Postkarten aus aller Welt: USA

Wenn stra­te­gi­sches Management auch im Großen funk­tio­niert

Hermann Amecke, sys­te­mi­scher Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter, und Rafael Leite, Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft­ler und Humboldt-Stipendiat, beide Fellows von Re:Form

In unserer ersten Postkarte haben wir gesehen, wie Neuseeland stra­te­gi­sche Planung in den Ver­wal­tungs­all­tag bringt. Doch funk­tio­niert das auch in einem größeren und­kom­ple­xe­ren Staat? Oder ist Neuseeland mit seinen fünf Millionen Einwohner:innen ein Sonderfall? Um diese Frage zu beantworten, reisen wir diesmal in die USA. Denn unabhängig davon, wie man die politische Entwicklung des Landes bewertet, gibt es dort seit mehr als drei Jahrzehnten eine in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Praxis des stra­te­gi­schen Ver­wal­tungs­ma­nage­ments, die mehrere Re­gie­rungs­wech­sel überstanden hat.

Die Grundidee ist einfach: Politische Prioritäten sollen nicht in Stra­te­gie­do­ku­men­ten enden. Sie werden in konkrete Ziele übersetzt, Ver­ant­wort­li­che benannt, Fort­schrit­te regelmäßig überprüft und Ergebnisse öffentlich gemacht. Die Grundlage dafür legte 1993 der Government Performance and Results Act (GPRA).

Heute verbindet das System lang­fris­ti­ge Stra­te­gie­pla­nung mit kurz­fris­ti­ge­ren Prio­ri­täts­zie­len und re­gel­mä­ßi­gen Reviews. Zu Beginn einer Re­gie­rungs­pe­ri­ode werden res­sort­über­grei­fen­de Cross-Agency Priority Goals festgelegt. Das sind Ziele, die gerade deshalb ausgewählt werden, weil sie nicht von einer einzelnen Behörde erreicht werden können. Parallel setzen große Bun­des­be­hör­den eigene Prio­ri­täts­zie­le.

Ent­schei­dend ist aber, was danach passiert. Mindestens vier­tel­jähr­lich kommen Füh­rungs­kräf­te und die jeweils Ver­ant­wort­li­chen zusammen und schauen auf die Daten. Wo stehen wir? Welche Mei­len­stei­ne wurden erreicht? Wo hängt die Umsetzung? Welche Ent­schei­dun­gen sind nötig? Strategie wird damit nicht als einmalige Pla­nungs­übung verstanden, sondern als Ma­nage­ment­pro­zess.

Ein an­schau­li­ches Beispiel ist die Bekämpfung von Ob­dach­lo­sig­keit unter Veteran:innen. Das Department of Housing and Urban Development und das Department of Veterans Affairs arbeiteten mit einem gemeinsamen Ziel, konkreten Kennzahlen und re­gel­mä­ßi­gen Reviews. Zwischen 2010 und 2016 sank die Zahl obdachloser Veteran:innen um 47 Prozent. Das beweist keine einfache Kausalität, zeigt aber, wie ein komplexes, be­hör­den­über­grei­fen­des Problem über Jahre gemeinsam gesteuert werden kann.

Und was heißt das für Deutschland? Auch bei uns mangelt es nicht an politischen Zielen, die in Ko­ali­ti­ons­ver­trä­gen fest­ge­hal­ten werden. Die schwie­ri­ge­re Frage ist oft: Wie gelingt nach der Ver­ab­schie­dung auch die Umsetzung? Wer trägt res­sort­über­grei­fend Ver­ant­wor­tung? Wer überprüft regelmäßig den Fortschritt? Was passiert, wenn Mei­len­stei­ne verfehlt werden? Und welche Folgen haben die Er­kennt­nis­se für Prioritäten und Ressourcen?

Hier bietet das ame­ri­ka­ni­sche Modell einen in­ter­es­san­ten Ansatz: Nicht noch ein Stra­te­gie­pa­pier, sondern eine Management-Architektur für Umsetzung. Dabei spielt auch die in­sti­tu­tio­nel­le Verankerung eine Rolle.Mit dem Office of Management and Budget liegt im Zentrum der US-Regierung eine Institution, die sowohl den Haus­halts­pro­zess als auch das Performance Management begleitet.Ziel- und Leis­tungs­in­for­ma­tio­nen können so direkt in Dis­kus­sio­nen über Ressourcen einfließen.

Seit dem Evidence Act von 2018 kommt in den USA eine weitere Ebene hinzu: Große Bun­des­be­hör­den entwickeln sogenannte Learning Agendas. Darin halten sie fest, welche Fragen noch offen sind und welche Evidenz sie brauchen, um bessere Ent­schei­dun­gen zu treffen. Strategie wird so nicht nur mit Monitoring, sondern auch mit sys­te­ma­ti­schem Lernen verbunden.

Auch Deutschland bewegt sich stärker in diese Richtung. Die ziel- und wir­kungs­ori­en­tier­te Haus­halts­füh­rung, wie etwa in Hamburg,soll Ziele, Indikatoren, Eva­lua­tio­nen und Haus­halts­steue­rung enger miteinander verzahnen. Gleich­zei­tig formuliert die Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da Bund den Anspruch, Staats­mo­der­ni­sie­rung res­sort­über­grei­fend vor­an­zu­trei­ben.

Die ent­schei­den­de Frage lautet deshalb: Wie wird daraus flä­chen­de­ckend­ein ver­bind­li­cher Regierungs- und Ver­wal­tungs­all­tag?

 

Das ame­ri­ka­ni­sche Beispiel legt dafür einige Bausteine nahe:

  • Wenige res­sort­über­grei­fen­de Prio­ri­täts­zie­le, die politischen Fokus schaffen.

  • Klare Ver­ant­wort­li­che, die Umsetzung vor­an­trei­ben und Hindernisse eskalieren können.

  • Ein fester Review-Rhythmus, in dem Fortschritt überprüft und Ent­schei­dun­gen getroffen werden.

  • Eine stärkere Verbindung von Strategie und Haushalt, damit Prioritäten auch Ressourcen be­ein­flus­sen.

  • Sys­te­ma­ti­sches Lernen, damit Evaluation Teil der Steuerung und nicht nur nach­träg­li­che Kontrolle ist.

 

Das US-Modell zeigt zugleich, was schiefgehen kann. Über Jahrzehnte ist ein komplexes System aus Plänen, Berichten und Vorgaben entstanden. Und Performance-Daten werden nicht automatisch genutzt, nur weil sie erhoben werden. Das ist vielleicht die wichtigste Warnung für Deutschland: Wir­kungs­ori­en­tie­rung darf nicht zu neuer Be­richts­bü­ro­kra­tie werden. Der Wert liegt nicht in zu­sätz­li­chen Kennzahlen oder Dashboards, sondern darin, dass Füh­rungs­kräf­te sie nutzen, um Ent­schei­dun­gen zu treffen, Hindernisse zu beseitigen und Ressourcen aus­zu­rich­ten.

Hermann hat diese Form stra­te­gi­schen Denkens auch in in­ter­na­tio­na­len Kli­ma­ver­hand­lun­gen erlebt: US-De­le­ga­tio­nen kamen häufig nicht nur mit Positionen, sondern mit klaren Zielen und­Zwi­schen­etap­pen. Darin liegt vielleicht die wichtigste Lektion aus den USA: Deutschland braucht nicht unbedingt mehr Strategien. Es braucht Mechanismen, mit denen aus stra­te­gi­schen Prioritäten kon­se­quen­tes Management wird.

Wie könnte also ein deutscher Steue­rungs­rhyth­mus aussehen, der politische Prioritäten, res­sort­über­grei­fen­de Zu­sam­men­ar­beit, Wirkung und Haushalt miteinander verbindet?

 
„Postkarten aus aller Welt“ ist eine Serie innerhalb des Re:Form-Newsletters, die in­ter­na­tio­na­le Beispiele der Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung beleuchtet. Beispiele, die auch in deutschen Ver­wal­tun­gen tragfähig sein könnten und als Inspiration für den Staat von morgen dienen.
Diesen Beitrag haben wir am 24. September 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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