Bewährt vor Ort
Was wäre, wenn eine telefonische Sprachmittlung das Vertrauen in kommunale Gesundheitssysteme stärkt?
Marthe Hammer und Kim Thanh Vo, Geschäftsführer:innen von Triaphon
Für viele Kommunen stellt die medizinische Versorgung von nicht-deutschsprachigen Menschen eine Herausforderung dar. Denn Dolmetsch-Leistungen im Gesundheitswesen werden nicht von den Krankenkassen übernommen und auch von keiner anderen Stelle flächendeckend finanziert. Die Verfügbarkeit von Sprachmittlung in Gesundheitseinrichtungen ist vielerorts abhängig vom guten Willen einzelner Entscheidungsträger:innen.
Deshalb hat ein Zusammenschluss aus Ärzt:innen 2017 die Dolmetsch-Hotline Triaphon gegründet. Triaphon richtet sich an medizinisches Personal und Patient:innen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen. Bei Auftreten einer Sprachbarriere ruft der Arzt, die Ärztin, oder die Pflegekraft die Triaphon-Hotline an und wählt per Tastendruck eine der aktuell 13 verfügbaren Sprachen aus. Beispielsweise die 1 für Arabisch oder die 4 für Russisch. Der Anruf wird umgehend an alle verfügbaren Sprachmittler:innen weitergeleitet, die Verbindung wird in durchschnittlich 32 Sekunden hergestellt. Unsere geschulten Sprachmittler:innen dolmetschen rund um die Uhr – anonym, vertraulich und professionell.
Mittlerweile leistet Triaphon monatlich über 1.500 Einsätze in etwa 70 Einrichtungen in Deutschland und Österreich. Auch Städte und Landkreise beauftragen den Triaphon-Service, um Menschen vor Ort gut zu versorgen. So finanziert beispielsweise das Amt für Migration und Integration des Landratsamtes Karlsruhe die telefonische Sprachmittlung für Arztpraxen, Hebammen und medizinische Beratungsstellen im Stadt- und Landkreis. Im brandenburgischen Oderland ist die regionale Leitstelle mit Triaphon ausgestattet, um eingehende Notrufe mehrsprachig bearbeiten zu können. In Berlin finanziert die Stadt die Nutzung des Triaphon-Dienstes durch Babylotsinnen in allen Berliner Geburtskliniken.
Für diese Erfolge wurden wir mit dem „Bewährt vor Ort”-Siegel in der Kategorie Gutes Ankommen und Teilhabe ausgzeichnet.
Die Gründer:innen von Triaphon wussten, dass besonders in Notsituationen die Kommunikation ohne Dolmetscher:in schwierig ist und teils zu folgenreichen Missverständnissen führen kann. Für die Entwicklung der Triaphon-Hotline haben sie 2017 zunächst mit ehrenamtlicher Unterstützung von IT-Expert:innen, Produktentwickler:innen und Jurist:innen zusammengearbeitet. Auch zahlreiche Sprachmittler:innen, viele mit eigener Migrationsbiografie und persönlicher Erfahrung von Sprachbarrieren, beteiligten sich an der Entwicklung. Nach erfolgreicher Pilotierung in einer Berliner Klinik wurde Triaphon ausgeweitet.
Bei der stetigen Weiterentwicklung von Triaphon lernen wir, wie wichtig niedrigschwellige, sofort verfügbare Lösungen im medizinischen Alltag sind – besonders unter hohem Zeitdruck. Außerdem zeigt sich immer wieder, dass technische Einfachheit ein entscheidender Erfolgsfaktor ist: Je unkomplizierter die Nutzung, desto häufiger wird die Sprachmittlung tatsächlich eingesetzt. Deshalb ist Triaphon über jedes Telefon erreichbar, eine Internetverbindung oder besondere Hardware sind nicht erforderlich. Die Hotline wird über eine Festnetznummer angewählt, die Auswahl der gewünschten Sprache erfolgt per Tastendruck. Dies macht die Nutzung einfach und praktikabel.
Ein weiteres Learning ist, wie wertvoll die Expertise unserer Sprachmittler:innen ist. Viele bringen eigene Erfahrungen mit Sprachbarrieren mit und gestalten Triaphon dadurch aktiv mit. Und nicht zuletzt haben wir immer wieder gesehen, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Medizin, IT und Zivilgesellschaft enorme Innovationskraft entfalten kann.
Wir wünschen uns, dass Sprachmittlung sowohl von der Politik als auch von Krankenhäusern und anderen beteiligten Akteur:innen nicht weiter als „nice to have”, sondern als fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung angesehen und entsprechend finanziert wird. Unser Ziel ist es, dass jede Person, unabhängig von ihrer Sprache, im medizinischen Kontext sicher gehört und verstanden wird.
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