Ein Jahr Bundesregierung: Wie steht es um die Staatsmodernisierung?
Team Re:Form
Vor einem Jahr hat die Bundesregierung zum ersten Mal die Staatsmodernisierung zur Chef-Sache gemacht. So ist die Verwaltungsreform vom Nischenthema zur machtpolitischen Frage geworden. Der Staat selbst steht plötzlich im Zentrum politischer Aufmerksamkeit. Und zwar nicht nur als regulierende Kraft oder Krisen-Manager, sondern als zentrale Voraussetzung dafür, dass unsere Demokratie handlungsfähig bleibt. Die vergangenen zwölf Monate zeigen zweierlei zugleich. Zwar wurde die Tür zur Staatsreform weit aufgestoßen. Doch es ist noch offen, wie mutig Deutschland wirklich hindurchgeht. Mit dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) weiß man nun erstmals, wen man anrufen muss, wenn man den Staat reformieren und digitalisieren möchte. Bereits das ist ein großer Fortschritt. Auch die Modernisierungsagenda Bund markiert einen wichtigen Schritt. Die Bundesregierung hat damit erstmals konkret benannt, welche Reformen sie tatsächlich angehen will. Unter den rund 80 Maßnahmen finden sich viele sinnvolle Ansätze: von neuen Formen des Projekt-Managements über schnellere Verwaltungsverfahren bis hin zu einer stärkeren Wirkungsorientierung staatlichen Handelns. Noch bemerkenswerter ist die föderale Modernisierungsagenda. Mit ihren rund 230 Maßnahmen ist sie ambitionierter als viele Reformvorhaben der vergangenen Jahrzehnte und trägt erstmals die Unterstützung aller Ministerpräsident:innen. Dass Bund und Länder gemeinsam anerkennen, dass der Staat strukturell reformiert werden muss, ist keineswegs selbstverständlich. Auch die Empfehlungen der Sozialstaatskommission weisen in die richtige Richtung. Besonders das Once-Only-Prinzip könnte den Alltag vieler Bürgerinnen und Bürger spürbar verbessern. Wer staatliche Leistungen beantragt, soll Daten künftig nicht immer wieder neu angeben müssen. Ebenso zentral sind die stärkere Vereinheitlichung von IT-Standards sowie digitale Schnittstellen zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Gleichzeitig zeigt sich im politischen Diskurs eineproblematische Verschiebung: Die Bundesregierung spricht inzwischen häufiger von Entbürokratisierung als von Staatsmodernisierung. Bürokratie erscheint dabei oft vor allem als wirtschaftliches Hindernis. Der Wert regelbasierter Verfahren, rechtsstaatlicher Kontrolle und gesellschaftlicher Schutzgüter gerät dabei schnell aus dem Blick. Gerade deshalb ist es wichtig, genauer hinzusehen. Nicht alles, was unter dem Label Bürokratierückbau diskutiert wird, ist automatisch Staatsmodernisierung. Wenn Umweltprüfungen pauschal eingeschränkt, Beteiligungsrechte geschwächt oder Schutzstandards abgesenkt werden sollen, handelt es sich nicht primär um Verwaltungsmodernisierung, sondern um politische Prioritätensetzungen und gesellschaftliche Abwägungen. Diese Debatten müssen offen geführt werden und nicht unter dem neutral klingenden Begriff der Effizienz verschwinden. Ein moderner Staat zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er weniger schützt, sondern dadurch, dass er wirksam, verständlich und handlungsfähig organisiert ist. Auffällig ist zudem, wie wenig die organisierte Zivilgesellschaft bislang in die Reform-Debatte eingebunden wird. Dabei betrifft Staatsmodernisierung weit mehr als Verwaltungsabläufe. Vielmehr entscheidet sie darüber, wie Bürgerinnen und Bürger den Staat erleben, wie Vertrauen entsteht und wie demokratische Institutionen langfristig legitim bleiben. Genau deshalb braucht die Debatte um einen modernen Staat mehr zivilgesellschaftliche Perspektiven. Trotz vieler sinnvoller Reformansätze bleiben drei zentrale Fragen bislang weitgehend unbeantwortet: die föderale Aufgabenkritik, die Zukunft des Personalwesens und die Digitalisierung. Noch immer übernehmen Kommunen Aufgaben, ohne dauerhaft ausreichend finanziell ausgestattet zu werden. Das Konnexitätsprinzip bleibt in der Praxis häufig eher politisches Bekenntnis als gelebte Realität. Dabei entscheidet sich genau dort, ob Bürgerinnen und Bürger Vertrauen in den Staat entwickeln. Marode Schulen, geschlossene Schwimmbäder, überlastete Ausländerbehörden oder Unsicherheit im öffentlichen Raum – nirgendwo werden staatliche Defizite unmittelbarer erlebt als auf kommunaler Ebene. Genau deshalb braucht es endlich eine ernsthafte Debatte darüber, welche Aufgaben auf welcher Ebene sinnvoll organisiert werden sollten. Nicht jede Kommune muss jede Leistung vollständig selbst erbringen. Gerade im digitalen Zeitalter entstehen neue Möglichkeiten gemeinsamer Leistungserbringung über föderale Grenzen hinweg. Wer den Staat wirklich leistungsfähiger machen will, wird an einer strukturellen Reform des Föderalismus nicht vorbeikommen. Gutes Personal zu gewinnen, zu halten und zu befähigen bleibt der wichtigste Hebel erfolgreicher Staatsreform. Die Bundesregierung hat hier erste wichtige Schritte angestoßen: Die neue Bundeslaufbahnverordnung erleichtert Laufbahnwechsel und Aufstiegsmöglichkeiten, Trainingsprogramme stärken Projektmanagementkompetenzen und der neue Transformationshub fördert ressortübergreifende Zusammenarbeit. Gleichzeitig braucht es mehr Mut, das Personalwesen grundsätzlich neu zu denken. Die gute Nachricht ist: Deutschland muss das Rad nicht neu erfinden. Das Vereinigte Königreich und die Niederlande zeigen, wie harmonisierte Stellenprofile schnellere Einstellungsverfahren und mehr Wechsel zwischen Behörden ermöglichen. Auch Österreich und die Schweiz machen vor, dass leistungsfähige Verwaltungen mit deutlich flexibleren Personalstrukturen funktionieren. Von diesen Erfahrungen kann Deutschland lernen. Auch die digitale Transformation hat durch die Bündelung von Zuständigkeiten deutlich an Stellenwert gewonnen. Mit dem Deutschland-Stack arbeiten Bund und Länder erstmals an gemeinsamen Standards und Basisdiensten, damit staatliche digitale Komponenten künftig wie Legosteine ineinandergreifen statt nebeneinanderher zu existieren. Der Digitalvorbehalt gibt dem BMDS zudem die wichtige Möglichkeit, parallele Entwicklungen in Ministerien zugunsten gemeinsamer Lösungen zu stoppen. Gleichzeitig bleibt weiterer Konsolidierungsbedarf sichtbar, etwa bei parallelen Plattformen wie Deutschland App und digitalem Sozialportal oder beim Nebeneinander nachgeordneter Organisationen wie Digitalservice, Zendis, ITZ Bund, Govtech Deutschland und Bundesdruckerei. Hier wäre der Mut zur stärkeren Bündelung von Aufgaben das konsequentere Signal. Staatsreform ist ein dickes Brett. Gleichzeitig wurde in Deutschland selten so ernsthaft daran gearbeitet wie in den vergangenen zwölf Monaten. Die wichtigste Veränderung liegt dabei vielleicht weniger in einzelnen Maßnahmen als in einem grundlegenden Stimmungswandel: Staatsmodernisierung ist kein Randthema mehr. Verwaltung, Digitalisierung und staatliche Handlungsfähigkeit werden zunehmend als zentrale Zukunftsfragen verstanden. Davon zeugen auch die neuesten Koalitionsverträge in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die dem Thema ganze Kapitel widmen und bei denen unsere Community an Verwaltungspionier:innen aktiv mitgewirkt hat. Das zeigt: Es lohnt sich, neue Lösungsansätze einzubringen und mit Mut und Pragmatismus ans Werk zu gehen. Die Tür zur Staatsreform steht offen. Entscheidend ist jetzt, ob Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft gemeinsam den Mut entwickeln, wirklich hindurchzugehen. |
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