern, führt zu einem Aufschrei und wird weg lobbyiert.” Ob die Reformen gelingen, wird maßgeblich vom politischen Mut abhängen, das Gemeinwohl über Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen zu stellen.

Der Mut zu Reformen darf vor dem Fö­de­ra­lis­mus nicht Halt machen. Im November durfte ich für Re:Form beim Föderalen Forum des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums einen Im­puls­vor­trag zum Thema „Multi-Level-Governance: Ein neuer Fö­de­ra­lis­mus – von den Kommunen” halten. Meine Vorschläge speisen sich aus der Arbeit der Ver­wal­tungs­pio­nier:innen bei Re:Form, die über alle föderalen Ebenen an der Staats­mo­der­ni­sie­rung arbeiten und die täglich erleben, wo der heutige Fö­de­ra­lis­mus blockiert statt ermöglicht.

Menschen leben in Freising, nicht zuvorderst in Bayern. In Eckernförde, nicht in Schleswig-Holstein. In den Kommunen entscheidet sich, ob Menschen darauf vertrauen können, dass Politik Probleme lösen kann. Dort zeigt sich die Wirkung des Staates - oder eben nicht.

Denn es sind genau die Kommunen, die in der aktuellen Funk­ti­ons­wei­se unseres Fö­de­ra­lis­mus un­ter­ge­ord­net und be­nach­tei­ligt werden. 95 % bewerten ihre Haus­halts­la­ge als „eher schlecht” oder „sehr schlecht”.

Ein neuer Fö­de­ra­lis­mus sollte sich ent­spre­chend an zwei Kernideen orientieren.

1. Kommunen in den Mittelpunkt stellen

Aktuell sitzen Kommunen nicht am Tisch der Ent­schei­dun­gen. Sie werden über Spit­zen­ver­bän­de eingebunden, aber wie eine In­ter­es­sen­grup­pe behandelt. Stattdessen sollten Kommunen als eigene dritte staatliche Ebene anerkannt werden und direkt mit Bund und Ländern als Partner:innen auf Augenhöhe verhandeln. Dazu sollten Kommunen Teil des Bundesrats und der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz werden.

Auch finanziell sollte ein größerer Teil der Steu­er­ein­nah­men den Kommunen zur Verfügung stehen. Was auf Bundes- und Landesebene gebündelt oder au­to­ma­ti­siert werden kann, sollte es auch, damit mehr Steu­er­ein­nah­men für kommunale Dau­er­auf­ga­ben bleiben: Schulen, Kitas, Nahverkehr, Städtebau. Das sollte die An­ein­an­der­rei­hung von För­der­pro­gram­men beenden. Dau­er­auf­ga­ben gehören nicht in Fördertöpfe.

Wo temporäre Programme Sinn machen, sollte gelten: Wir­kungs­zie­le statt Maßnahmen, Pauschalen statt Ein­zel­fall­prü­fun­gen und keine eigenen Be­richts­pflich­ten. Ein Beispiel: kommunalen Klimaschutz als Ziel zu setzen, anstatt Maßnahmen wie Begrünung oder Pho­to­vol­ta­ik vorzugeben. An­schlie­ßend muss die Wirkung für Klimaschutz nach­ge­wie­sen werden, nicht für welche Maßnahme das Geld genau ausgegeben wurde.

Ein konkretes Instrument hierfür könnte ein bun­des­wei­ter Amor­ti­sa­ti­ons­fonds sein. Es gibt viele In­ves­ti­tio­nen, die sich schnell amor­ti­sie­ren, bei­spiels­wei­se LED-Stra­ßen­be­leuch­tung, Pho­to­vol­ta­ik, en­er­ge­ti­sche Sanierungen. Doch viele Kommunen können diese nicht tätigen, weil ihre Haus­halts­la­ge es nicht erlaubt. Ein bun­des­wei­ter Amor­ti­sa­ti­ons­kre­dit könnte Kommunen erlauben wirt­schaft­lich rentable Projekte über Fremd­ka­pi­tal zu finanzieren, der innerhalb von maximal 15 Jahren aus den erzielten Ein­spa­run­gen getilgt wird.

2. Multi-Level-Governance statt Trennung

Aktuell ist Trennung das Ord­nungs­prin­zip des Fö­de­ra­lis­mus. Jede Ebene macht ihre Aufgabe, möglichst mit wenig Schnitt­men­gen. Das ist theoretisch interessant, aber praktisch un­rea­lis­tisch. Denn die meisten Her­aus­for­de­run­gen kann keine föderale Ebene alleine lösen.

Ein Beispiel: Dort, wo die Schul­bil­dung gut funk­tio­niert, arbeiten Länder und Kommunen eng zusammen, weil die räumlich-sachliche Ausstattung von Schulen nicht getrennt vom Inhalt der Fächer, Lehrplan und Personal organisiert werden kann. Das Gleiche gilt in fast allen anderen Po­li­tik­fel­dern. Wenn wir wollen, dass sich Politik in reale Wirkung übersetzt, dann müssen die ver­schie­de­nen Ebenen zu­sam­men­ar­bei­ten.

Dafür muss das Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot fallen. Im Grundgesetz gilt das Verbot der Misch­ver­wal­tung. Das verhindert sinnvolle Lösungen, etwa, dass der Bund digitale Angebote be­reit­stellt, die alle Kommunen nutzen können. Zum Beispiel braucht es in der Kinder-und Jugendhilfe dringend flä­chen­de­cken­de digitale Angebote, um Jugendliche mit psychischen Problemen zu un­ter­stüt­zen. Statt mit kleinen Ausnahmen (GG §91c und e) sollten wir einen größeren Aufschlag machen, um das Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot zu einem Ko­ope­ra­ti­ons­ge­bot zu machen

Dafür braucht es eine funktionale statt historisch gewachsene Auf­ga­ben­ver­tei­lung. Statt Zen­tra­li­sie­rung auf Bundesebene liegt viel Potential in dem Ausbau von Zu­sam­men­schlüs­sen zwischen Bun­des­län­dern und zwischen Kommunen. KfZ-Anmeldung, Wohngeld, Kindergeld, Elterngeld sollte erst der Anfang sein. Wir könnten noch viel mehr bündeln.

Außerdem sollte der Bund die kommunale Praxis kon­se­quen­ter einbinden und die Umsetzung von Beginn an mitdenken. Viel zu oft steht in Gesetzen „Er­fül­lungs­auf­wand: keiner”, obwohl der Aufwand in den Kommunen hinterher massiv ist.

Denn ob ein Gesetz wirkt, entscheidet sich in der kommunalen Umsetzung. Jedes Unternehmen hat eine Rollout-Strategie, wenn es ein neues Produkt entwickelt. Gesetze brauchen dasselbe – mit Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam in der Ver­ant­wor­tung.

Multi-Level-Governance ermöglicht dafür notwendige Feedback-Schleifen zwischen den Ebenen: Kommt ein Gesetz an, wie wird es angewendet, wo muss nach­ge­steu­ert werden? Wird das Son­der­ver­mö­gen wirklich genutzt, wofür und wie wirkt es?

Genau diesen Rollout-Prozess erproben wir gerade bei­spiels­wei­se mit dem Um­set­zungs­la­bor für den Bau-Turbo in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wohnen, Stadt­ent­wick­lung und Bauwesen (BMWSB), dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und vielen Vorreiter:innen in der Bauwende.

Wenn die Bun­des­re­gie­rung ihre Versprechen von großen Reformen einhalten will, muss sie in den nächsten Monaten über sich hin­aus­wach­sen. Die gute Nachricht ist, dass der heutige Fö­de­ra­lis­mus in wenigen Jahren geformt wurde. Das geht auch jetzt.

Aber dafür braucht es den Kraftakt der vielen, über föderale Ebenen und Hier­ar­chie­stu­fen hinweg. Wenn jede und jeder seinen Hand­lungs­spiel­raum nutzt, sind tief­grei­fen­de Reformen möglich. Diese Reformen sind notwendig für einen Fö­de­ra­lis­mus, der ermöglicht, statt verhindert, der Kommunen in den Mittelpunkt rückt und der auf Kooperation statt Trennung setzt. 

Die Ver­wal­tungs­pio­nier:innen bei Re:Form machen jeden Tag vor, dass solche Ver­än­de­run­gen möglich sind. Jetzt braucht es den politischen Willen, ihnen die struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen zu geben, die sie dafür brauchen.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 9. April 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach. 
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