Ein Sozialstaat, der trägt

Aufruf für eine mutige So­zi­al­staats­re­form

 

Der Sozialstaat sichert die Menschen in unserer Er­werbs­ge­sell­schaft. Er verkörpert das Versprechen, dass niemand allein gelassen wird, egal, ob in Krisen, im Alter, in Krankheit oder auf dem Weg in ein selbst­be­stimm­tes Leben. Doch dieses Versprechen gerät zunehmend ins Wanken. Zu viele Menschen erleben einen Sozialstaat, der sie und die Leis­tungs­er­brin­ger:innen überfordert, nicht erreicht oder abstempelt, statt ihnen Halt und Perspektive zu geben.

Wenn wir als Ge­sell­schaft zu­sam­men­hal­ten wollen, muss der Sozialstaat wieder tragfähig werden. Wir brauchen eine So­zi­al­staats­re­form, die nicht nur einzelne bü­ro­kra­ti­sche Hürden repariert, sondern konsequent vom Leben der Menschen aus denkt.

 

Was es jetzt braucht

 

  • Ver­ein­fa­chung und Bündelung statt Komplexität: Der Sozialstaat darf Menschen nicht durch Bürokratie zermürben. Heute ist das Sozialrecht in unzählige Ein­zel­sys­te­me zer­split­tert, die oft ge­gen­ein­an­der arbeiten. Wir brauchen eine neue, ver­ständ­li­che Architektur mit ein­heit­li­chen Rechts­be­grif­fen, einem gemeinsamen Grundgerüst und Leistungen, die entlang von Lebenslagen gebündelt werden. Was hilft, muss „aus einer Hand“ kommen. Nicht die Leis­tungs­gren­zen müssen gesenkt oder erhöht, sondern die Verfahren vereinfacht werden. Heute prüfen Behörden bei­spiels­wei­se ver­schie­de­ne Ver­mö­gens­be­grif­fe an un­ter­schied­li­chen Stellen – ein enormer Aufwand, der weder Bürger:innen noch Verwaltung nützt. Pro­zess­ver­ein­fa­chung und klare Rechts­be­grif­fe setzen Ressourcen frei und machen den Sozialstaat zu­gäng­li­cher.
  • Wirkung und Vertrauen ins Zentrum stellen: Unser Sozialstaat muss zeigen, was er bewirkt. Deshalb brauchen wir eine neue Steue­rungs­lo­gik: weg von Kontrolle, hin zu Vertrauen, Stich­pro­ben­prü­fung, Pau­scha­lie­run­gen und Ba­ga­tell­gren­zen. Das entlastet nicht nur die An­trag­stel­len­den, sondern auch die Praxis. Dabei gilt aber auch: Wer missbraucht, muss hart sank­tio­niert werden – denn ein Betrug am So­zi­al­sys­tem ist zugleich ein Betrug am Gemeinwohl. Der Sozialstaat soll zusätzlich Selbst­stän­dig­keit fördern, nicht kleinhalten. Dafür braucht es eine klare Ziel­ori­en­tie­rung und eine Kultur, die Wirkung sichtbar macht und stärkt, was funk­tio­niert.

  • Arbeit ermöglichen: Eine der größten Entlastung besteht darin, die Menschen aus dem So­zi­al­sys­tem in die Er­werbs­tä­tig­keit zu bringen. Deshalb müssen Jobcenter zu echten Brücken in den Ar­beits­markt werden, mit besserer Vermittlung, gezielter Qua­li­fi­zie­rung und enger Zu­sam­men­ar­beit mit Unternehmen. Wer arbeiten kann, soll arbeiten dürfen, unabhängig vom Pass-Status. Sprach­för­de­rung, Anerkennung von Abschlüssen und klare Per­spek­ti­ven auf Er­werbs­tä­tig­keit gehören ins Zentrum der Un­ter­stüt­zung. Und nicht zuletzt brauchen wir den Mut, dort zu reformieren, wo bisher gezögert wurde, etwa beim Bun­des­teil­ha­be­ge­setz oder beim Zugang zum Ar­beits­markt für Menschen in Asyl­ver­fah­ren. Schnelle Ar­beits­er­laub­nis­se, weniger Bürokratie und echte In­te­gra­ti­ons­chan­cen sind ent­schei­dend, um Menschen aus So­zi­al­sys­te­men in Arbeit zu bringen und damit Kosten zu senken.

  • Kommunen ins Zentrum stellen und technisch entlasten: Ein moderner Sozialstaat arbeitet digital und berät persönlich. Dafür braucht es zentrale Soft­ware­lö­sun­gen für Leistungen, ein Sozialkonto für Bürger:innen, sichere Da­ten­schnitt­stel­len und ein zentrales Einkommens- und So­zi­al­da­ten­re­gis­ter. Gleich­zei­tig müssen Kommunen als „Front-Offices“ gestärkt werden. Kommunen sind das Gesicht des So­zi­al­staats vor Ort. Der Bund sollte das technische Back-End zentral be­reit­stel­len. Dafür braucht es eine ver­fas­sungs­recht­li­che Öffnung. Das bestehende Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot zwischen Bund und Kommunen verursacht an dieser Stelle Ineffizienz und hohe Kosten. Hin­ter­grund­pro­zes­se wie IT oder Abrechnung gehören gebündelt und stan­dar­di­siert, damit vor Ort wieder mehr Zeit für echte Begleitung bleibt. 

Der Sozialstaat ist das Rückgrat unserer Demokratie. Doch es wird immer deutlicher, dass er unter seiner eigenen Komplexität zu erstarren droht. In einer Zeit, in der Vertrauen in Staat und Verwaltung schwindet, ist eine So­zi­al­staats­re­form auch eine Staats­re­form, sie kann Blaupause für die umfassende Mo­der­ni­sie­rung des Staates werden. Sie entscheidet darüber, ob unser Staat hand­lungs­fä­hig bleibt.

Die Reform darf nicht auf die lange Bank geschoben werden. Sie beginnt mit dem, was sofort geht: zentrale Rechts­be­grif­fe har­mo­ni­sie­ren, digitale Schnitt­stel­len schaffen, Ba­ga­tell­gren­zen anheben, erste One-Stop-Shops eröffnen. Parallel braucht es eine ver­bind­li­che Agenda, welche kon­ti­nu­ier­lich in den nächsten zwei Jahren umgesetzt wird, mit einem neuen „Allgemeinen Teil“ im So­zi­al­ge­setz­buch, le­bens­la­gen­ori­en­tier­ten Leis­tungs­bün­deln, einem Sozialkonto für alle Bürger:innen und der Er­mög­li­chung bun­des­wei­ter IT-Lösungen.

 

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Erst­un­ter­zeich­nen­de: 

  • André Jethon, Kämmerer aus Lünen
  • Arne Schneider, Haus­halts­di­rek­tor, Hamburg
  • Arne Treves, Mit­in­itia­tor Re:Form
  • Carl Philipp Schöpe, Ge­schäfts­füh­rer Jobcenter Mannheim
  • Frank Nägele, Be­auf­trag­ter der saar­län­di­schen Lan­des­re­gie­rung für den Struk­tur­wan­del 
  • Jens Hildebrandt, Leiter Sozialamt Mannheim
  • Magnus Rembold, Ver­wal­tungs­di­gi­ta­li­sie­rer Baden-Württemberg
  • Maral Koohe­sta­ni­an, Stadträtin und Dezernentin für Smart City, Europa und Ordnung, Lan­des­haupt­stadt Wiesbaden
  • Martin Schen­kel­berg, So­zi­al­re­fe­rent Augsburg
  • Matthias Schulze-Böing, u.a.Dozent und Be­auf­trag­ter für Son­der­auf­ga­ben der Stadt Offenbach am Main
  • Matthias Voigt, Leitung Sozialamt und Ab­tei­lungs­lei­tung So­zi­al­pla­nung und Integration, Stadt Baden-Baden
  • Pauline Püschel, Grup­pen­lei­tung Grundsatz, Se­nats­ver­wal­tung für Kultur und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt, Berlin 
  • Peter Broytman, Leiter des Referats IT-Aufgaben in der Berliner Se­nats­ver­wal­tung für Soziales
  • Peter Kurz, Mitglied In­ves­ti­ti­ons­bei­rat des BMF, ehem. OB Mannheim
  • Susanne Mervat Badra, So­zi­al­amts­lei­tung Stadt Kaarst
  • Wolfgang Schröder, Professor für Politisches System der BRD Universität Kassel, ehem. StS Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg

 

Weitere Un­ter­zeich­nen­de

  • Jens Daniel Lippold, IT Manager
  • Jörg Schwenker, Steuerberater
  • Birgit Neyer, Erste Landesrätin und Kämmerin im LWL
  • Manuel Robledo, Teamleiter
  • Meike Hecker, Kriminologin
  • Kirsti Brandt-Wiedbusch, Prozessoptimierung
  • Johannes Diether Schönfelder, Senatsdirektor, Freie und Hansestadt Hamburg
  • Hans Höroldt, Pfarrer
  • Michael Seyfried, Vorstandsmitglied Bürgerwärme for Future e.V.
  • Claudia Mandrysch, Vorständen Bundesverband Arbeiterwohlfahrt
  • Michael Schulte, Coach/Organisationsberater
  • Peter Fröhlich, Senatskanzlei Berlin, Abteilungsleitung VI
  • Niklas Kossow, Bereichsleitung im CityLAB Berlin
  • Marlies Polkowski
  • Burkhard Jung, Oberbürgermeister Leipzig
  • Andreas Hlasseck, Klimamanager
  • Ingo Caspari, Berater der öffentlichen Hand
  • Edwin Meier, Landeshauptstadt Wiesbaden
  • Jan Ahlrichs, Berater
  • Jan Boskamp, Management Team JOBLINGE; Bundesvorstand SEND
  • Stefan Beierl, Berater für Soziale Sicherung
  • Monika Schilling, Steuerberaterin
  • Daniel Wieneke, Stadtkämmerer der Klingenstadt Solingen
  • Jan Klumb, Referent f. Ordnung und Bürger:innenservice
  • Elke Althof, Bereichsleitung Jobcenter
  • Rita Schlett, Betroffene als Antragsstellerin
  • Michael Heilmann, Bürgermeister a.D. der Stadt Hemer, Autor
  • Raik-Michael Meinshausen, Diplom-Psychologe (EMCC, AESC)
  • Paul Walter, Datenkompetenz und Verwaltungsdigitalisierung
  • Magda Schirm, Politikreferentin a.d.
  • Doreen Höltl, Leitung Soziale Angelegenheiten Stadt FFB
  • Bernd Felder, Senior Manager Public Sector, moysies & partners
  • Karolin Züll, Fast-Rentnerin
  • Anne Schneider, Regisseurin und Moderatorin
  • Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand Montag Stiftung Denkwerkstatt
  • Sandro Marc Zehner, Landrat
  • Hannah Christmann, Pädagogische Fachkraft
  • Alex Maier, Oberbürgermeister von Göppingen
  • Gaby Schulten, Organisationsberatung
  • Christa Hildebrandt, Rentnerin
  • Judith Münter, Dezernentin Regierungspräsidium Darmstadt
  • Sandro Marc Zehner, Landrat
  • Christine Dr. Riesner, Landesbedienstete a.D.
  • Tanja Zimmermann, Dipl. Verwaltungswirtin FH, Gerontologin (M.A)
  • Arno Brandscheid, Geschäftsührer ProJob Rheingau-Taunus GmbH
  • Eva Bruch, Beraterin der öffentlichen Hand
  • Uwe Zöllner, Fachreferent
  • Rudolf Sickel, Pensionär
  • Birgit Neyer, Erste Landesrätin und Kämmerin im LWL
  • Jan-Mathias Kuhr, Rechtsanwalt
  • Boris Berner, Vorstand
  • Michael Graf, Direktor Diakonisches Werk Mannheim
  • Andreas Betz, Amtsdirektor Amt Hüttener Berge / SH
  • Andreas Betz, Amtsdirektor Amt Hüttener Berge / SH
  • Alexander Grünwald, Berater der öffentlichen Hand
  • Catherine Hilger-Sio, Dipl. Verwaltungswirtin FH
  • Julian Beimes
  • Hans Höroldt, Pfarrer
  • Hans Höroldt, Pfarrer
  • Tanja Hoch, Büroleiterin Kreisverwaltung Alzey-Worms
  • Susanne Heger, Manager IT
  • Rudolf Sickel, Pensionär
  • Torsten Einstmann, Ministerialrat
  • Mike Lehming, Personalratsvorsitzender Jobcenter Mannheim
  • Christian Moser, Lehrer
  • Siegbert Last
  • Claudia Mandrysch, Vorständen Bundesverband Arbeiterwohlfahrt
  • Johanna Bialek, Head of People HolyPoly
  • Wolfgang Rose, Gewerkschaftssekretär und ACE Vorsitzender a.D.
  • Ute Walther-Maas, Mitbürgerin
  • Barbara Pielok, Interessierte Rentnerin
  • Claudia Thiele, Referentin Digitalisierung Landkreis Wittenberg
  • Maurice Collier, Abteilungsleitung Wohnen Sozialamt Kaarst
  • Katinka Deecke, Dramaturgin
  • Peter Vennemeyer, Bürgermeister a. D.
  • Sylvie Weber, Abteilungsleitung Gafög (Ganztagsförderung) LU
  • Karen Laßmann, Leiterin Team Smart City und Datenmanagement
  • Martin Wilhelm, Stadtkämmerer und Sozialdezernent Stadt Offenbach
  • Peter Vennemeyer, Bürgermeister a. D.
  • Thomas Weyland, Vorstand Unternehmer/innen für die Nordstadt e.V.
  • Markus Kirkilionis, Mathematiker, Firmengründer
  • Jan Hausladen, Sachbearbeitung Grundsicherung
  • Helena Dreznjak, Projektleiterin Bildung
  • Dirk Noll, 1. Kreisbeigeordneter Landkreis Hersfeld-Rotenburg
  • Robert Kampik, Co-Initiator Re:Form
  • Christian Zürcher, Verwaltungsmitarbeiter
  • Emanuel Weiss, Senatsrat
  • Martina Nolte, Teamleitung eGovernment - Stadt Mönchengladbach
  • Anna Hardy, Projektleiter/Beraterin
  • Wolf Steinbrecher, Berater Einführung E-Akte

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Der Sozialstaat ist unser gemeinsames Versprechen für eine so­li­da­ri­sche Ge­sell­schaft. Damit er trägt, müssen wir ihn jetzt neu denken. Wir laden alle, die an dieses Versprechen glauben, ein, diesen Aufruf zu un­ter­zeich­nen. Nach unserer Überprüfung nehmen wir Sie unter „Weitere Un­ter­zeich­nen­de” auf.

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Zum Hintergrund

Dieser Aufruf basiert auf dem Im­puls­pa­pier, das in einem breiten, ebe­nen­über­grei­fen­den und über­par­tei­li­chen Prozess entstanden ist. Die darin enthaltenen Vorschläge wurden in mehreren Workshops gemeinsam mit Praktiker:innen, Ver­wal­tungs­pio­nier:innen sowie Expert:innen aus Wis­sen­schaft und Zi­vil­ge­sell­schaft erarbeitet. Dabei flossen auch die Emp­feh­lun­gen u. a. der Sozialämter großer Städte, des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e. V., von Agora Digitale Trans­for­ma­ti­on sowie der Arbeits- und So­zi­al­mi­nis­ter­kon­fe­renz ein.