Was wäre, wenn 2026 das Jahr der Staatsreform wird?
Tiaji Sio, Mission Lead von Re:Form
Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass Staatsreform kein Randthema mehr ist. 2025 war geprägt von einer Reihe richtungsweisender Entscheidungen, die das Thema strukturell und politisch verankert haben. Zentrale Reformvorhaben wurden im Koalitionsvertrag festgeschrieben, die Initiative für einen handlungsfähigen Staat rund um Bundespräsident Steinmeier hat das Thema prominent in den öffentlichen Diskurs gehoben, ein eigenes Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung wurde gegründet und sowohl auf Bundes- als auch auf föderaler Ebene wurden ambitionierte Modernisierungsagenden beschlossen.
Diese Entwicklungen markieren einen wichtigen Fortschritt. Gleichzeitig sind sie nur der Anfang. Denn Reformpapiere, neue Zuständigkeiten und politische Bekenntnisse entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn sie in der Verwaltungspraxis ankommen. Genau hier liegt die zentrale Aufgabe für 2026: die konsequente Umsetzung.
Das Jahr 2026 ist in mehrfacher Hinsicht entscheidend. Politisch stehen fünf Landtags- sowie zahlreiche Kommunalwahlen an. Auf Landes- und kommunaler Ebene entscheidet sich dabei ganz konkret, ob Verwaltungen aller föderalen Ebenen handlungsfähig bleiben oder weiter an Steuerungsfähigkeit verlieren. Gleichzeitig wächst der Druck auf die öffentliche Verwaltung spürbar. Neben den laufenden Standardaufgaben wird dies insbesondere in Krisensituationen sichtbar – zuletzt etwa beim Anschlag auf das Berliner Stromnetz.
Denn solche Ereignisse machen deutlich, wie stark staatliches Handeln heute unter Echtzeitbedingungen, hoher Erwartungslage und öffentlicher Beobachtung steht. Die zunehmende Komplexität staatlicher Aufgaben trifft dabei auf strukturelle Engpässe: Fachkräftemangel, digitale Rückstände und eine Haushaltslogik, die Innovation häufig eher begrenzt als ermöglicht. Die Folge sind steigende Erwartungen der Bürger:innen bei gleichzeitig sinkenden Spielräumen in der Umsetzung.
All diese vielfältigen Herausforderungen sind bekannt. Was bisher fehlt, ist eine systematische Verbindung von Reformambition und Umsetzungskapazität. Viele Reformansätze bleiben punktuell, projektförmig oder politisch nicht ausreichend abgesichert. Zuständigkeiten sind fragmentiert, gute Lösungen werden noch zu selten nachgenutzt oder skaliert, und zwischen Bund, Ländern und Kommunen gehen Wirkungspotenziale verloren.
Genau deshalb braucht es 2026 ein neues Verständnis von Staatsreform, als gemeinsames Vorhaben über Ebenen, Ressorts und politische Lager hinweg. Staatsmodernisierung gelingt nur, wenn Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft Verantwortung teilen und wenn Reformen entlang realer Wirkungsfragen organisiert werden, nicht entlang institutioneller Grenzen.
Mit diesem Anspruch starten wir in das Jahr 2026. In unserem Newsletter wollen wir weiterhin konkrete Praxisbeispiele aus Politik, Verwaltung und zivilgesellschaft-staatlicher Kooperation sichtbar machen. Dabei stellen wir uns die Frage: Was funktioniert bereits gut und wie können diese Best Practices flächendeckend nutzbar gemacht werden?
Ergänzend werden wir unseren Blick stärker nach außen richten, indem wir neben nationalen auch internationale Best Practices heranziehen. Dabei möchten wir beleuchten, wie diese auf den deutschen Kontext anwendbar wären, um vergleichbare Reformpfade und alternative Lösungsansätze aufzuzeigen.
Nicht nur geographisch, sondern auch temporal möchten wir unseren Blick weiten und uns der Frage widmen, was Staatlichkeit der Zukunft eigentlich heißt. In unserer neuen Reihe Staat 2040 möchten wir einen strategischen Raum für die langfristige Perspektive bieten. Dort geht es um grundlegende Fragen von Staatlichkeit und Regieren. Wie muss ein handlungsfähiger Staat in Zukunft aussehen? Welche institutionellen, rechtlichen und kulturellen Voraussetzungen braucht er? Und welche Weichen müssen wir heute stellen, damit Reformen nicht im nächsten politischen Zyklus wieder verpuffen?
2026 bietet ein seltenes Möglichkeitsfenster. Die politischen Voraussetzungen sind da, der Reformdruck ist hoch, das Problembewusstsein breit geteilt. Ob daraus tatsächliche Veränderung entsteht, entscheidet sich jetzt in der Umsetzung und in der Bereitschaft, dafür gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
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