Was wäre, wenn Ge­bäu­de­sa­nie­run­gen nicht nur ökologisch, sondern auch sozial nachhaltig wären?

Moritz Sadowski, Pro­jekt­ko­or­di­na­tor von DIE BLEIBE, Ge­sell­schaft für Stadt­ent­wick­lung (GSE) und Philipp Strohm, Mit-Initiator von DIE BLEIBE und Ge­schäfts­füh­rer der GSE

 

Innovative Sa­nie­rungs­pro­jek­te stoßen schnell an Grenzen, wenn sie mit bestehenden Re­gu­lie­run­gen zu­sam­men­kom­men. Ge­neh­mi­gungs- und Ge­währ­leis­tungs­pro­zes­se sind bisher kaum auf zirkuläre Konzepte im Selbstbau ausgelegt. Hinzu kommen weitere Hürden in der Ma­te­ri­al­be­schaf­fung: Gebrauchte Baustoffe müssen sorgfältig geprüft und do­ku­men­tiert werden, bevor sie eingesetzt werden können. All das erfordert eine enge Ko­or­di­na­ti­on und viel Kom­mu­ni­ka­ti­on zwischen Ver­wal­tun­gen und Ge­bäu­de­sa­nie­rer:innen.

Mit DIE BLEIBE haben wir gemeinsam mit Team Dis+Ko, einem Kollektiv aus acht Land­schafts­ar­chi­tekt:innen und Architekt:innen aus Berlin, ein Konzept entwickelt, das sich genau diesen Her­aus­for­de­run­gen stellt. Unser Ziel ist es, Be­stands­woh­nun­gen res­sour­cen­scho­nend und sozial verträglich zu sanieren und damit dauerhaft bezahlbaren Wohnraum für ein­kom­mens­schwä­che­re Zielgruppen zu schaffen. In diesem Fall für Studierende.

Der Ansatz basiert auf zwei Prinzipien: Kreis­lauf­ge­rech­tes Bauen und Selbstbau. Künftige Bewohner:innen sanieren ihre Wohnungen mit unserer Un­ter­stüt­zung selbst. Dabei setzen wir vor allem gebrauchte und lokal verfügbare Materialien ein. So entsteht nicht nur öko­lo­gi­scher Mehrwert, sondern auch ein Gefühl der Teilhabe und Selbst­wirk­sam­keit. DIE BLEIBE 1.0 haben wir bereits erfolgreich in einer Wohnung in Berlin Wedding pilotiert, die zweite Wohnung ist in Arbeit. Außerdem arbeiten aktuell an einem über­trag­ba­ren Modell für die Sanierung von Be­stands­woh­nun­gen im gesamten Stadtgebiet.

Bei der er­folg­rei­chen Umsetzung von DIE BLEIBE 1.0 konnten wir erhebliche Mengen an Bauabfällen vermeiden und die CO₂-Bilanz deutlich im Vergleich zu her­kömm­li­chen Ge­bäu­de­sa­nie­run­gen verbessern. So wurden bei­spiels­wei­se 30 % der Ma­te­ri­al­kos­ten durch die Wie­der­ver­wen­dung gebrauchter Bauteile eingespart und 50 m² Bodenbelag vor Ort auf­ge­ar­bei­tet statt entsorgt. Durch lokale Ma­te­ri­al­kreis­läu­fe und den gezielten Einkauf gebrauchter Baustoffe konnten die Trans­port­kos­ten auf nur etwa 1 % der Gesamtsumme gesenkt und damit die Trans­portemis­sio­nen deutlich minimiert werden. Diese Maßnahmen steigern die Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz des Projekts signifikant.

Neben den öko­lo­gi­schen Aspekten trägt DIE BLEIBE auch zu sozialen Erfolgen bei. Indem sie eine neue Form der Teilhabe am Bauprozess stärkt, ge­mein­schaft­li­che Selbst­wirk­sam­keit und schafft bezahlbaren Wohnraum jenseits markt­üb­li­cher Mechanismen schafft.

DIE BLEIBE fungiert somit als Reallabor für eine trans­for­ma­ti­ve Praxis im Bauwesen, die ökologische und soziale Nach­hal­tig­keit systemisch miteinander im Sinne der Bauwende verknüpft. Das Projekt dient inzwischen als Referenz für zirkuläres Bauen im Bestand und wird von ver­schie­de­nen Akteur:innen als Mo­dell­pro­jekt wahr­ge­nom­men.

Während wir das Konzept für DIE BLEIBE entwickelt haben, standen wir auch einigen Her­aus­for­de­run­gen gegenüber, besonders in der Schnitt­stel­le zwischen innovativer Praxis und bestehenden Re­gu­lie­rungs­struk­tu­ren. Bei­spiels­wei­se bilden gängige Leis­tungs­pha­sen der Planer:innen nicht die notwendigen Schritte zur un­er­läss­li­chen Anleitung und Wis­sens­ver­mitt­lung für den Selbstbau ab. Denn im Selbstbau ist mit deutlichen längeren Planungs- und Aus­füh­rungs­zeit­räu­men zu kalkulieren, damit die notwendigen Aus­füh­rungs­qua­li­tä­ten erreicht werden können.

Auch die Logistik der Ma­te­ri­al­be­schaf­fung, ins­be­son­de­re die Qua­li­täts­si­che­rung und Do­ku­men­ta­ti­on gebrauchter Baustoffe, stellte eine erhebliche Hürde dar. Zudem erforderte die Ko­or­di­na­ti­on der zahlreichen Beteiligten ein hohes Maß an Kom­mu­ni­ka­ti­on und Or­ga­ni­sa­ti­on.

Deshalb wünschen wir uns für die Zukunft, dass die Rah­men­be­din­gun­gen einfacher werden. Kreis­lauf­ge­rech­tes Bauen braucht Strukturen, die gebrauchte Materialien sys­te­ma­tisch integrieren, Rückbau und Wie­der­ver­wen­dung besser un­ter­stüt­zen und Selbst­bau­in­itia­ti­ven stärker fördern. Wenn das gelingt, können Projekte wie DIE BLEIBE nicht nur vereinzelt, sondern in großer Zahl umgesetzt werden. Damit hätten wir ein wir­kungs­vol­les Instrument in der Hand, um die Bauwende ökologisch und sozial vor­an­zu­brin­gen.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 30. Oktober 2025 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.

The Bigger Picture

Gina Rembe

Die sozialen Aspekte der Bauwende sind von größter Wichtigkeit. Wir können und dürfen uns nicht nur auf ökologische oder gar ökonomische Aspekte kon­zen­trie­ren. Wir brauchen einen klima- und ge­sell­schafts­po­si­ti­ven Bau- und Wohnsektor in Deutschland. 

In Deutschland lebt über die Hälfte der Bevölkerung zur Miete. Diese Haushalte haben im Schnitt ein geringeres Einkommen als Eigentümer:innen. Mitt­ler­wei­le zahlen über 15 % der Haushalte mehr als 40 % ihres Einkommens für Miete. Gerade in Großstädten, wo Wohnraum fehlt, braucht es daher innovative Lösungen, die schnell Wohnraum schaffen, zum Beispiel mit Umbau und Umnutzung durch Sanierung.

Für die Kli­ma­re­si­li­enz unserer Städte braucht es starke Ge­mein­schaf­ten und soziale Ver­bin­dun­gen im un­mit­tel­ba­ren Umfeld. Unsere Nachbar:innen werden die erste An­lauf­stel­le werden in Zeiten der Polykrise. Jedes Bau- und Wohnprojekt sollte also als Chance wahr­ge­nom­men werden, eine Existenz im Einklang mit der Umwelt und Ökosystemen zu ermöglichen und sozialen Zu­sam­men­halt zu stärken. Bei der Sanierung die Bewohner:innen einzubinden hilft dabei, Wissen sowie Ge­mein­schaft gleich­zei­tig aufzubauen

Sanierungen bergen ein großes Potenzial, um dem Druck um Wohnraum Abhilfe zu verschaffen. Noch dazu sind sie zentral, um die Treib­haus­ga­se, die durch Gebäude und Wohnen verursacht werden, zu reduzieren. In Zukunft werden Heizkosten vermehrt zur negativen fi­nan­zi­el­len Situation der Mietenden beitragen, da die zukünftig steigenden CO₂-Kosten vermutlich auf die Bewohner:innen übertragen werden. Somit ist es umso wichtiger, so zu sanieren, dass unsere Wohnungen so res­sour­cen­ef­fi­zi­ent und mie­ter­freund­lich wie möglich sind

Kreis­lauf­ge­rech­tes Sanieren birgt noch weiteres Potenzial, die Wohnungen werden nicht nur effizienter, sondern auch so saniert, dass entweder Se­kun­där­ma­te­ria­li­en genutzt werden oder rück­bau­fä­hig eingebaut werden und zeigt die Mög­lich­kei­ten der Kreis­lauf­wirt­schaft auf durch und für die Nutzer:innen der Räum­lich­kei­ten.