Vision Staat 2040
Warum der demographische Wandel die Verwaltung befreit
Jan Rothenbacher, Oberbürgermeister der Stadt Memmingen
Ich bin seit drei Jahren Oberbürgermeister der Stadt Memmingen. Tief genug drin, um angekommen zu sein. Frisch genug, um noch nicht betriebsblind zu werden. Denn das ist das Risiko, wenn man lange Teil eines Systems ist: Man hört irgendwann auf, es zu sehen.
Die letzten drei Tage haben wir uns deshalb mit über 70 Verwaltungspionier:innen zum Forum für den Staat von morgen in Memmingen versammelt. Mit Fokus auf neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie ihren unterschiedlichen Expertisen. Denn diese brauchen wir, wenn wir den Staat von morgen handlungsfähig gestalten wollen.
Wenn ich an 2040 denke, denke ich zuerst an eine Zahl: 14 Jahre. Das klingt weit weg – und ist es nicht. Die großen Jahrgänge der Babyboomer werden bis dahin flächendeckend im Ruhestand sein. Was das für Gesellschaft, Wirtschaft und Staat bedeutet, ist uns noch nicht wirklich bewusst. Dabei ist es die vielleicht folgenreichste Veränderung, die auf uns zukommt. Ich erlebe es schon jetzt in der Praxis. Kommunen in meiner Umgebung finden keine Bürgermeister mehr. Keine Kämmerer. Keine Stadtplaner.
Was wie ein Personalproblem klingt, ist in Wahrheit eine strukturelle Frage: Haben wir uns Strukturen gebaut, die wir uns bald nicht mehr leisten können – und die wir uns vielleicht gar nicht leisten müssen? Meine Antwort lautet: Ja. Und das ist keine Katastrophe, sondern eine Chance.
Die letzten Jahrzehnte haben wir Organisationen um Menschen gebaut, genauer: um die Babyboomer. Als die großen Jahrgänge jung waren, haben wir Einstiegspositionen geschaffen. Als sie in die Mitte ihrer Karriere kamen, entstanden Abteilungsleiter-Stellen. Heute, kurz vor dem Ruhestand, sind wir kopflastig: Viele Strategen, immer weniger Umsetzer. Wir haben Kleinfürstentümer und Zuständigkeitssäulen aufgebaut, die vor allem eines spiegeln: die Strukturbedürfnisse einer Generation, die gerade geht. Was bleibt, sind Aufgaben, die in unserer zunehmend digitalisierten und globalisierten Welt so komplex sind wie nie zuvor. Und das bringt uns zu der Frage, wie wir diese Aufgaben mit weniger Menschen trotzdem gut lösen.
Das zwingt uns, vom Ergebnis her zu denken, anstatt von Zuständigkeiten. Nicht: Wer ist wofür verantwortlich? Sondern: Was soll am Ende stehen, und wer kann es am besten leisten? Das klingt trivial, aber dies ist ein fundamentaler Kulturwandel für eine Verwaltung, die über Jahrzehnte gelernt hat, sich über Strukturen und Ressorts zu definieren.
In Memmingen beginnen wir damit, anders zu kooperieren. Unser Stadtplanungsteam hat echte Expertise, ist innovativ, gut aufgestellt. Die Kollegen im Umland sehen das und fragen an, ob wir helfen können. Wir sagen: Gerne, aber dann tauschen wir. Ihr habt vielleicht eine Stärke im Veranstaltungsmanagement, in der Flächenentwicklung, in einem anderen Bereich, die wir im Gegenzug gut nutzen können. So entsteht keine Hierarchie, sondern Partnerschaft basierend auf der Frage: Wer hat was und wie teilen wir es sinnvoll?
Das klingt nach gesundem Menschenverstand und doch widerspricht es dem Instinkt der meisten Verwaltungen, die gelernt haben, Zuständigkeiten zu schützen wie Territorien. Der Druck des demografischen Wandels wird diesen Instinkt überwältigen. Nicht weil wir besonders mutig oder innovativ sind, sondern weil wir keine Wahl haben werden.
Wer sich jetzt nicht bewegt, wird bewegt werden. Aber wer sich freiwillig bewegt, gestaltet. Deshalb glaube ich: In der Not liegt eine echte Befreiung. Die Frage: „Haben wir noch jemanden für diese Stelle?“ wird die Frage erzwingen, die wir uns schon lange hätten stellen sollen: „Brauchen wir diese Stelle eigentlich?“ Und manchmal lautet die Antwort: Nein. Oder: Nicht so. Oder: Ja, aber gemeinsam mit drei anderen Kommunen.
Aus dieser Logik heraus werden Verwaltungsgemeinschaften wichtiger werden – nicht als bürokratische Notlösung, sondern als echtes Kooperationsmodell. Nicht als Zentralisierung, sondern als kluge Bündelung. Ein guter Kämmerer, der für mehrere Gemeinden arbeitet, ist kein Qualitätsverlust. Er ist eine Chance, dass überhaupt noch jemand da ist, der es richtig macht.
Dabei gilt: Nähe zu den Menschen vor Ort bleibt unverzichtbar. Wer glaubt, man könne kommunale Verwaltung von oben zentralistisch lösen, verkennt, worum es geht. Es geht um Vertrauen, um Erreichbarkeit, um das Gefühl, gehört zu werden. Das lässt sich nicht wegrationalisieren. Aber man kann es anders organisieren: einen halben Schritt nach oben versetzt, klüger vernetzt, mit mehr Ausfallsicherheit. Auch für die Menschen, die in dieser Verwaltung arbeiten.
Wer als einzige Person für ein ganzes Aufgabenfeld in einer kleinen Gemeinde zuständig ist, trägt eine Last, die nicht nachhaltig ist: keine Vernetzung, kein Team, kein Ausgleich, wenn man krank ist oder Urlaub braucht. Größere, kooperative Strukturen machen Verwaltungsarbeit nicht nur effektiver – sie machen sie auch nachhaltiger und damit menschlicher.
2040 wird der Staat nicht kleiner sein müssen. Aber er wird schlanker, vernetzter und ehrlicher sein müssen. Ehrlicher darüber, was er leisten kann und was nicht, welche Strukturen er braucht und welche er sich nur eingebildet hat. Der demografische Wandel ist dabei kein Feind der guten Verwaltung. Er ist ihr unbequemster, ehrlichster Spiegel. Und manchmal braucht es genau das: einen Spiegel, der einem zeigt, was man schon lange wissen wollte.
Das war das siebte Forum für den Staat von morgen
Gemeinsam mit über 70 Verwaltungspionier:innen aus Bund, Ländern und Kommunen, haben wir uns die letzten drei Tage auf dem siebten Forum für den Staat von morgen getroffen. Gastgebende waren die Stadt Memmingen, vertreten durch Oberbürgermeister Jan Rothenbacher, sowie das BayerischeStaatsministerium für Digitales, vertreten durch den Bayerischen Staatsminister für Digitales Dr. Fabian Mehring.
Die Kern-These dieses Forums: Wenn wir unseren Staat handlungsfähig gestalten wollen, brauchen wir neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den föderalen Ebenen, damit wir den Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden: Wo braucht es mehr gemeinsame Verantwortung, wo Entflechtung und wo neue Formen der Kooperation?
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