„Er­folg­rei­che Kol­la­bo­ra­tio­nen brauchen andere politische Prozesse”

Ein Gespräch mit Peter Kurz, ehemaliger Ober­bür­ger­meis­ter von Mannheim und Fellow bei Re:Form

 

Peter Kurz engagiert sich seit Mai 2025 bei Re:Form als Fellow. In dieser Rolle unterstützt Peter uns bei der stra­te­gi­schen Ausrichtung von Re:Form und beim Verfassen von Policy Papieren. Dazu hat er unseren in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Prozess zur Aus­ar­bei­tung von Vorschlägen für die So­zi­al­staats­re­form maßgeblich vor­an­ge­trie­ben. Zum Jahresende haben wir mit Peter über seine Motivation und Vision für die Staats­re­form gesprochen. 

 

Lieber Peter, Du bist jetzt seit Mai 2025 Senior Fellow bei Re:Form. Wenn Du zu­rück­blickst: Welche Momente oder Projekte waren für Dich besondere Highlights?

Zu den Momenten gehören auf jeden Fall die Foren für den Staat von morgen. Denn sie schaffen es ein­drucks­voll, zwischen Menschen, die sich vorher nicht kannten, in kürzester Zeit ver­trau­ens­vol­le Dis­kus­sio­nen und Gespräche zu ermöglichen. Und damit nicht zuletzt eine Ver­bind­lich­keit zu erzeugen, die zu direktem Handeln führt. So sind auch der Prozess für ein Papier und der Aufruf zur So­zi­al­staats­re­form entstanden. Diese intensive und sub­stan­zi­el­le Arbeit an gemeinsamen Projekten in nur wenigen Wochen gehört für mich auch zu den Highlights.

 

Mit Blick auf die Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da des Bundes und die föderale Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da: Wo siehst Du aktuell die größten Hebel für echte Veränderung und von welchen Akteur:innen müsste der Impuls ausgehen?

Für mich wäre der größte Hebel eine echte Multi-Level-Governance. Das ist aber leider bislang nicht explizit erwähnt. Und beide Agenden sind ohne breite und echte Beteiligung der kommunalen Ebene entstanden. Das Ziel „bessere Rechts­set­zung” ist bei diesem gegebenen Rahmen der größte Hebel, weil hier der politische „De­sign­pro­zess“ angeschaut und verändert werden muss, wenn man es ernst meint. Ein weiterer zentraler Hebel ist eine neue Ar­beits­tei­lung mit zentralen, eventuell gebündelten Angeboten, was nicht zuletzt eine Vor­aus­set­zung für er­folg­rei­che Di­gi­ta­li­sie­rung ist. Hier kann auch die So­zi­al­staats­re­form wiederum ein eigener Hebel für die Mo­der­ni­sie­rungs­a­gen­den sein.

 

Du hast viele kommunale Akteur:innen erlebt. Welche Bei­spiel­pro­jek­te gibt es, die zeigen, wie Mo­der­ni­sie­rung auch „bottom-up“ gelingen kann?

Ich würde zunächst festhalten, dass man leider „von unten” die notwendige Mo­der­ni­sie­rung nicht durch gutes Beispiel treiben kann. Was nicht heißt, dass Mo­der­ni­sie­rung vor Ort keine sichtbare Effekte hat. Und bei 11.000 Kommunen gibt es in un­ter­schied­li­chen Bereichen viele gute und wei­ter­füh­ren­de Mo­der­ni­sie­rungs­bei­spie­le: Haus­halts­steue­rung in Hamburg, stra­te­gi­sche Stadt­ent­wick­lung in Ludwigsburg, breite Ver­wal­tungs­re­form­kon­zep­te wie in Mannheim oder Köln, Di­gi­ta­li­sie­rungs­sprün­ge in Hannover und so weiter. 

Für das Treiben von Veränderung in Deutschland insgesamt und für die Staats­mo­der­ni­sie­rung braucht es aber gemeinsame Advocacy-An­stren­gun­gen und auch Netzwerke wie Re:Form. Mo­der­ni­sie­rung gelingt nur über ein „Ge­gen­strom­ver­fah­ren“, zu dem die Be­reit­schaft zum „bottom-up” be­zie­hungs­wei­se die Lern­be­reit­schaft beim „top-down” gehört. Das selbst ist wiederum ein zentraler Mo­der­ni­sie­rungs­schritt.

 

Viele Reformen scheitern an der Umsetzung. Was müsste sich 2026 Deiner Meinung nach ändern, damit der Staat schneller von der Idee ins Machen kommt?

Zunächst steht vor dem „schneller” ein „genauer”. Was meines Erachtens bisher oft fehlt, ist das Mitdenken der Umsetzung. Umsetzung wird von vielen Ver­ant­wort­li­chen als etwas verstanden, das andere zu liefern haben und das delegiert werden kann. Damit ist es meistens nicht Teil der Analyse und wir haben ein Er­kennt­nis­pro­blem bezüglich der Umsetzung. Will ich das vermeiden, würde das bedeuten, dass Am­bi­tio­nier­te aus den Um­set­zungs­ebe­nen von Anfang an einbezogen werden. Außerdem gehört für mehr Erfolg ein Bewusstsein dazu, dass ich mit dynamischen Systemen arbeite – ob das die Ge­sell­schaft oder eine Or­ga­ni­sa­ti­on ist. Das heißt, mein Agieren löst etwas aus, was ich beachten und auf das ich reagieren muss. Die Analyse be­zie­hungs­wei­se Erkenntnis wird sich also unter Umständen verändern. Ohne Nachsteuern wird das Scheitern wahr­schein­li­cher.

 

Wenn Du Dir eine einzige struk­tu­rel­le Veränderung für den deutschen Staat wünschen dürftest, welche wäre das und warum?

Die Er­mög­li­chung direkter Beziehungen zwischen Bund und Kommunen und gemeinsamer Ver­wal­tungs­leis­tun­gen. Und eine Anerkennung der Kommunen als dritte Ebene mit eventuell eigenem Status im Bundesrat. Es ist nicht ohne das Risiko, dass sich diese Ebene damit „partei-politisiert” und so den eher prag­ma­ti­schen, wir­kungs­ori­en­tier­ten Zugang zu Themen schwächt. An­de­rer­seits scheint ohne eine Macht­po­si­ti­on die echte Ein­be­zie­hung nicht herstellbar.

 

Re:Form setzt auf Kol­la­bo­ra­ti­on. Was hast Du im letzten Jahr über gute Kooperation zwischen Verwaltung, Politik und Zi­vil­ge­sell­schaft gelernt?

Er­folg­rei­che Kol­la­bo­ra­tio­nen brauchen andere politische Prozesse. Die Vor­aus­set­zun­gen dafür sind einerseits die Offenheit, die initial natürlich vorhanden sein muss, aber dann auch weiter gestärkt werden kann. An­de­rer­seits braucht es auch pro­fes­sio­nell gestaltete Räume und Prozesse. Dann ist viel mehr möglich, als wir es derzeit erleben.

 

Welche Rolle können Fellows bei Re:Form 2026 spielen, die Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da weiter vor­an­zu­trei­ben?

Wir können Er­fah­rungs­wis­sen zur Verfügung stellen und durch Fragen und Impulse einen Re­fle­xi­ons­raum anbieten. Der fehlt ersichtlich im Alltag der politisch-ad­mi­nis­tra­ti­ven Betriebe, die Re:Form verändern will. Das dann selbst für die eigene Arbeit nicht aus dem Blick zu verlieren, ist wichtig.

 

Zu guter Letzt: Wofür bist Du persönlich im Kontext von Re:Form in diesem Jahr besonders dankbar?

Für die Erfahrung einer Zu­sam­men­ar­beit, die ich durch den Fokus auf ge­mein­wohl­be­zo­ge­ne und gemeinsam entwickelte Ziele als wert­schät­zend, verbindlich, immer konstruktiv erlebt habe. Das macht Spaß.

 

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Peter. Wir freuen uns auf die weitere Zu­sam­men­ar­beit mit Dir als Fellow von Re:Form im nächsten Jahr.

 
 
Dieses Interview haben wir am 18. Dezember 2025 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.