Vision Staat 2040
Vertrauen ist kein Zustand, sondern ein Versprechen
Maren Busch, Bürgermeisterin Verbandsgemeinde Diez
Wenn ich in meiner Tätigkeit als Bürgermeisterin einer Verbandsgemeinde in Rheinland-Pfalz eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das: Vertrauen in den Staat schwindet nicht, weil Menschen sich nicht mehr für Politik interessieren. Es schwindet, weil sie erleben, dass der Staat an den falschen Stellen präsent ist und an den entscheidenden Stellen abwesend.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Die Parkuhr ist fünf Minuten abgelaufen? Sofort gibt es einen Strafzettel. Aber Kinder gehen 20 Jahre lang in eine kaputte Turnhalle, weil der Sanierungsantrag irgendwo zwischen Kreisverwaltung, Mittelbehörde und Ministerium hängt. Diese Asymmetrie erlebe ich ständig und sie zerstört Vertrauen nachhaltiger als jede politische Debatte.
Das ist kein Versagen einzelner Mitarbeitender. Die meisten Menschen in Verwaltungen wollen etwas bewegen. Aber die Strukturen verhindern dies und genau deshalb müssen wir über Strukturen sprechen.
Was muss der Staat in 2040 also leisten? Für mich ist die Antwort klar: Er muss dort handlungsfähig werden, wo Entscheidungen getroffen werden sollten, also vor Ort.
Ich kenne das Gefühl, jeden Antrag durch etliche Schleifen zerren zu müssen. Von der Gemeindeverwaltung zur Kreisverwaltung, weiter zur Mittelbehörde, hinauf ins Ministerium. Und am Ende stellt sich mir immer dieselbe Frage: Wissen sie wirklich mehr als wir vor Ort? Wir kennen unsere Menschen, unsere Bedarfe, unsere Chancen. Warum wird uns nicht zugetraut, Entscheidungen selbst zu treffen?
Natürlich braucht es Kontrolle. Niemand will, dass öffentliche Gelder verantwortungslos ausgegeben werden. Aber warum gehen wir davon aus, dass Kommunen grundsätzlich unter Generalverdacht stehen? Warum nicht Stichproben statt Vollkontrolle? Warum nicht Vertrauen als Ausgangspunkt statt als Belohnung?
Mehr Freiraum für Kommunen bedeutet nicht weniger, sondern mehr Verantwortung. Und die Möglichkeit, sie auch tatsächlich zu übernehmen.
Schnelligkeit ist nicht alles, aber Wirksamkeit muss spürbar sein. Wenn ein Gemeinderat heute etwas beschließt, will er in zwei Jahren sehen, was daraus geworden ist. Nicht in fünfzehn. Wenn zwischen Entscheidung und Wirklichkeit eine halbe Generation liegt, verlieren Menschen das Vertrauen in unseren Staat.
Ich kenne Bürgermeisterkolleg:innen, deren Haushalte nicht einmal mehr die 200 Euro für die Seniorenfeier hergeben. Das klingt nach einer Kleinigkeit, aber es ist keine. Es ist das Ende von kommunalem Gestaltungsraum. Wer nichts mehr zu entscheiden hat, hört auf, sich zu engagieren. Und wenn die Menschen aufhören, sich zu engagieren, hört die Demokratie auf zu leben.
Deshalb wünsche ich mir für 2040 einen Staat, der nicht nur effizienter, sondern auch mutiger ist. Einen Staat, der Dinge ausprobiert, indem er Verantwortung nach unten an die Menschen in den Kommunen abgibt, die wissen, was zu tun ist. Der über Ebenen hinweg zusammenarbeitet zwischen Bund, Ländern und Kommunen, aber auch zwischen Kommunen untereinander.
Und ich wünsche mir eine andere Grundstimmung. Dieser Pessimismus, der sich überall breitmacht – alle gegen alle, alle gegen den Staat, der Staat gegen alle – er führt nirgendwo hin. Er löst keine Probleme, sondern verhindert vielmehr, dass wir sie gemeinsam lösen.
Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch sichtbare Ergebnisse. Das ist meine Vision für 2040. Und ich bin optimistisch genug, daran zu glauben, dass wir das schaffen können. Wenn wir anfangen, die Strukturen zu verändern, die uns heute im Weg stehen.