Bewährt vor Ort

Was wäre, wenn Verwaltung Begegnung schafft?

Ute Krüger und Svenja Wagner, beide Berliner Se­nats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung, Bauen und Wohnen

Als die Berliner Se­nats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung, Bauen und Wohnen 2017 damit begonnen hat, das Programm BENN umzusetzen, standen wir vor einer einfachen, aber ent­schei­den­den Frage: Wie schaffen wir es, dass Menschen, die neu nach Berlin kommen, und Menschen, die schon lange hier leben, ihr Quartier gemeinsam gestalten? Viele Zu­ge­wan­der­te brauchen zu Beginn Ori­en­tie­rung, Begegnungen und jemanden, der ihnen erklärt, wie das Leben im neuen Umfeld funk­tio­niert. 

Gleich­zei­tig haben wir erlebt, dass Nach­bar­schaf­ten oft skeptisch reagieren, wenn in ihrer Nähe Unterkünfte für Geflüchtete entstehen. Es treffen Erwartungen, Un­si­cher­hei­ten und manchmal auch Ängste aufeinander. Uns war klar: Es braucht Strukturen, die diese Menschen zu­sam­men­brin­gen.

BENN steht für „Berlin Entwickelt Neue Nach­bar­schaf­ten” und wird von der Se­nats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung, Bauen und Wohnen in Kooperation mit den Berliner Bezirken durch­ge­führt. Ziel des Programms ist es, den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt und Teilhabe in Quartieren zu stärken. Dafür fördern wir Aktionen und Maßnahmen in den Hand­lungs­fel­dern: Begegnung und aktives Miteinander, Empowerment und Beteiligung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Dialog sowie Netz­werk­ar­beit und Quar­tiers­ent­wick­lung. Die erste Um­set­zungs­pha­se lief in 20 Berliner Quartieren bis 2021. Seit Beginn des Jahres 2022 führen wir BENN in 23 Quartieren in der Nähe von Ge­mein­schafts­un­ter­künf­ten für Geflüchtete fort.

Die BENN-vor-Ort-Teams sind insgesamt für 41 Unterkünfte für Geflüchtete zuständig und es leben und 563.000 Menschen in den BENN-Gebieten, die von dem Programm profitieren. In jedem BENN-Gebiet gibt es ein Be­tei­li­gungs­gre­mi­um und ein Netzwerk für die Akteure vor Ort. Zudem werden jährlich über 450 Maßnahmen, wie bei­spiels­wei­se Nach­bar­schafts­fes­te, gemeinsames Gärtnern, Kinoabende, Fahr­rad­werk­stät­ten, etc. durch­ge­führt.

Für diese Erfolge wurden wir mit dem „Bewährt vor Ort”-Siegel in der Kategorie „Gutes Ankommen und Teilhabe” aus­ge­zeich­net.

Bei der Entwicklung von BENN konnten wir auf den Erfahrungen des Berliner Quar­tiers­ma­nage­ments aufbauen, das seit vielen Jahren durch Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren mit den Menschen vor Ort Quartiere entwickelt. Dieses Wissen wollten wir ab 2015 für die neue Situation nutzbar machen. 2017 gingen die ersten BENN-Gebiete an den Start. Von Anfang an war uns wichtig, die Menschen vor Ort in die Lage zu versetzen, ihre Nach­bar­schaft selbst zu gestalten.

Deshalb fragen wir die Anwohner:innen aktiv nach Ideen, Bedarfen und Anliegen zu dem, was in ihrem Quartier passieren soll. Auch Kinder und Jugendliche gestalten mit. Oft reichen kleine Sachmittel, um große Ver­än­de­run­gen auszulösen.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on. In unseren Quartieren treffen un­ter­schied­li­che Le­bens­wel­ten und Sichtweisen aufeinander. Das bietet Chancen, führt aber auch zu Konflikten. Wir setzen deshalb auf viele Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le, um alle Menschen im Quartier zu erreichen, Falsch­in­for­ma­tio­nen vorzubeugen und Vorurteile abzubauen. Dabei klären wir über ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung auf und un­ter­stüt­zen diejenigen, die Dis­kri­mi­nie­rung erleben.

BENN soll dort wirksam werden, wo sich Menschen im Alltag begegnen: beim Einkaufen, auf dem Spielplatz, im Hausflur. Viele unserer Projekte wären ohne die enge Kooperation mit Frei­wil­li­gen­agen­tu­ren und zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Initiativen nicht möglich.

In Marzahn ist mithilfe von BENN bei­spiels­wei­se die „UnbezahlBar“ entstanden. Die UnbezahlBar wurde möglich durch starkes zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches Engagement, enge Kooperation lokaler Akteur:innen und Ein­rich­tun­gen und Bündelung von Ressourcen. Die UnbezahlBar ist ein „Um­sonst­la­den“ im BENN-Gebiet Marzahn Süd. Hier können Menschen aus der Nach­bar­schaft Kleidung, Kontakt und Beratung, Bücher, gerettete Le­bens­mit­tel und nützliche Gegenstände kostenlos erhalten. Sie können gleich­zei­tig selber beitragen durch Abgabe von gebrauchten Sachen, durch Zeit und Hinwendung. In der kalten Jahreszeit ist die UnbezahlBar zudem ein Ort, der nicht nur menschliche, sondern mit warmen Getränken auch leibliche Wärme bietet.

Entwickelt wurde das kooperative Konzept 2022 mit dem Ziel, den Mitmenschen in der Nach­bar­schaft ganz praktisch zu helfen. Anlass für diesen Wunsch gaben die wahr­nehm­ba­ren zunehmenden Sorgen wegen steigender Le­bens­hal­tungs­kos­ten und multipler Krisen weltweit. Die Angebote werden von haupt- und eh­ren­amt­lich Aktiven getragen. Viel Ehrenamt leisten Geflüchtete aus den umliegenden Ge­mein­schafts­un­ter­künf­ten

Für uns ist die UnbezahlBar ein Beispiel für die Momente, in denen sichtbar wird, warum BENN wirkt. Wir sehen, wie Nach­ba­rin­nen und Nachbarn Ver­ant­wor­tung übernehmen, wie neue Netzwerke entstehen, wie Menschen einander un­ter­stüt­zen.

Natürlich begegnen wir auch Hürden. Menschen, die sich aus Frust oder De­mo­kra­tie­ver­dros­sen­heit zu­rück­zie­hen, erreichen wir nicht immer. Auch wenn wir gerade sie ansprechen wollen, bleibt der Zugang oft schwer. Wichtig ist uns, im Austausch und Dialog zu bleiben.

Gleich­zei­tig müssen wir uns immer wieder ras­sis­ti­schen An­fein­dun­gen ent­ge­gen­stel­len. Diesen begegnet BENN mit der Un­ter­stüt­zung der Betroffenen und Schulungen zu Rassismus für zentrale Akteure im Stadtteil sowie Vermittlung zu pro­fes­sio­nel­ler Beratung. Die BENN-Büros sind überwiegend sogenannte Re­gis­ter­stel­len. Dort können ras­sis­ti­sche Übergriffe gemeldet werden.

Was wir im Laufe der Jahre gelernt haben: Ein Programm wie BENN darf nie stehen bleiben. Wir entwickeln es ständig durch Erfahrungen vor Ort, durch das Feedback der Menschen im Quartier und durch Dis­kus­sio­nen mit der Stadt­ge­sell­schaft weiter. Denn echte Ver­än­de­run­gen gelingen nur, wenn wir bereit sind, zuzuhören und die eigenen Ansätze immer wieder zu hin­ter­fra­gen.

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass Geflüchtete nicht mehr in großen Un­ter­künf­ten leben müssen, sondern in Wohnungen ankommen können. BENN könnte dann in diesen An­kunfts­ge­bie­ten un­ter­stüt­zen und als An­sprech­part­ner dienen. Wir hoffen, dass viele weitere Ver­wal­tun­gen den Mut finden, ähnliche Wege zu gehen. Denn wo Kommunen Begegnung schaffen, kann echter ge­sell­schaft­li­cher Zu­sam­men­halt entstehen.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 26. März 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach. 
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