Was wäre, wenn Rückbau im Kreislauf bleibt?

Susanne Klinger, Referentin für bauliches Energie- und Um­welt­ma­nage­ment, Daria Sizov, Baumanager, beide BIM Berliner Im­mo­bi­li­en­ma­nage­ment GmbH

 

Wenn Gebäude abgerissen oder saniert werden, entsteht dabei viel Abfall, obwohl Bau­ma­te­ria­li­en begrenzt und teuer sind. Das Land Berlin hat sich mit einer Zero Waste Strategie ver­pflich­tet, einen Leitfaden für den Rückbau von Gebäuden zu erstellen. Daran haben wir uns als BIM Berliner Im­mo­bi­li­en­ma­nage­ment GmbH (BIM) beteiligt, denn uns war klar: Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, müssen wir auch graue Energien mitdenken, also den er­for­der­li­chen En­er­gie­be­darf, der über den gesamten Le­bens­zy­klus eines Gebäudes anfällt, inklusive Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung.  

Schließlich ist die Bau­wirt­schaft für rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen in Deutschland ver­ant­wort­lich und verbraucht enorme Mengen an Rohstoffen. Gleich­zei­tig fällt auf Baustellen eine riesige Menge Bauschutt an, von dem ein großer Teil bislang entsorgt und nicht wie­der­ver­wen­det wird. 

Also haben wir ein Rück­bau­kon­zept entwickelt, das wir seit Januar 2024 verbindlich in unseren Bau­pro­jek­ten anwenden. Der Kern: Wir erfassen alle Materialien, die beim Rückbau eines Gebäudes anfallen, und prüfen ihre mögliche Wieder- oder Wei­ter­ver­wen­dung. Ein vor­ge­schal­te­tes Schad­stoff­gut­ach­ten sorgt dafür, dass gefährliche und nicht gefährliche Abfälle getrennt betrachtet werden können. 

Alles, was unbelastet und wie­der­ver­wend­bar ist, landet in unserer haus­in­ter­nen Bau­teil­bör­se. Dort prüfen wir, welche Materialien in eigenen Projekten eingesetzt werden können. Was wir nicht selbst nutzen, geben wir über eine öffentliche Bau­teilauk­ti­on an regionale Unternehmen und Vereine weiter. So vermeiden wir Abfall und geben wertvolle Ressourcen zurück in den Kreislauf.

Als die Se­nats­ver­wal­tung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU) damit begonnen hat, den Leitfaden für Rück­bau­kon­zep­te zu entwickeln, haben wir an den Fach­dia­lo­gen teil­ge­nom­men und unser Rück­bau­kon­zept aus der Praxis eingebracht. Dabei war und ist die Zu­sam­men­ar­beit sehr fruchtbar. Denn die Ko­or­di­na­ti­on über den Senat ermöglichte es, den Stake­hol­der­kreis zu erweitern und andere Per­spek­ti­ven zu be­rück­sich­ti­gen.

Seit der Einführung des Leitfadens verzeichnen wir einen stetigen Anstieg an Rück­bau­kon­zep­ten, über 30 wurden bereits geprüft. Die Zahl der auf­ge­nom­me­nen Bauteile steigt kon­ti­nu­ier­lich und über unsere Auktionen finden wir regelmäßig Abnehmer:innen. Auch unsere Fachplaner:innen sind inzwischen ver­pflich­tet, vor dem Einsatz neuer Materialien unsere Bau­teil­bör­se zu prüfen – und die ersten Anfragen laufen bereits. Für diese Erfolge wurden wir mit dem „Bewährt vor Ort”-Siegel in der Kategorie „Nach­hal­ti­ges Bauen” aus­ge­zeich­net.

Gleich­zei­tig fallen die erstellten Rück­bau­kon­zep­te noch sehr un­ter­schied­lich aus. Wir befinden uns in einem kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­bes­se­rungs­pro­zess und wir schulen sowohl unsere eigenen Mitarbeiter:innen sowie die in­vol­vier­ten Fach- und Ob­jekt­pla­ner:innen. So wächst Schritt für Schritt die Expertise, welche Materialien sich eignen und wie sie am besten wieder eingebracht werden. 

Rück­bau­kon­zep­te müssen sehr früh in die Pla­nungs­pro­zes­se integriert werden, was gewohnte Abläufe verändert und immer wieder nach­jus­tiert werden muss. Dafür braucht es Geduld. Bei einfachen Bauteilen sind schnelle Erfolge möglich, bei komplexen Prozessen dauert es länger, bis die Qualität stimmt. Auch die Frage nach aus­rei­chen­den Abnehmer:innen begleitet uns weiterhin.

Gleich­zei­tig führt die Einführung der Ver­wal­tungs­vor­schrift für nachhaltige Beschaffung (VwVBU) dazu, dass sich Verwaltung stärker mit dem Umgang von Ressourcen aus­ein­an­der­set­zen muss. Dieser Anstoß ist ent­schei­dend für die Möglichkeit struk­tu­rel­ler Ver­än­de­run­gen.

Aktuell wollen wir mit unserem Re-Use Pi­lot­pro­jekt im Herbst dieses Jahres damit beginnen, gerettete Bauprodukte in größerem Umfang in das Bauprojekt der Was­ser­ret­tungs­stel­le Fried­richs­ha­gen in Berlin ein­zu­brin­gen. Damit schließen wir das erste Mal den kompletten Ma­te­ri­al­kreis­lauf.  Das Pi­lot­pro­jekt entstand über einen Wettbewerb von SenMVKU und der TU Berlin mit dem Fokus auf Re-Use, also Wie­der­ver­wer­tung.

In diesem Projekt wurde für jedes Bauteil geprüft, ob es wie­der­ver­wer­tet werden kann. Vom Altholz über Fenster, bis hin zu Me­tall­de­cken­plat­ten, die als Fas­sa­den­plat­ten genutzt werden sollen, wurden Bauprodukte im Vorfeld, überwiegend aus dem eigenen Bestand, gesucht und für den Einsatz über unsere Bau­teil­bör­se eingelagert. Begleitet wird das Projekt von unseren Re-Use Ko­or­di­na­to­ren, dem Natural Building Lab. Re-Use dient uns als Lernobjekt, aus dem wir über alle Leis­tungs­pha­sen hinweg Ergebnisse auswerten und Vorlagen für zukünftige Vorhaben schaffen.

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass die Grundlagen für zirkuläres Bauen noch stärker sys­te­ma­tisch geschaffen werden. Dazu gehören Ma­te­ri­al­ka­tas­ter, die bereits vor Pla­nungs­be­ginn Aufschluss über verfügbare Stoffe geben, und die konsequente Vermeidung von Schad­stof­fen oder Ver­bund­ma­te­ria­li­en, die Kreisläufe verhindern. Wie­der­ver­wen­dungs­ori­en­tier­ter Rückbau und sys­te­ma­ti­sche Auf­ar­bei­tung müssen fester Bestandteil der Ma­te­ri­al­kreis­läu­fe werden – und auch Hersteller:innen von Bau­pro­duk­ten sollten Ver­ant­wor­tung übernehmen.

Wenn wir das schaffen, können wir mit den geernteten Ressourcen der Rück­bau­kon­zep­te wie unseres in Berlin einen we­sent­li­chen Beitrag dafür leisten, Ressourcen zu schonen und Emissionen zu senken.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 23. Oktober 2025 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.

The Bigger Picture

Gina Rembe

Der Bau- und Ge­bäu­de­sek­tor ist einer der größten Treib­haus­gas­emit­ten­ten und Ab­fall­erzeu­ger weltweit. Allein in Deutschland ist der Bau und Betrieb von Gebäuden für etwa 40% der CO₂-Emissionen, 55% der Ab­fall­pro­duk­ti­on und 40% des Roh­stoff­ver­brauchs ver­ant­wort­lich. Die Her­aus­for­de­rung und das Potenzial sind enorm.

Die Wie­der­ver­wen­dung von Materialien ist einer der zentralen Hebelpunkte. Allerdings sind die Quoten für Wie­der­ver­wen­dung noch immer niedrig: Im Jahr 2020 wurden nur 13% (77 Millionen Tonnen) im Bau durch Re­cy­cling­bau­stof­fe gedeckt. Das birgt enormes Potenzial, was die Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz Deutsch­lands angeht und somit unsere Möglichkeit und Ver­pflich­tung, den Zielen der deutschen Kli­ma­neu­tra­li­tät bis 2050 nach­zu­kom­men

Dabei kommt immer wieder die Frage der Ge­währ­leis­tung als Her­aus­for­de­rung auf. Um das Argument zu entkräften, hat das deutsche Startup Concular, gemeinsam mit der VHV Ver­si­che­rung und Ver­si­che­rungs­ver­mitt­ler MOCEDI eine Ver­si­che­rung für Se­kun­där­ma­te­ria­li­en geschaffen (Reclaimed Con­s­truc­tion Material Insurance, RCMI), sodass auch solche Baustoffe den gleichen Ge­währ­leis­tun­gen nach deutschem Han­dels­recht unterliegen

Auch das wirt­schaft­li­che Potenzial von Se­kun­där­ma­te­ria­li­en besteht: Ma­te­ri­al­her­stel­len­de nehmen schon jetzt ihre eigenen Produkte zurück und arbeiten diese wieder auf, um sie dann wieder zu verkaufen. Das ganze funk­tio­niert ohne die Nutzung von weiteren Pri­mär­roh­stof­fen und mit einem Bruchteil der Treib­haus­ga­se

Um im Thema vor­an­zu­kom­men, brauchen wir mutige und große Mo­dell­pro­jek­te, wie das der BIM in Berlin, die schon jetzt zeigen, was möglich ist. Auch die Wei­ter­bil­dung von Fachkräften in Planung und Bau ist zentral, damit Se­kun­där­ma­te­ria­li­en fachgerecht zu­rück­ge­baut und wie­der­ver­wen­det werden können.