Postkarten aus aller Welt: Großbritannien
Wenn Expertise wichtiger wird als Generalismus
Hermann Amecke, systemischer Organisationsberater, und Rafael Leite, Verwaltungswissenschaftler und Humboldt-Stipendiat, beide Fellows von Re:Form
Übung macht den Meister – im Privatleben und in der Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit. Wir gehen am liebsten zu einem Arzt mit jahrelanger Erfahrung. Unternehmen stellen Spezialisten ein, die ihre Fähigkeiten über Jahre vertiefen: in HR, Buchhaltung, Marketing. Selbst breiter aufgestelltes Management spezialisiert sich auf Management.
In traditionellen Verwaltungssystemen weltweit sieht es anders aus. Dort wechseln Mitarbeitende alle drei bis vier Jahre häufig nicht nur die Stelle, sondern quasi den Beruf: ein internationaler Verhandler wird Chef der internen Statistik. Eine Rechtsberaterin wird für Personalentwicklung zuständig. Ein Controller übernimmt Projekt-Management. Der Gewinn dieses Modells ist Flexibilität. Doch der Preis ist hoch. Denn fachliche Expertise kann sich so schwer ausbilden.
Unsere heutige Postkarte kommt aus Großbritannien entlang der Fragen: Wie organisiert man eigentlich Karrieren in der Verwaltung?Und kann man das Generalisten-Modell aufbrechen, ohne Flexibilität zu verlieren?
2012 startete Großbritannien ein Experiment, das mittlerweile international Nachahmer findet: das „Functional Model”. Die Grundidee war einfach: Ein Beschaffungsprofi sollte in Zukunft Beschaffungsprofi bleiben können – mit klarem Karriereweg, Standards und strukturierter Weiterentwicklung. Unabhängig davon, in welchem Ministerium er oder sie arbeitet.
Um das umzusetzen, führte Großbritannien zwei parallele Strukturen ein. Die erste Strukturbesteht aus 14 zentralen „Functions”. Das sind regierungsübergreifende Rollen oder Tätigkeiten wie Beschaffung, Digitales, Finanzen oder HR. Jede Function hat eigene Standards und eine zentrale Leitung, die ministeriumsübergreifend koordiniert.
Die zweite Struktur besteht aus 32 „Professions”. Diese bündeln Menschen mit einer bestimmten Ausbildung beziehungsweise Expertise, wie Ökonomen:innen, Statistiker:innen, Data Scientists oder Juristen:innen. Jede dieser Berufsgruppen hat regierungsübergreifend eigene Karrierewege, einen Kompetenzrahmen für systematische Entwicklung und Communities of Practice für Peer-Learning entwickelt.
Ein Beispiel: Eine Ökonomin im „Civil Service” ist in der „Economic Service Profession”. Sie kann sich in dieser Expertise weiter fortbilden. Die Economic Service Profession ist der „Analysis Function” zugeordnet, zusammen mit anderen analytischen Professions wie Statistiker:innen, Data Scientists oder Sozialforscher:innen. Die Function bündelt also mehrere fachlich unterschiedliche Professions, die eine verwandte betriebliche Aufgabe erfüllen: Analyse und Evidenz für Entscheidungen liefern. Andere Functions, etwa Finance oder HR, ziehen ihre Mitglieder entsprechend aus anderen, für diese Tätigkeit relevanten Professions.
Die Botschaft an Mitarbeitende: Du kannst dich spezialisieren und trotzdem aufsteigen. Du musst nicht mehr alle paar Jahre den Beruf wechseln, um Karriere zu machen.
Und das misst sich in Erfolg, denn die positiven Signale überwiegen. Analysen zeigen, dass sich spezialisierte Fähigkeiten im öffentlichen Dienst von Großbritannien messbar ausgebaut haben, etwa durch den Aufbau großer Fach-Communities in Digitalisierung, Beschaffung und Projekt-Management. Die britische Regierung selbst spricht von Einsparungen in Milliardenhöhe pro Jahr – insbesondere durch professionalisierte Beschaffung und effizientere digitale Dienste.
Einen Insider-Blick bietet unsere Re:Form-Kollegin Judith Peterka, die sowohl in deutschen Ministerien (Bundeskanzleramt) als auch in britischen Ministerien gearbeitet hat. Ihre Beobachtung: Die Entwicklung in Großbritannien ist spürbar positiv. Fachliche Communities funktionieren, Wissensaustausch findet statt, und die Qualität der Arbeit in Spezial-Bereichen hat sich merklich verbessert.
Gleichzeitig gibt es auch Herausforderungen. Die Umsetzung des Functional Model bleibt lückenhaft. Nicht alle Functions und Professions sind gleich gut etabliert und in manchen Ministerien funktioniert das Modell besser als in anderen. Zudem hat sich die Gehaltslücke zwischen öffentlichem und privatem Sektor in den letzten Jahren ausgeweitet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass spezialisierte Fachkräfte in den Privatsektor wechseln. Expertise aufzubauen ist das eine – sie zu halten das andere.
Wichtig zu verstehen ist, dass diese Reform nicht aus dem Nichts kam. Bedenken über zu viele Generalisten im britischen Civil Service reichen zurück bis in die 1960er Jahre. Seither bewegen sich Reformen in diese Richtung. Das Functional Model von 2012 war ein Durchbruch und der Kulminationspunkt jahrzehntelanger Debatten. Das zeigt auch etwas Grundsätzliches über Verwaltungsreform: Veränderung braucht Zeit. Kulturwandel passiert nicht über Nacht. Aber wenn man beharrlich dranbleibt, sind fundamentale Verschiebungen möglich. Selbst in Bereichen, die so tief verwurzelt sind wie Karrieremodelle.
Das Functional Model hat in den letzten Jahren international an Bedeutung gewonnen. Länder wie die Niederlande, Australien und Neuseeland haben ähnliche Ansätze eingeführt oder experimentieren damit. Denn in einer zunehmend komplexen Welt mit digitalen Transformationen, Klimakrise und demografischem Wandel reicht Generalismus oft nicht mehr aus. Der Staat braucht fachliche Expertisen, etwa in Daten-Analyse, Cyber-Sicherheit, Verhaltensökonomie, oder nachhaltigem Bauen.
Gleichzeitig warnen Kritiker:innen vor zu viel Spezialisierung. Verwaltung braucht auch Menschen, die übergreifende Zusammenhänge sehen, und zwischen Fachbereichen vermitteln. Das britische Modell geht einen neuen Weg, um diese Balance zu finden.
Für Deutschland ist das britische Function Modelin mehrfacher Hinsicht relevant. Erstens zeigt es, dass das traditionelle Generalisten-Modell nicht alternativlos ist. Man kann Karrierewege anders denken und damit auch andere Talente anziehen und halten.
Zweitens demonstriert es die Kraft von Communities of Practice. Wenn Fachleute sich ministeriumsübergreifend austauschen können, entsteht Wissenstransfer, der sonst in Silos verkümmert.
Drittens macht es deutlich, dass Standards und Kompetenzrahmen nicht mehr Bürokratie bedeuten müssen, sondern Klarheit schaffen können: für Mitarbeitende, die wissen wollen, wie sie sich entwickeln können, und für Führungskräfte, die Teams aufbauen müssen.
Besonders folgende Elemente können für eine Übertragung in deutsche Verwaltungen relevant sein:
- Bedarf- & Ist-Analyse: Welche Qualifikationen haben und benötigen Verwaltungen und Ministerien in den nächsten Jahren?
- Gemeinsames Leitbild für Personal-Management & -Entwicklung: Wie schaffen wir eine Balance zwischen Spezialisierung und Generalisierung?
- Schlüsselberufe, wie Projekt-Management und IT: Wie schaffen wir ministeriumsübergreifende Karriere-Wege?
- Systematische Kompetenzrahmen: Wie können wir berufliche Entwicklungen strukturieren, statt sie dem Zufall zu überlassen?
- Communities of Practice: Wie etablieren wir Formate, die Peer-Learning ermöglichen?
Die übergeordnete Frage bleibt: Wie schaffen wir es, Expertise aufzubauen und gleichzeitig die Flexibilität zu bewahren, die Verwaltung auch braucht? Das britische Modell bietet eine mögliche Antwort, aber sicher nicht die einzige. Wie ein schöner systemischer Grundsatz sagt: „Wer meint es gäbe für ein Problem nur zwei Lösungen, hat mindestens drei übersehen.”
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