Postkarten aus aller Welt: Niederlande

Wie Stel­len­pro­fi­le radikal vereinfacht werden können

Hermann Amecke, sys­te­mi­scher Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter, und Rafael Leite, Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft­ler und Humboldt-Stipendiat

Es war eine absurde Situation: Für die rund 120.000 nie­der­län­di­schen Beamtinnen und Beamten existierten mehr als 30.000 un­ter­schied­li­che Stel­len­pro­fi­le. Diese Vielfalt war nicht Ausdruck besonderer Präzision oder Wert­schät­zung in­di­vi­du­el­ler Tätigkeiten. Sie war schlicht un­be­herrsch­bar geworden. Die Komplexität verursachte nicht nur erheblichen ad­mi­nis­tra­ti­ven Aufwand und Kosten. Sie erschwerte auch den Wechsel zwischen Ministerien, machte Kar­rie­re­we­ge in­trans­pa­rent und verhinderte, dass Kompetenzen überhaupt sys­te­ma­tisch erkannt und miteinander verglichen werden konnten. Unsere heutige Postkarte kommt aus den Nie­der­lan­den, einem Land, das sich entschieden hat, diese struk­tu­rel­le Über­kom­ple­xi­tät im öf­fent­li­chen Per­so­nal­we­sen grundlegend zu überwinden.

Im Jahr 2012 zog die nie­der­län­di­sche Regierung die Kon­se­quen­zen und stellte mit dem sogenannten „Func­tie­ge­bouw Rijk”, wörtlich dem „Funk­ti­ons­ge­bäu­de des Staates”, das gesamte HR-System des Zen­tral­staa­tes neu auf. Ziel dieser Reform war es, eine über Jahrzehnte gewachsene Vielzahl einzelner Stel­len­be­schrei­bun­gen durch eine klar struk­tu­rier­te, nach­voll­zieh­ba­re Systematik zu ersetzen. Das Ergebnis dieser Neu­aus­rich­tung ist be­mer­kens­wert: Aus ehemals 30.000 un­ter­schied­li­chen Stel­len­pro­fi­len wurde ein über­schau­ba­res System aus acht Jobfamilien, 55 Funk­ti­ons­grup­pen und 41 zentral definierten Kompetenzen. Diese Struktur ist auf einer digitalen Plattform gebündelt, die allen Be­schäf­tig­ten zugänglich ist. Mit­ar­bei­ten­de können dort nach­voll­zie­hen, welche Kompetenzen für bestimmte Rollen relevant sind, wie mögliche Ent­wick­lungs­pfa­de aussehen und wie un­ter­schied­li­che Funktionen innerhalb des Systems zueinander stehen. Kar­rie­re­we­ge werden damit nicht nur trans­pa­ren­ter, sondern auch ver­gleich­ba­rer.

Wichtig ist dabei, dass das nie­der­län­di­sche System nicht als statisches Modell verstanden wird. Die Regierung evaluiert das Func­tie­ge­bouw Rijk regelmäßig und entwickelt es fortlaufend weiter. Diese kon­ti­nu­ier­li­che Anpassung ist Ausdruck einer zentralen Erkenntnis moderner Ver­wal­tungs­re­for­men: Auch große in­sti­tu­tio­nel­le Um­stel­lun­gen sind nie endgültig ab­ge­schlos­sen, sondern müssen als lernende Systeme organisiert werden, die sich im Laufe der Zeit wei­ter­ent­wi­ckeln.

Die bisherige Bilanz der Reform fällt insgesamt positiv aus, wenn auch nicht ohne Ein­schrän­kun­gen. Besonders deutlich sind die Fort­schrit­te bei der ad­mi­nis­tra­ti­ven Ver­ein­fa­chung und der Transparenz des Systems. Die Zahl der un­ter­schied­li­chen Rol­len­pro­fi­le wurde drastisch reduziert, Zu­stän­dig­kei­ten sind klarer struk­tu­riert und die zentrale Plattform schafft Ori­en­tie­rung für Mit­ar­bei­ten­de wie auch für Füh­rungs­kräf­te. Auch die Ver­gleich­bar­keit zwischen den Ministerien hat sich verbessert. Es ist heute deutlich leichter zu verstehen, welche Funktion in einem Ministerium einer ver­gleich­ba­ren Rolle in einem anderen Ministerium entspricht.

Gleich­zei­tig zeigt sich, dass struk­tu­rel­le Reformen allein nicht alle Her­aus­for­de­run­gen lösen können. Die ur­sprüng­lich erhoffte stärkere Mobilität zwischen den Ministerien hat sich bislang nur teilweise realisiert. Dieses Ergebnis verweist auf eine grund­le­gen­de Einsicht: In­sti­tu­tio­nel­le Strukturen können Barrieren abbauen, sie verändern jedoch nicht automatisch kulturelle Hürden oder or­ga­ni­sa­tio­na­le Ei­gen­lo­gi­ken. Mobilität im öf­fent­li­chen Dienst hängt nicht nur von formalen Systemen ab, sondern auch von Vertrauen, Füh­rungs­kul­tur und in­di­vi­du­el­len Kar­rie­re­ent­schei­dun­gen.

Ein besonders be­mer­kens­wer­ter Aspekt der nie­der­län­di­schen Reform ist ihre Transparenz. Das neue HR-System wurde nicht nur intern eingeführt, sondern umfassend do­ku­men­tiert und öffentlich zugänglich gemacht. Videos, Hin­ter­grund­do­ku­men­te und Eva­lua­ti­ons­be­rich­te erklären detailliert, wie das Modell funk­tio­niert und welche Über­le­gun­gen hinter seiner Struktur stehen. Diese Offenheit hat in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit erzeugt. Uruguay etwa hat zentrale Elemente des nie­der­län­di­schen Systems übernommen. Wenn Reformen in­ter­na­tio­nal Wirkung entfalten sollen, müssen sie nach­voll­zieh­bar do­ku­men­tiert sein. Die Niederlande haben gezeigt, wie eine solche Transparenz aussehen kann.

Dabei ist das nie­der­län­di­sche Beispiel Teil eines breiteren in­ter­na­tio­na­len Trends. In vielen Ländern wird das Per­so­nal­ma­nage­ment des öf­fent­li­chen Dienstes derzeit neu struk­tu­riert, um die Balance zwischen notwendiger Spe­zia­li­sie­rung und be­herrsch­ba­rer Komplexität zu verbessern. Frankreich hat 2023 seinen umfassenden Katalog öf­fent­li­cher Rollen ak­tua­li­siert, um Kompetenzen klarer zu definieren und be­hör­den­über­grei­fen­de Mobilität zu erleichtern. Australien organisiert seinen öf­fent­li­chen Dienst entlang eines Job Family Frameworks, während Groß­bri­tan­ni­en seinen Civil Service nach 32 Professions und 14 Functions struk­tu­riert. Trotz un­ter­schied­li­cher in­sti­tu­tio­nel­ler Kontexte verfolgen diese Reformen ein ähnliches Ziel. Sie suchen die Balance zwischen notwendiger Dif­fe­ren­zie­rung und be­herrsch­ba­rer Komplexität. Sie wollen Spe­zia­li­sie­rung ermöglichen, ohne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Silos zu verfestigen.

Für Deutschland ist das nie­der­län­di­sche Beispiel aus mehreren Gründen relevant. Zunächst zeigt es, dass auch in großen, historisch gewachsenen Ver­wal­tungs­sys­te­men radikale Ver­ein­fa­chun­gen möglich sind. Eine Reduktion von 30.000 Stel­len­pro­fi­len auf eine über­schau­ba­re Zahl klar definierter Funk­ti­ons­grup­pen erscheint auf den ersten Blick kaum vorstellbar. Die Niederlande haben jedoch de­mons­triert, dass eine solche Trans­for­ma­ti­on rea­li­sier­bar ist, wenn sie politisch gewollt und sys­te­ma­tisch umgesetzt wird. Auch in Deutschland bestehen zwischen Bund, Ländern und Kommunen erhebliche Un­ter­schie­de im Per­so­nal­ma­nage­ment, die historisch gewachsen sind und häufig nur noch begrenzt sachlich begründet werden können. Eine sys­te­ma­ti­sche Reduktion dieser Vielfalt könnte dazu beitragen, Synergien besser zu nutzen und die Ver­gleich­bar­keit von Kompetenzen zu erhöhen. Die politische Grundlagen hierfür sind bereits in den Mo­der­ni­sie­rungs­a­gen­den gelegt.

Darüber hinaus macht das nie­der­län­di­sche Modell deutlich, welchen Wert Transparenz für Re­form­pro­zes­se haben kann. Eine zentrale Plattform, auf der Kompetenzen, Rol­len­pro­fi­le und Kar­rie­re­we­ge nach­voll­zieh­bar dargestellt werden, schafft nicht nur Ori­en­tie­rung für Be­schäf­tig­te, sondern stärkt auch die Legitimität der Reform selbst. Schließlich un­ter­streicht das Beispiel die Bedeutung kon­ti­nu­ier­li­cher Evaluation. Nicht jede Veränderung entfaltet sofort die gewünschte Wirkung. Ent­schei­dend ist daher, Reformen nicht als einmalige Projekte zu verstehen, sondern als Prozesse, die regelmäßig überprüft und wei­ter­ent­wi­ckelt werden müssen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich auch für Deutschland eine zentrale Frage: Wie könnten wir von den Erfahrungen der Niederlande lernen und ver­gleich­ba­re Prinzipien in unseren Ver­wal­tun­gen nutzbar machen? Welche Formen der Ver­ein­fa­chung wären möglich, ohne notwendige Spe­zia­li­sie­run­gen zu verlieren, und welche in­sti­tu­tio­nel­len Vor­aus­set­zun­gen müssten dafür geschaffen werden?

 
 
„Postkarten aus aller Welt“ ist eine Serie innerhalb des Re:Form-Newsletters, die in­ter­na­tio­na­le Beispiele der Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung beleuchtet. Beispiele, die auch in deutschen Ver­wal­tun­gen tragfähig sein könnten und als Inspiration für den Staat von morgen dienen.
 
Diese Postkarte aus Neuseeland haben wir am 12. März 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach. 
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