Vision Staat 2040
Weniger Zukünfte, mehr Zukunft. Plädoyer für einen vorhersagbaren Staat
Matthias C. Kettemann, Head of Research: New Technologies and Future of Law, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft
Der Staat der Zukunft leidet nicht an einem Mangel an Ideen. Er leidet an zu vielen möglichen Zukünften. An Überraschungen, die zu Überforderung führen. Klimakrise, demografischer Wandel, geopolitische Fragmentierung, technologische Beschleunigung – jede politische Entscheidung steht heute im Schatten unzähliger Szenarien, Risiken und Nebenfolgen.
Verwaltung und Politik agieren damit zunehmend im Modus der Reaktion, nicht der Gestaltung. Wenn alle über die Zukunft denken, vergessen sie die Gegenwart. Der Staat von morgen muss aber wieder eines werden: vorhersagbar. Nicht im Sinne starrer Planung, sondern im Sinne begründeter, nachvollziehbarer und resilienter Zukunftsentscheidungen. Das geht aber nur, wenn wir weniger Zukünfte in Zukunft haben.
Hier kommt eine Technologie ins Spiel, die bislang vor allem als abstraktes Versprechen gilt: Quantencomputing. Noch ist der praktische Einsatz begrenzt, doch das erkenntnisleitende Potenzial ist bereits heute sichtbar. Quantencomputer sind keine schnelleren Taschenrechner. Sie sind Maschinen zur Exploration von Möglichkeitsräumen. Wo klassische Computer lineare Probleme Schritt für Schritt lösen, können Quantencomputer komplexe Systeme simultan modellieren: Verkehrsflüsse, Energiesysteme, Lieferketten, Proteinfaltungen, regulatorische Optionen – und deren Wechselwirkungen über Zeit.
Für den Staat bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Nicht mehr einzelne Zukunftsbilder konkurrieren miteinander, sondern ganze “Zukunftsräume” werden analysierbar. Politische Optionen lassen sich nicht nur ex post evaluieren, sondern ex ante simulieren: Welche Kombination aus Regulierung, Förderung und Infrastruktur führt unter welchen Annahmen zu welchen gesellschaftlichen Effekten? Welche Kipppunkte sind realistisch, welche Pfade stabil, welche nur scheinbar attraktiv? Ist KI - um das Beispiel ins Heute zu holen - ausreichend reguliert? Müssen wir mehr tun, um die Zentralität des Menschlichen zu sichern? Das wüsste man gerne.
Die eigentliche Innovation liegt indes nicht in der Technik, sondern in der Governance, also in der Regulierung durch Gesetze, Regeln, Standards, Normen. Wenn die Gesamtheit der in wichtigen Rollen der Politik, Verwaltung und Justiz sich befindenden Akteure (kurz: „der Staat”) wissen, welche Zukünfte möglich sind, können sie politisch klarer unterscheiden, welche davon erwünscht sind.
Quantenbasierte Zukunftsmodellierung erzwingt keine Entscheidung, ermöglicht diese aber. Realistische Zukunftsmodelle machen Zielkonflikte explizit und politische Verantwortung unausweichlich. Ein Staat, der weiß, was kommt, ist kein Staat im Lehnstuhl, der sich immer entschuldigen kann („Wie hätten wir denn wissen sollen, dass wir die sozialen Medien früher regulieren sollen”), sondern ein informierter, handlungsverantwortlicher und im Tun wie Unterlassen begründungspflichtiger Staat.
Gleichzeitig eröffnet sich ein enormes Effizienzpotenzial für Verwaltungshandeln. Genehmigungsverfahren, Ressourcenplanung, Krisenmanagement oder interministerielle Koordination sind heute oft von Unsicherheit, Informationsasymmetrien und Reibungsverlusten geprägt. Quantenunterstützte Optimierungsmodelle können nicht nur beim „big picture” helfen, sondern auch dabei, knappe Ressourcen besser als reine KI dort einsetzen, wo sie systemisch den größten Effekt entfalten. Verwaltung würde dann weniger Möglichkeiten verwalten, sondern Sicherheiten steuern.
Doch Vorsicht: Ein Staat, der Zukünfte berechnet, läuft Gefahr, sie auch zu verengen. Die Reduktion von Möglichkeitsräumen ist politisch hochsensibel. Wer definiert die Modellannahmen? Welche Daten gelten als relevant? Welche Zukünfte werden als „unrealistisch“ aussortiert und welche gesellschaftlichen Stimmen damit gleich mit? Der Staat 2040 braucht daher nicht nur Quantenhardware, sondern Demokratiesoftware: institutionelle Sicherungen wie Transparenzpflichten und multistakeholderbasierte Entscheidungsfindungsprozesse in allen Phasen des Einsatzes von Quantencomputern (wäre schön gewesen, wenn wir das bei der Auswahl der Trainingsdaten für KI auch so gehandhabt hätten), sowie rechtliche Leitplanken mithin für den Einsatz prognostischer Technologien.
Weniger Zukünfte, mehr Zukunft heißt nicht technokratische Steuerung, sondern demokratische Verdichtung. Ein Staat, der mithilfe neuer Technologien handlungsfähiger wird, muss zugleich rechtsstaatlicher und rechenschaftspflichtiger werden. Die Chance des Quantenzeitalters liegt nicht darin, politische Entscheidungen zu automatisieren, sondern darin, sie mit mehr Wissen besser treffen zu können – und damit Vertrauen zurückzugewinnen.
Der Staat der Zukunft wird nicht allwissend sein. Aber er kann lernfähig, vorausschauend und verlässlich werden. Quantencomputing ist dafür kein Allheilmittel. Doch es zwingt uns, die entscheidende Frage neu zu stellen: Nicht, was technisch möglich ist, sondern welche Zukunft wir mit besseren Werkzeugen politisch wollen.