Was wäre, wenn Dein Steuerbescheid auf einmal verständlich, freundlich und informativ wäre?
Teresa Conrad, Unternehmerin und Fellow bei Re:Form
Erinnerst Du Dich noch an Deinen letzten Steuerbescheid? An die warmen Gefühle, weil das Schreiben Dir so schön erklärt hat, wie viel Steuern und Abgaben im letzten Jahr genau fällig wurden, warum und für welche Interessen der Gemeinschaft sie genutzt wurden?
Vermutlich nicht. Vermutlich hast Du kurz nach der einen Zahl gesucht – muss ich nachzahlen oder bekomme ich etwas erstattet? – und den Rest ungelesen abgelegt. Oder direkt an die Steuerberatung weitergereicht.
Damit bist Du nicht allein: In einer repräsentativen Taxfix-Studie von 2024 finden gerade einmal vier Prozent der Befragten Behördensprache verständlich. Nur jede:r Fünfte versteht ein amtliches Schreiben beim ersten Lesen, mehr als zwei Drittel müssen mehrfach ansetzen, fast die Hälfte holt sich Hilfe von anderen. Drei von vier wissen nicht, was ein Progressionsvorbehalt ist und fast jede:r Vierte hatte schon finanzielle Nachteile, weil sie den Bescheid einfach nicht verstanden hat (und jeder Achte weiß es schlicht nicht). Es zieht sich quer durch Einkommen, Bildungsabschluss und Alter: Vor dem Amtsdeutsch sind wir alle ziemlich gleich.
Jetzt stell Dir einmal vor, ein Steuerbescheid wäre verständlich. Keine Bleiwüste in antiquierter Schreibmaschinenschrift mit leicht passiv-aggressivem Ton, sondern ein Dokument mit freundlicher Anrede, das erklärt, Optionen aufzeigt, vielleicht sogar interessant und informativ ist. Eines, das die wichtigsten Zahlen heraushebt: Was hast Du bezahlt, was steht noch aus, was bekommst Du erstattet? Das zeigt, welchen Vorteil Dir Regelungen wie die steuerliche Begünstigung von Ehrenamt, Spenden, der Arbeitnehmer-Pauschbetrag oder außergewöhnlichen Belastungen gebracht haben und wie sich Kindergeld oder Elterngeld steuerlich unterm Strich ausgewirkt haben.
Eines, das sichtbar macht, was Du über das Jahr in die Gemeinschaftskasse eingezahlt hast und was davon in Form von Sozialleistungen wieder zu Dir zurückgeflossen ist (Spoiler: Mein Mann und ich sind im Jahr nach der Geburt meiner Tochter bei plus/minus 0 herausgekommen. Ist das nicht ein spannender Perspektiv-Wechsel statt nur einen Blick auf die „Belastungen” zu werfen?).
Und eines, das eine Frage beantwortet, die im heutigen Bescheid schlicht nicht vorkommt: Wohin fließen Deine Steuern überhaupt, in welche Bereiche und öffentlichen Aufgaben und mitwelcher Wirkung? Denn genau an diesem Punkt trennt sich die Spreu vom Weizen derjenigen, die Steuern für eine reine Zumutung halten und denjenigen, die ihre Steuern als gerechten Anteil am großen Ganzen empfinden.
Großbritannien verschickt seit 2014 eine persönliche „Annual Tax Summary” mit einem Ausgaben-Tortendiagramm; Australien macht es ähnlich, nur in Form eines Balkendiagramms. Die Forschung dazu ist ernüchternd und ermutigend zugleich: Menschen erinnern sich gut an das Diagramm, sie wissen danach mehr über Staatsausgaben. Aber ihre Haltung gegenüber des Steuerzahlens ändert das kaum. Ein Tortendiagramm mit großen, abstrakten Euro-Beträgen reicht nicht.
Was nachweislich wirkt, ist erkennbarer Nutzen: „1.240 Euro für Verkehr” bleibt abstrakt, aber unter „staatlicher Zuschuss zu 20 Deutschland-Ticket-Monaten” kann sich jeder etwas vorstellen. Wie viel Meter Straße konnten dank Deiner Steuern instandgehalten werden? Wie viele Meter Glasfaser, wie viele Monate BAföG, wie viele Kindergartenmonate stecken in Deinem Beitrag? Wie viel Euros sind dem Erhalt schöner Gärten, wie viel dem Freibad zugutegekommen?
Studien zur Steuermoral zeigen zusätzlich: Schon das Gefühl, mitreden zu dürfen (und sei es unverbindlich), erhöht die Bereitschaft, Steuern als etwas Sinnvolles zu sehen. Ein Feldexperiment in Ecuador bestätigte das 2025: Wer erfährt, dass der Staat seine Steuern stärker als vermutet im Sinne eigener Prioritäten ausgibt, unterstützt staatliches Handeln spürbar stärker und sträubt sich weniger gegen die eigene Steuerlast.
Mit einem kombinierten Steuer-Wirkungs-Bescheid für mehr Transparenz, finanzielle Bildung und Wirkungsverständnis zu sorgen lässt sich relativ niedrigschwellig implementieren: In einem ersten Schritt könnte ein Finanzamt seinen Bürgerinnen und Bürgern den Bescheid erstmal einfach zusätzlich zur klassischen Bleiwüste zukommen lassen. „Nur zur Information", natürlich aber basierend auf denselben ELSTER-Daten. Australien macht das seit 2014: Dort liegt jedem Steuerbescheid eine „persönliche Steuerquittung” bei. Sie wird mit dem Bescheid zugestellt, ist aber kein formaler Bestandteil.
Ein Steuerbescheid muss bestimmte gesetzliche Pflichttexte enthalten, aber die stehen einer freundlicheren Gestaltung nicht im Weg. Korrekte Daten? Die liegen ohnehin vor und könnten direkt aus ELSTER in ein anderes, netteres Format fließen.
Um die Fantasie anzuregen, haben wir im Re:Form-Team einfach mal einen ersten Prototypen erstellt. Hier könnt Ihr Euch durch zehn Beispiele klicken, wie so ein Steuer-Wirkbescheid für Bürgerinnen und Bürger in verschiedenen Lebenssituationen vielleicht aussehen könnte.
Du arbeitest für eine Finanzbehörde und hättest Lust, solch einen Steuer-Wirkungsbescheid testweise zusätzlich zum Standard-Bescheid zu verschicken?
Dann melde Dich gerne bei mir. Ich freue mich, von Dir zu hören.