Vision Staat 2040

Wie stra­te­gi­sche Vorausschau den Staat resilienter macht

Sarah Bressan, Head of Futures and Strategic Foresight, und Sofie Lilli Stoffel, Research Fellow, beide Global Public Policy Institute 

Die Demokratie in Deutschland und Europa steht unter Beschuss – von außen und innen, und sogar von der ehemaligen Schutzmacht USA. Als Reaktion fokussieren sich Staat und Ge­sell­schaft auf den Ausbau von Resilienz, also der Wi­der­stands­fä­hig­keit unserer Demokratie. Um diese zu erreichen, ist eine Staats­re­form unabdingbar. Aber wie kann Staats­re­form gelingen und zu Resilienz beitragen?

Bei Resilienz geht es darum, wie Menschen oder Systeme jeglicher Art Ver­än­de­run­gen absorbieren. In vielen Köpfen löst der Begriff die Vorstellung einer Fes­tungs­an­la­ge aus, die Schwach­stel­len mit dicken Mauern abschirmt und dank Burggraben un­ein­nehm­bar ist. So fühlen sich für manch einen In­ter­ak­tio­nen mit der deutschen Verwaltung an. Der deutsche Staat gilt nicht zu Unrecht als starr.

Die heutzutage notwendige Resilienz verlangt aber das Gegenteil: reaktions- und an­pas­sungs­fä­hig zu sein. Im Vergleich zu Staats- und Ver­wal­tungs­sys­te­men mit mehr In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum ist die deutsche Verwaltung darin noch nicht besonders gut. Dies ist ein immer größeres Problem, wenn in­ter­na­tio­na­le Regeln und Abmachungen an Geltung verlieren und die Gegner der Demokratie mit ihrer neuen Staatskunst alle subversiven und un­kon­ven­tio­nel­len Mittel nutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen und uns ein­zu­schüch­tern.

Wie kann also positive Veränderung gelingen, wenn Spal­tungs­tak­ti­ken und der Druck nach Veränderung Angst machen? Erst einmal klingt Reform und Veränderung nach mehr Aufwand und der Gefahr, den Markenkern zu verlieren, der uns Sicherheit und Wohlstand gebracht hat. Ein Blick in die Psychologie erklärt warum: Stress und Angst kurbeln den „Status Quo Bias” an: die sowieso vorhandene psy­cho­lo­gi­sche Tendenz das Gewohnte allem Neuen (und dadurch Unsicherem) vorzuziehen. Wenn unser Gehirn überlastet ist, greifen wir auf unsere Stan­dard­ein­stel­lun­gen zurück; nutzen die Prozesse, die wir am besten kennen, ziehen uns zurück in gewohnte Umfelder, und verlassen uns auf bewährte Routinen. Daraus entsteht das Gefühl, die Kontrolle zu­rück­zu­er­hal­ten - und eine Illusion von Stabilität.

Genau hier setzt stra­te­gi­sche Vorausschau an – wenn sie verstanden und eingesetzt wird als angewandte Psychologie, um kognitiven Ver­zer­run­gen, logischen Fehl­schlüs­sen und lähmender Angst vor Veränderung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Als Ge­gen­stra­te­gie für adaptive Resilienz braucht es einen kompetenten, proaktiven Umgang mit dem Denken über Zukünfte, der Mög­lich­keits­räu­me eröffnet und zeigt: Veränderung ist unbedingt nötig und möglich. Der Ansatz verbindet die systemische Ebene des Denkens über Staat und Ordnung mit den Ver­än­de­run­gen, die es auf in­sti­tu­tio­nel­ler Ebene im Ver­wal­tungs­han­deln braucht, und macht sich dabei wis­sen­schaft­li­che Prinzipien der Psychologie zunutze, damit wün­schens­wer­te und rea­lis­ti­sche Veränderung nicht mehr angst­be­setzt ist, sondern positive Selbst­wirk­sam­keit fördert.

Stra­te­gi­sche Vorausschau versucht nicht, die Zukunft präzise vor­her­zu­sa­gen, sondern bietet Methoden, um mögliche Zukünfte und Annahmen struk­tu­riert zu analysieren und basierend auf den Schluss­fol­ge­run­gen bessere Ent­schei­dun­gen im Hier und Jetzt zu treffen. So können in der Praxis in Staats­re­form-Vorhaben bei­spiels­wei­se gezielt Szenarien entwickelt werden, die weder in die Falle eines (un­rea­lis­ti­schen) Wunsch­den­kens, noch eines lähmenden Fatalismus tappen – sondern im Sinne der kognitiven Um­struk­tu­rie­rung rea­lis­ti­sche Zu­kunfts­bil­der vorstellbar machen. Das hilft, Un­si­cher­hei­ten klar zu benennen und hand­hab­ba­rer zu machen. 

Zudem können stra­te­gi­sche Aspekte von Vorausschau die Selbst­wirk­sam­keit erhöhen, indem der Fokus im Erarbeiten konkreter, rea­lis­ti­scher Hand­lungs­op­tio­nen auf be­ein­fluss­ba­ren Her­aus­for­de­run­gen und dem eigenen Hand­lungs­spiel­raum liegen. Das nimmt Menschen die diffuse Angst und damit den Über­for­de­rungs­tak­ti­ken an­ti­de­mo­kra­ti­scher Akteure den Wind aus den Segeln. 

Ver­wal­tungs­prin­zi­pi­en der Ver­gan­gen­heit sind genauso wenig wie die Au­to­ma­tis­men des mensch­li­chen Gehirns dafür gemacht, im 21. Jahrhundert den Un­si­cher­hei­ten komplexer hybriden Bedrohungen zu begegnen und die Demokratie zu retten. Mit dem Entwickeln von Szenarien und Visionen, sowie Methoden wie “Backcasting” (Rück­wärts­pla­nung) oder Si­mu­la­tio­nen kann Vorausschau Annahmen offenlegen und überprüfen, blinde Flecken aufzeigen, und zwischen (nicht) wün­schens­wer­ten und plausiblen Ent­wick­lun­gen un­ter­schei­den. Das macht Zu­kunfts­bil­der explizit und Zukünfte in all ihrer Un­si­cher­heit greif- und gestaltbar.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 12. Februar 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.