„Place first“: Was wir vom britischen Premier lernen können

Peter Kurz, ehemaliger Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Mannheim und Fellow bei Re:Form, und

Philipp von der Wippel, Gründer und Co-Ge­schäfts­füh­rer von Pro­ject­Tog­e­ther

Vor zwölf Jahren beschrieb der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Benjamin Barber in „If Mayors Ruled the World“, wie na­tio­nal­staat­li­che Politik an ihre Grenzen stößt und die lokale Ebene ein anderes Verständnis von Politik ermöglicht. Barber forderte mehr Macht für die Kommunen, weil sie Politik anders verstehen und gestalten.

Diese Debatte wird gerade wieder aktuell, weil Andy Burnham, bislang Bür­ger­meis­ter von Greater Manchester, als neuer britischer Pre­mier­mi­nis­ter seine kommunale Handschrift zum Aus­gangs­punkt eines veränderten Po­li­tik­ver­ständ­nis­ses und von Staats­re­for­men macht. Burnham tritt nicht mit „UK first“ an, sondern mit „Place first“: Politik soll sich daran messen, ob sie vor Ort funk­tio­niert, die lokale Ge­mein­schaft stärkt und das Leben verbessert.

„Place first“ verlangt, dass die Regierung Fachpolitik auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet. Bisher herrscht in der Politik ein Silo-Denken in den Säulen: Bauen, Gesundheit, Verkehr, Bildung, Sicherheit. Jede Säule optimiert für sich. Die Wirkung auf Orte, den konkreten Lebensraum der Menschen, spielt kaum eine Rolle. Was im Ministerium getrennt sinnvoll erscheint, ergibt aber vor Ort kein kohärentes Ganzes und schwächt oft sogar lokale Strukturen. Diese Säulen-Logik will Burnham durch­bre­chen, damit Politik vor Ort wirkt.

Burnham weiß aus seiner lokalen Erfahrung, dass viele Probleme nur vor Ort und in Kooperation gelöst werden können und dass me­cha­nis­ti­sche Top-down-Politik oft wenig Ergebnisse vor Ort zeigt. Deshalb will er Regionen und Kommunen echte Ent­schei­dungs­macht geben.

 

Antwort auf die Ver­trau­ens­kri­se der Demokratie

Der neue britische Premier will die Wirkung für die Menschen erhöhen, indem er Re­gie­rungs­macht abgibt, also eigene Macht. Das ist eine au­ßer­ge­wöhn­li­che Botschaft, die der klassischen politischen Intuition zu­wi­der­läuft.

Die neue de­mo­kra­ti­sche Praxis, wie sie Burnham konzipiert, hat dabei noch eine weitere Dimension: die sys­te­ma­ti­sche Rück­kopp­lung von Erfahrung vor Ort für das Design der nationalen Politik. Dafür braucht es Nähe. Burnham will mit einem „Number 10 North“ eine Außenstelle der Regierung in Manchester eröffnen. Das ist mehr als Symbolik.

Der Ansatz bietet eine neue Antwort auf die Ver­trau­ens­kri­se der Demokratie.Es geht Burnham nicht allein um einen Staat, der als Antwort auf den Populismus für passive Bürger „liefert“. Er sieht Bürger als aktive Mit­ge­stal­ter, nicht als Konsumenten.

Das Ziel ist, Kommunen als Orte der Mit­ge­stal­tung zu stärken. Vertrauen entsteht durch die Erfahrung der Menschen, vor Ort selbst etwas bewegen zu können. Das kann die entfremdete Beziehung zwischen Politik und Bürgern erneuern.

 

Wie wir die Ohnmacht der Kommunen überwinden

Deutschland sollte Burnhams Strategie, Kommunen in den Mittelpunkt von Staats­re­for­men zu rücken, übernehmen. Keinesfalls sollten wir uns darauf ausruhen, dass der neue Premier den deutschen Fö­de­ra­lis­mus als Vorbild genannt hat.

Denn in der Realität sind die Hand­lungs­spiel­räu­me der Kommunen massiv geschrumpft. Häufig sind Bür­ger­meis­te­rin­nen und Bür­ger­meis­tern schon bei einem kleinen Problem vor Ort die Hände gebunden. Dann erleben Menschen nicht nur aus­blei­ben­de Leistungen, sondern auch aus­blei­ben­de Selbst­wirk­sam­keit.

Wer die Ohnmacht in den 11.000 Kommunen überwinden will, der muss wie Burnham erstens den Kommunen mehr Macht geben und dafür die Strukturen des Fö­de­ra­lis­mus verändern. Kommunen brauchen eine bessere Fi­nan­zie­rung durch höhere Steu­er­an­tei­le, aber auch weniger Gängelung und mehr Ex­pe­ri­men­tier­räume, die es ihnen erlauben, von Bundes- und Lan­des­ge­set­zen abzuweichen.

„Mehr Burnham wagen“ würde aber zweitens bedeuten, dass Bun­des­po­li­tik mit Blick auf die Le­bens­rea­li­tät in den Kommunen res­sort­über­grei­fend und kohärent entwickelt wird. Drittens folgt daraus, dass Gesetze und Programme mit den Praktikern vor Ort entwickelt und auf Basis von deren Feedback regelmäßig angepasst werden.Der Staat muss sich dabei als „lernendes System“ über die politischen Ebenen hinweg or­ga­ni­sie­ren.

Andy Burnham hat „Place First“ zu seinem Po­li­tik­an­satz gemacht, in einem Moment, in dem der Rechts­po­pu­list Nigel Farage und der Frust der Bürger die Agenda bestimmen. Burnhams setzt dem eine Republik der Kommunen entgegen, die lokale Ge­mein­schaft stärkt und das Leben vor Ort verbessert.

In den Wahl­um­fra­gen in Deutschland liegt die AfD vorn, die Un­zu­frie­den­heit ist auch hierzulande groß. Die Politik braucht jetzt den Mut für einen solchen, neuen Ansatz, der Bürger zu Mit­ge­stal­tern macht. Das erfordert von ihr, Staats­re­form auch als Po­li­tik­re­form zu begreifen.

 

Dieser Artikel wurde am 26. Juli 2026 als Gastbeitrag im Handelsblatt ver­öf­fent­licht.

 
Diesen Beitrag haben wir am 17. September 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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