Bewährt vor Ort

Was wäre, wenn Ver­wal­tun­gen und zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen enger zu­sam­men­ar­bei­ten?

Dr. Ramona Sickert, Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin und Beraterin im Mo­dell­pro­jekt „Perspektive Bleiberecht Dresden“, Sächsischer Flücht­lings­rat

In Dresden leben und arbeiten viele ge­flüch­te­te Menschen, deren Auf­ent­halts­sta­tus aber noch unsicher ist. Die Aus­län­der­be­hör­de der Lan­des­haupt­stadt ist mit Per­so­nal­man­gel, vielen un­ter­schied­li­chen Gruppen von Migrant:innen sowie einer komplexen Ge­set­zes­la­ge kon­fron­tiert. Geflüchtete Menschen sind angesichts ihrer langen unsicheren Auf­ent­halts­la­ge oft verzweifelt. Um so wichtiger ist es, die bestehenden Strukturen zu stärken und mit in­sti­tu­tio­nen­über­grei­fen­den Ko­ope­ra­tio­nen Geflüchtete bestmöglich zu un­ter­stüt­zen.

Der Sächsische Flücht­lings­rat e.V. unterstützt Geflüchtete in Sachsen seit über 30 Jahren und hat angesichts dieser Her­aus­for­de­rung das Mo­dell­pro­jekt „Perspektive Bleiberecht Dresden“ ins Leben gerufen. Das Projekt ist im Aktionsplan Integration der Stadt Dresden 2022-2026 verankert und wird bis Ende 2026 von der Sächsischen regionalen Fach­kräf­te­al­li­anz gefördert sowie durch den Welcome Alliance Fund ko­fi­nan­ziert.

„Perspektive Bleiberecht Dresden“ bietet allen in Dresden lebenden Ge­flüch­te­ten eine in­di­vi­du­el­le, unabhängige und er­geb­nis­of­fe­ne Per­spek­tiv­be­ra­tung an. Die Beratungen reichen von In­for­ma­tio­nen zu den ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven der Auf­ent­halts­si­che­rung ins­be­son­de­re durch Ausbildung und Arbeit gegeben, bis hin zu Themen wie Pass­be­schaf­fung, Iden­ti­täts­klä­rung und Sprach­kur­sen. Damit ist es unser Ziel, Lang­zeit­ge­dul­de­te in Dresden bei dem Weg in einen gesicherten Aufenthalt zu un­ter­stüt­zen und die Er­tei­lungs­quo­te von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen zu erhöhen.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir eine Kooperation mit der Aus­län­der­be­hör­de vereinbart, die vor allem dank einer mehr­jäh­ri­gen Ver­net­zungs­ar­beit möglich war. In der Aushandlung der Kooperation hat die kommunale In­te­gra­ti­ons- und Aus­län­der­be­auf­trag­te eine zentrale mediative Rolle gespielt. Die Verankerung in dem vom Stadtrat be­schlos­se­nen kommunalen Aktionsplan hat die Förderung des Projekts durch regionale Fach­kräf­te­mit­tel schließlich ge­recht­fer­tigt.

Damit wurde erstmals in Sachsen im Bereich der In­te­gra­ti­ons­ar­beit eine Kooperation zwischen einer zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on und einer städtischen Institution vertraglich vereinbart. Mit der Kooperation können wir einerseits die Aus­län­der­be­hör­de in der An­trags­be­ar­bei­tung entlasten, und an­de­rer­seits dringend benötigte Fachkräfte in den lokalen Ar­beits­markt bringen.

Gerade zu Beginn des Projekts gab es Schwie­rig­kei­ten in der Zu­sam­men­ar­beit. Anfangs gab es seitens der Aus­län­der­be­hör­de auch Vorbehalte gegen eine derart enge Zu­sam­men­ar­beit mit einer ge­mein­nüt­zi­gen Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich politisch und öf­fent­lich­keits­wirk­sam für die Rechte und Interessen von Ge­flüch­te­ten einsetzt. Diese Vorbehalte konnten wir durch klare Absprachen zur pro­jekt­be­zo­ge­nen Öf­fent­lich­keits­ar­beit abbauen. Dazu waren Ver­hand­lun­gen über Grenzen und Er­mes­sens­spiel­räu­me des Blei­be­rechts manchmal zäh, weil einige Be­hör­den­mit­ar­bei­ten­de ein eher ord­nungs­po­li­ti­sches Rechts-Verständnis aufgewiesen haben, das teils im Widerspruch zur Rechts­auf­fas­sung der Beratenden unseres Vereins steht.

Was wir daraus gelernt haben: Der Aufbau von Vertrauen zwischen zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Flücht­lings­be­ra­tungs­stel­len und Aus­län­der­be­hör­den ist ein mühseliger Prozess. Es fordert von beiden Seiten eine Fähigkeit des Per­spek­tiv­wech­sels. Doch es lohnt sich. Dabei kann diese neue Art der Zu­sam­men­ar­beit besonders gut gelingen, wenn kommunale In­te­gra­ti­ons­fach­kräf­te eine aktive Rolle als Brü­cken­bau­er einnehmen. Im Prozess haben wir ein besseres Verständnis für den Auftrag und das Handeln der Aus­län­der­be­hör­de entwickelt, die Aus­län­der­be­hör­de eine erhöhte Sen­si­bi­li­tät für die um­fang­rei­chen Be­ra­tungs­leis­tun­gen unseres Vereins sowie für die Le­bens­si­tua­ti­on und Ressourcen von Menschen mit Duldung.

Bis Ende Juni 2025 konnten wir mehr als 567 Erst- und Fol­ge­be­ra­tun­gen durchführen. Ratsuchende kamen aus 29 Her­kunfts­län­dern, am häufigsten aus der Russischen Föderation, Tunesien, Irak, Pakistan, Guinea, Afghanistan, Libanon, Libyen, Georgien sowie staatenlose Personen, zumeist Pa­läs­ti­nen­ser:innen. Zunehmend erreichten uns auch Anfragen von eh­ren­amt­li­chen Begleiter:innen, Ar­beit­ge­ben­den, So­zi­al­ar­bei­ter:innen und me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen. Damit sehen wir: „Perspektive Bleiberecht Dresden“ ist mitt­ler­wei­le zu einer festen An­lauf­stel­le für Blei­be­rechts­fra­gen geworden und wird zunehmend von Ge­flüch­te­ten, Ar­beit­ge­be­rin­nen und Un­ter­stüt­ze­rin­nen in Anspruch genommen.

Für diese Erfolge und innovative Zu­sam­men­ar­beit zwischen Verwaltung und Zi­vil­ge­sell­schaft wurde das Projekt mit dem „Bewährt vor Ort“-Siegel in der Kategorie „Gutes Ankommen und ge­sell­schaft­li­che Teilhabe“ aus­ge­zeich­net.

Weiterhin wurde unser Projekt im Wettbewerb „Zusammen wachsen: Gute Ideen für Integration am Ar­beits­markt 2025“, der von „Deutschland – Land der Ideen“, der Bertelsmann Stiftung, dem Bun­des­ver­band der Deutschen Industrie und der Stiftung Mercator getragen wird, als eines von 50 Preis­trä­gern ausgewählt.

Die Integration von Geduldeten in den regionalen Arbeits- und Fach­kräf­te­markt sollte immer Hand in Hand mit einer qua­li­fi­zier­ten Blei­be­rechts­be­ra­tung gehen. Die Chancen von Ge­flüch­te­ten auf eine nachhaltige Auf­ent­halts­si­che­rung können im Einzelfall erhöht werden, in dem das Potential der bereits schon vorhandenen Mög­lich­kei­ten stärker genutzt wird. Bei­spiels­wei­se durch die ziel­ge­rich­te­te Zu­sam­men­ar­beit zwischen der Verwaltung und zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen. In unserem Projekt konnten wir Anträge auf Be­schäf­ti­gungs­er­laub­nis­se stellen und Menschen begleiten, die Aus­bil­dun­gen oder Be­schäf­ti­gun­gen in ver­schie­de­nen Bereichen anstrebten: von Pflege über Si­cher­heits­ge­wer­be, Gastronomie bis hin zu IT-Bereichen.

Unser Verein und die Lan­des­haupt­stadt Dresden hoffen gemeinsam, dass das bundesweite Echo den Weg für eine Ver­ste­ti­gung des Projektes und ähnliche Initiativen in anderen sächsischen Kommunen ebnet. Dafür wäre eine nach­hal­ti­ge­re und planbarere Fi­nan­zie­rungs­struk­tur – bei­spiels­wei­se Landes- oder Bun­des­pro­gram­me, oder sogar eine kommunale in­sti­tu­tio­nel­le Förderung – von ent­schei­den­der Bedeutung.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 19. März 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach. 
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