Was wäre, wenn moderne Ar­beits­wei­sen den digitalen Wandel in der Verwaltung vor­an­trei­ben würden?

Lorraine Baumgart und Mario Viererbe, Be­schäf­tig­te im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirtschaft und Energie, ehemalige Pro­jekt­part­ner:innen bei Work4Germany 2022 und 2023

 

Wer kennt es nicht? Beim Start in eine neue Position ist am Anfang noch vieles unklar. Da ist es von Vorteil, wenn alle notwendigen In­for­ma­tio­nen an einem Ort zur Verfügung stehen. Im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirtschaft und Energie (BMWE) ist das heute mit dem Onboarding-Portal sowie dem Füh­rungs­kräf­te-Portal der Fall. Doch das war nicht immer so.

Als Be­schäf­tig­te im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) – heute BMWE – standen wir 2022 vor der Her­aus­for­de­rung, das Onboarding neuer Mit­ar­bei­ten­der besser sowie nut­zen­den­zen­trier­ter zu gestalten und ein digitales Onboarding-Portal aufzusetzen. Über unsere Nach­wuchs­krei­se wussten wir bereits: Es gibt den Wunsch, im Onboarding moderner, agiler und digitaler zu werden. Die Frage war nun, wie genau das gelingen könnte, und wer uns in diesem digitalen Wandel un­ter­stüt­zen könnte.

Vor diesem Hintergrund kam die Aus­schrei­bung für den Work4Germany-Jahrgang 2022 wie gerufen. Mit unserer Fellow Lisa Schiemann bekamen wir jemanden an die Hand, die durch ihr externes Know-how viele wichtige Impulse setzen konnte, maßgeblich die Ver­bes­se­rung unseres Onboardings vor­an­ge­trie­ben und als ein Ergebnis das Onboarding-Portal entwickelt hat. An diese Expertise und Motivation konnten wir 2023 mit unserer Fellow Nadiya Raufi nahtlos anknüpfen und gingen gemeinsam die Entwicklung eines digitalen Füh­rungs­kräf­te-Portals an. Lisa und Nadiya brachten bereits im Vorfeld um­fang­rei­che Erfahrung aus der freien Wirtschaft mit, ins­be­son­de­re aus der Personal- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung.

Heute können wir sagen: Beides sind er­folg­rei­che Projekte, die nicht nur Portale geschaffen haben, die nach wie vor genutzt werden, sondern auch zu einem Men­ta­li­täts­wan­del über das Haus hinweg geführt haben. Aber erstmal von vorn.

Bei unserem ersten Projekt, dem Onboarding-Portal, gab es vor dem Start des Fellowships für neue Mit­ar­bei­ten­de eine riesige Wis­sens­da­ten­bank, das Intranet. Dieses konnte mit seiner Fülle an In­for­ma­tio­nen allerdings auch schnell über­for­dernd wirken. Was wir zu dem Zeitpunkt bereits hatten, war eine Pro­jekt­grup­pe, in der ver­schie­de­ne Stakeholder:innen für das Onboarding versammelt waren.

Auf dieser Basis setzte Lisa an und ging mit uns erst mal einen Schritt zurück. Zusammen sind wir in den Problemraum ein­ge­stie­gen und haben geklärt: Wo bestehen eigentlich konkrete Bedarfe? Wie läuft der Onboarding-Prozess und was brauchen neue Mit­ar­bei­ten­de wann?

Das Portal haben wir dann in ganz vielen kleinen Sprints, mit vielen Prototypen und sehr eng an den Be­dürf­nis­sen der Nutzenden entwickelt. Dafür haben wir etwa Interviews mit Projekt-Stakeholder:innen und Nutzenden geführt sowie einen Onboarding-Blueprint gebaut.

Wir sind pro­blem­ori­en­tiert vorgegangen und hatten zum Schluss ein Portal, das einen echten Unterschied gemacht hat und zum Kas­sen­schla­ger wurde: Rund 20 Behörden und Ministerien haben sich das Portal angeschaut und die Idee adaptiert. Teilweise haben diese das Portal sogar nachgenutzt. Außerdem ist es Vorbild für andere Portale, zum Beispiel das Haus­halts­por­tal des BMWE.

Der Erfolg des Onboarding-Portals war ein Anstoß für unser nächstes gemeinsames Projekt, das digitale Füh­rungs­kräf­te-Portal. Das Ziel: neuen Füh­rungs­kräf­ten im Haus einen Ort mit allen relevanten In­for­ma­tio­nen zu bieten, eine Art „Wissens-Wiki“. Daran haben wir gemeinsam mit unserer Fellow Nadiya gearbeitet und konnten vieles aus dem vorherigen Projekt nachnutzen. Rein technisch mussten wir bei­spiels­wei­se keinen neuen Share-Point aufsetzen. Dieser existierte bereits. Zudem gab es viele Prozesse, Methoden und Denkweisen, die wir im ersten Fellowship ken­nen­ge­lernt hatten und nun verstetigen konnten:

  • Kol­la­bo­ra­ti­on: Statt der stillen Arbeit im Kämmerlein müssen Menschen mit vielen ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zu­sam­men­kom­men, in den Austausch gehen und gemeinsam eine Lösung entwickeln.
  • Silos überwinden: Über­grei­fen­de, diverse Pro­jekt­teams sind mit ihrer Schwarm­in­tel­li­genz er­folg­rei­cher und schaffen für alle Beteiligten einen Mehrwert.
  • Ori­en­tie­rung an den Nutzenden: Immer wieder bei den Nutzenden nachfragen und laufende Projekte ent­spre­chend optimieren.
  • Mit dem Problemraum beginnen: Das kann sich am Anfang zwar nach viel zu­sätz­li­cher Zeit anfühlen, führt aber nachhaltig zu besseren Ergebnissen, die sich an den Be­dürf­nis­sen der Nutzenden orientieren.
  • In Sprints arbeiten: Projekte lieber in viele kleine Schritte aufteilen, anstatt auf einmal zu versuchen, alles zu lösen.
  • Auf eine Fehler- und Lernkultur setzen: Dinge aus­pro­bie­ren und dabei zu merken: Es muss nicht von Anfang an perfekt sein, um zu funk­tio­nie­ren.
  • Last but not least: Füh­rungs­kräf­te an der Seite zu haben, die diese Prozesse mit Vertrauen, Geduld und Be­geis­te­rung un­ter­stüt­zen.

Natürlich gab es in den Projekten auch Her­aus­for­de­run­gen. Bei­spiels­wei­se fand die Entwicklung des Onboarding-Portals teilweise während der Som­mer­fe­ri­en statt – damit waren viele Leute schlicht nicht verfügbar. Zeit war aber noch aus einem anderen Grund ein ent­schei­den­der Faktor. Da wir als Pro­jekt­part­ner:innen nicht von unseren Aufgaben frei­ge­stellt wurden, lief das Projekt als Zusatz mit. Ebenso her­aus­for­dernd war die wechselnde Art der Fi­nan­zie­rung. Während das Onboarding-Portal vor­fi­nan­ziert war, musste das zweite Budget selbst gestemmt werden.

Rück­bli­ckend lässt sich aber festhalten: Es hat sich gelohnt und wahnsinnig viel Spaß gemacht. Der Austausch im und über das Projekt hinaus, neue Per­spek­ti­ven zu verstehen und effektiv einzubinden – das ist für einen selbst und andere sehr mo­ti­va­ti­ons­för­dernd. Heute ist das Onboarding-Portal im Haus weit bekannt und erreicht zu Beginn des Onboardings eine Nut­zungs­ra­te von bis zu 40 Prozent.

Außerdem hat sich nachhaltig etwas geändert. Nicht nur in den Tools, die wir nutzen, sondern auch in unserer Ar­beits­wei­se. Retros und Whiteboards, anfangs noch skeptisch beäugt, gehören jetzt zum festen Repertoire. Aber auch im Problemraum zu bleiben, neue Per­spek­ti­ven aktiv einzubinden, also die Nut­zen­den­zen­trie­rung nach vorn zu stellen, war eine nachhaltige und au­gen­öff­nen­de Erfahrung. Die Projekte waren aber auch die In­iti­al­zün­dung für weitere Ent­wick­lun­gen bei uns im Haus, ins­be­son­de­re für den Aufbau eines Netzwerkes von Agilen Coaches.

Wenn wir jetzt nach vorn blicken, sehen wir mit dem neuen Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Digitales und Staats­mo­der­ni­sie­rung (BMDS) viele Schnitt­men­gen zu dem, was wir im Fellowship mit Work4Germany erlebt haben. Gerade in Bezug auf den Kul­tur­wan­del in der Verwaltung, durch das Aufbrechen alter Strukturen und die Etablierung neuer Ar­beits­wei­sen. Wir sind gespannt und neugierig, wie diese Reise jetzt weitergehen wird. Auf alle Fälle hat jetzt jemand den Hut auf und kann Ver­än­de­run­gen zentral vor­an­trei­ben. Dabei wollen wir uns gern einbringen.

 
 

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Diesen Beitrag haben wir am 4. Juni 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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