Was wäre, wenn die Strukturreform in der Außenpolitik gelingen würde?
Sarah Bressan, Research Fellow am Global Public Policy Institute
Diplomatie hat nicht den modernsten Ruf: Eine althergebrachte Disziplin, in der die Elite mit Dreiteiler und Taschenuhr im Kaminzimmer bis spätnachts das Schicksal der Welt aushandelt.
Am Dienstag hat das Auswärtige Amt die größte Strukturreform innerhalb des Ministeriums seit Jahrzehnten angekündigt. Im Zentrum steht dabei ein deutlicherer Fokus auf die außenpolitischen Prioritäten der neuen Regierung durch neue Strukturen und ein Stellenabbau von 8 % (wie laut Modernisierungsagenda von allen Ministerien gefordert). Die Stabilisierungs- und Krisenpräventionsteams werden in neu strukturierte Regionalabteilungen eingegliedert oder den Bereichen für die jeweiligen internationalen Organisationen zugeordnet.
Außerdem wird es eine neue Abteilung für Sicherheitspolitik geben, die Kompetenzen für Fragen der „harten Sicherheit“ bündelt. Klimadiplomatie, die unter der letzten Regierung eine herausgehobene Rolle hatte, wird in der neuen Abteilung für EU und Geoökonomie einsortiert. Um effizientere Verwaltungsstrukturen wird es dann in einem nächsten Schritt gehen.
Mit Blick auf die Prioritäten dieser Regierung ist die Restrukturierung tatsächlich konsequent. Auch angesichts der globalen Lage ist es sinnvoll, strategische Sicherheitspolitik und Geoökonomie zu stärken und den geforderten Stellenabbau eher in der Berliner Zentrale als in den Auslandsvertretungen vorzunehmen. Fraglich ist jedoch, ob es in einer Phase, in der die internationale Ordnung und viele multilaterale Institutionen unter massivem Druck stehen, klug ist, die „Stärkung der intergouvernementalen Diplomatie“ zum zentralen Ziel der Reform zu erheben.
Die USA ziehen sich aus wichtigen Bereichen zurück, haben ihre große Entwicklungsbehörde USAID geschlossen und ihre Unterstützung für die Vereinten Nationen reduziert. Deshalb wäre es gerade jetzt wichtig, dass Deutschland sich stärker für internationale Zusammenarbeit, Krisenvorbeugung und humanitäre Hilfe einsetzt – also für genau die Bereiche, die aktuell weltweit unter Druck stehen.
Mit dem Review-Prozess 2014 wurde nach breiter Konsultation mit vielen Stakeholdern eine Abteilung für Stabilisierung, Krisenprävention, Friedensförderung und Humanitäre Hilfe geschaffen – quasi eine Abteilung für moderne Krisendiplomatie. Sie hat in den letzten zehn Jahren den Großteil der Gelder in der deutschen Außenpolitik verwaltet, damit neue Stellenbeschreibungen für Diplomat:innen als Projekt-Manager geschaffen und Deutschland zum größten internationalen Geber für Konfliktprävention gemacht. Genau diese Abteilung wird nun laut der Reform-Ankündigung des neuen Außenministers Johann Wadephul ohne große Konsultation abgeschafft und ihre Aufgaben auf andere Bereiche verteilt.
Fest steht, dass das Auswärtige Amt seine Außenpolitik jetzt ohne Vorlage von Übersee neu erfinden muss. Insbesondere Kernkompetenzen, wie die strategische Vorausschau und Frühwarnung, gilt es jetzt aufzuwerten und die mühsam aufgebaute Expertise im Bereich Konfliktvorhersage, Vorausschau und professioneller Auseinandersetzung mit einer unsicheren Zukunft an prominenter Stelle in der neuen Struktur zu verankern.
Neben der inhaltlichen Neustrukturierung gilt es jetzt vor allem auch die internen Prozesse und Arbeitsweisen zu modernisieren, damit die gesteckten Ziele tatsächlich erreicht werden können. Expertin Sarah Brockmeier-Large zählt dazu vor allem eine moderne IT-Infrastruktur inklusive Künstlicher Intelligenz, relevanteres Training und attraktivere Arbeitsbedingungen für die Belegschaft, besseres Wissensmanagement in einem Ministerium in dem das Personal alle drei Jahre um die Welt rotiert. Und vor allem eine strategische Kultur, die Diplomat:innen nicht nur dringenden Anfragen hinterherlaufen lässt, sondern ihnen Raum für strategisches Handeln ermöglicht. Denn nur dann ist gute Außenpolitik trotz angekündigter Personalkürzungen möglich.
Dass in der aktuellen Weltlage kein „Weiter so“ möglich ist, ist insbesondere in der Krisendiplomatie klar. Auch deshalb, weil das größte Defizit deutscher Außenpolitik mangelnde Strategie und Vorausschau waren. Das ist besonders jetzt ein Problem, denn die Zeit, in der man neue Außenpolitik-Ansätze aus den USA importiert hat – sei es Krieg gegen den Terror, Staatsaufbau oder Stabilisierungspolitik – sollte bis auf Weiteres vorbei sein.
Gerade weil die internationale Lage komplexer wird und Deutschland seine außenpolitische Rolle neu definieren muss, liegt in der aktuellen Strukturreform eine Chance. Wenn das Auswärtige Amt es schafft, strategisches Denken, vorausschauende Analyse und klare Prioritäten-Setzung klug in den neuen Abteilungen zu verankern und die richtigen Anreize für Personal zu setzen, kann moderne Außenpolitik weniger reaktiv, stärker strategisch und eingebettet in solide Wissens- und Projektstrukturen sein.
Wenn die Welt sich verändert, ist Mut für Reformen nötig. Die Strukturreform im Auswärtigen Amt kann ein Impuls für andere Ministerien sein, ihre eigene Verwaltung trotz oder gerade wegen Haushaltskürzungen insgesamt zu überdenken, ihre Organisation anzupassen, und tatsächlich wirksame Governance-Strukturen zu schaffen. Eine Strukturreform ist kein Selbstzweck, aber wenn sie gelingt, kann sie ein Fenster öffnen für einen Staat, der seine Verwaltungsarchitektur mutig an die Herausforderungen der Zukunft anpasst.
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