Postkarten aus aller Welt: Norwegen

Wie Durch­läs­sig­keit zum System wird

Hermann Amecke, sys­te­mi­scher Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter, und Rafael Leite, Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft­ler und Humboldt-Stipendiat

31 % der Füh­rungs­kräf­te in der nor­we­gi­schen Verwaltung haben mehr als fünf Jahre Be­rufs­er­fah­rung in der Pri­vat­wirt­schaft gesammelt. In Deutschland sind es gerade einmal 9 %. Diese Zahlen werfen eine grund­sätz­li­che Frage auf: Wie durchlässig sollten die Grenzen zwischen öf­fent­li­chem Dienst und Pri­vat­wirt­schaft sein? Und welche Systeme fördern oder behindern diese Durch­läs­sig­keit?

Deutschland folgt einem lauf­bahn­ba­sier­ten Modell. Wer in den öf­fent­li­chen Dienst einsteigt, bleibt in der Regel. Das schafft in­sti­tu­tio­nel­les Gedächtnis, tiefes Sys­tem­wis­sen und Kontinuität. Stärken, die nicht un­ter­schätzt werden sollten. Der Preis dafür sind allerdings sogenannte „goldene Hand­schel­len": Separate Ren­ten­sys­te­me, besondere Ab­si­che­run­gen und starre Lauf­bahn­struk­tu­ren machen den Wechsel in die Pri­vat­wirt­schaft strukturell unattraktiv und umgekehrt. Externe Per­spek­ti­ven, frisches Wissen, neue Denkweisen? Kommen kaum rein.

Unsere heutige Postkarte kommt daher aus Norwegen, einem Land, das auf Durch­läs­sig­keit setzt.

Denn Norwegen hat sich für einen anderen Weg entschieden. Hier stellt die Verwaltung po­si­ti­ons­ba­siert ein, ähnlich wie in der freien Wirtschaft. So­zi­al­sys­te­me sind sek­toren­über­grei­fend har­mo­ni­siert, Kar­rie­re­we­ge nicht an lebenslange Zu­ge­hö­rig­keit geknüpft. Wechsel zwischen öf­fent­li­chem Dienst und Pri­vat­wirt­schaft sind dadurch in­sti­tu­tio­nell deutlich leichter möglich und empirisch häufiger zu beobachten, als in stärker ge­schlos­se­nen Lauf­bahn­sys­te­men. So entsteht größere Kom­pe­tenz­viel­falt in Ver­wal­tun­gen bei gleich­zei­ti­gem hohen Vertrauen in staatliche In­sti­tu­tio­nen.

Dabei ist Norwegen kein Einzelfall. In­ter­na­tio­nal lassen sich zwei grund­sätz­li­che Ansätze beobachten, wie Ver­wal­tun­gen mehr Durch­läs­sig­keit schaffen. Der erste Ansatz ist passiv: Frankreich etwa erlaubt Beamten mit der sogenannten „Dis­po­ni­bi­li­té”, ihren Dienst für eine Zeit zu pausieren und in der Pri­vat­wirt­schaft zu arbeiten. Rechtliche Hürden werden beseitigt, der Wechsel aber weitgehend dem oder der Einzelnen überlassen — ohne einen sys­te­ma­tisch or­ga­ni­sier­ten Rückweg oder gezielten Wis­sens­trans­fer. Fle­xi­bi­li­tät ja, sys­te­ma­ti­scher Wis­sens­trans­fer nein.

Der zweite Ansatz ist aktiv und deutlich wir­kungs­vol­ler. Singapur entsendet bei­spiels­wei­se Spit­zen­be­am­te gezielt zu mul­ti­na­tio­na­len Konzernen, damit sie Markt­rea­li­tä­ten aus erster Hand erleben. Malaysia lässt sich als Beispiel für kulturelle Osmose lesen: Beamte werden in staatsnahen Unternehmen platziert und kommen dort mit Un­ter­neh­mens­lo­gi­ken in Berührung, die sie zurück in die Verwaltung bringen können — von Key Performance Indicators (KPIs) über Lean Management bis hin zur Kun­den­ori­en­tie­rung.

In Deutschland gibt es bisher keine ver­gleich­ba­re, sys­te­ma­ti­sche In­fra­struk­tur für solche Wechsel. Dass sie trotzdem ge­le­gent­lich stattfinden, kennen wir aus eigener Erfahrung: Als Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter im Um­welt­mi­nis­te­ri­um hat Hermann unter anderem Objective Key Results (OKRs) pilotiert und eingeführt. Heute ist er beurlaubt, um als sys­te­mi­scher Berater private und öffentliche Or­ga­ni­sa­tio­nen zu begleiten. So erhält Hermann praktische Einblicke in die freie Wirtschaft, die Or­ga­ni­sa­tio­nen, mit welchen er zu­sam­men­ar­bei­tet, profitieren von seiner Ver­wal­tungs­er­fah­rung, und nach der Beurlaubung bekommt das Ministerium mit ihm jemanden zurück, der un­ter­neh­me­ri­sche Erfahrung gesammelt hat. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Und dennoch bisher keine sys­te­ma­ti­sche Praxis, sondern eine in­di­vi­du­el­le Ver­ein­ba­rung, abhängig von per­sön­li­cher Initiative und wohl­wol­len­den Vor­ge­setz­ten.

Genau hier liegt die eigentliche Her­aus­for­de­rung für Deutschland. Solange Ren­ten­sys­te­me und Ab­si­che­run­gen Sek­to­ren­wech­sel strukturell bestrafen, wird Durch­läs­sig­keit die Ausnahme bleiben. Solange externe Erfahrung im Kar­rie­re­sys­tem nicht als Be­rei­che­rung gilt, sondern als Risiko, werden die wenigsten den Schritt wagen. Und solange es keine gezielten Ent­sen­dungs­pro­gram­me für Bereiche gibt, in denen externe Per­spek­ti­ven besonders fehlen – Di­gi­ta­li­sie­rung, In­no­va­ti­ons­ma­nage­ment, agile Ar­beits­wei­sen –, bleibt viel Potenzial ungenutzt.

Norwegen, Singapur und andere Länder zeigen, dass es auch anders geht. Die zentrale Frage ist deshalb keine rein technische, sondern auch eine kulturelle: Wollen wir eine Verwaltung, die haupt­säch­lich aus sich selbst heraus lernt? Oder wollen wir eine Verwaltung, die aktiv nach außen schaut, Wissen austauscht, und damit sowohl sich selbst als auch die Ge­sell­schaft bereichert? Welche Schritte wären in deutschen Ver­wal­tun­gen realistisch umsetzbar, ohne das Ge­samt­sys­tem zu überfordern?

Wenn Ihr Ideen, Anregungen, oder Anmerkungen dazu habt, freuen wir uns auf Eure Nachrichten.

 
„Postkarten aus aller Welt“ ist eine Serie innerhalb des Re:Form-Newsletters, die in­ter­na­tio­na­le Beispiele der Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung beleuchtet. Beispiele, die auch in deutschen Ver­wal­tun­gen tragfähig sein könnten und als Inspiration für den Staat von morgen dienen.
Diesen Beitrag haben wir am 2. Juli 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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