Was wäre wenn, Stadt­ver­wal­tun­gen und Uni­ver­si­tä­ten gemeinsame Projekte vor­an­trei­ben?

Markus Leisegang, Klimaschutz-Manager der Stadt Würzburg, Nicola Oswald, Ge­schäfts­füh­re­rin Nach­hal­tig­keits­la­bor WueLAB der Universität Würzburg, und Philipp Spiegel, Programm-Manager beim Stif­ter­ver­band

Hinter den großen Zielen einer nach­hal­ti­gen Stadt­ent­wick­lung arbeiten viele engagierte Menschen aus Ver­wal­tun­gen und Hochschulen. Sie entwickeln Lösungen dafür, dass Bio­di­ver­si­tät im urbanen Raum steigt, dass dritte Orte für mehr ge­sell­schaft­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on entstehen oder dass Er­wach­se­nen­bil­dung eine Selbst­ver­ständ­lich­keit wird.

Ob wir die Menschen Ver­wal­tungs­pio­nier:innen, In­sti­tu­tio­nal En­tre­pre­neurs oder Boundary Spannersnennen – am Ende geht es bei in­sti­tu­tio­nel­len In­no­va­tio­nen um un­ter­schied­li­che Personen in ver­schie­de­nen Rollen, die eines eint: Sie bewegen sich aus ihren Silos, mit dem Mut, Neues zu wagen. Gleich­zei­tig wird dieses „sich-hinaus-bewegen” weder konkret gefördert noch belohnt.

Oft be­schäf­ti­gen sich Stadt­ver­wal­tun­gen und Hochschulen mit ähnlichen Her­aus­for­de­run­gen, jedoch verwenden sie un­ter­schied­li­che Be­griff­lich­kei­ten, folgen ver­schie­de­nen Logiken und bewegen sich in anderen Zeit­di­men­sio­nen. Verwaltung plant in Haus­halts­pe­ri­oden, Wis­sen­schaft in For­schungs­zy­klen. Verwaltung fragt „Wie geht das praktisch?", Wis­sen­schaft fragt „Was wäre möglich?".

Die Folge: Wichtige For­schungs­er­geb­nis­se finden nicht immer rechtzeitig den Weg in die Praxis. Dringende Fragen der Stadt werden so teils ohne hin­rei­chen­de wis­sen­schaft­li­che Fundierung bearbeitet.

Genau hier setzt das Trans­for­ma­ti­ons­la­bor Hochschule des Stif­ter­ver­bands an. Mit diesem För­der­pro­gramm unterstützt der Stif­ter­ver­band Hochschulen und Kommunen dabei, durch Peer-Learning, Kom­pe­tenz­auf­bau und Trans­for­ma­ti­ons­pro­jek­te gemeinsam Wandel in der Region zu gestalten. Denn die großen Her­aus­for­de­run­gen unserer Zeit – von Klimawandel über Fach­kräf­te­man­gel bis hin zu ge­sell­schaft­li­cher Po­la­ri­sie­rung – lassen sich nur in Multi-Stakeholder-Prozessen bewältigen. Eines dieser geförderten Projekte ist das Trans­for­ma­ti­ons­la­bor Stadt und Universität Würzburg.

Das Würzburger Trans­for­ma­ti­ons­la­bor will den bi­di­rek­tio­na­len Wis­sens­trans­fer zwischen der Julius-Maximilians-Universität und der Stadt­ver­wal­tung festigen. Das Ziel: Wis­sen­schaft soll aktiv in Ent­schei­dungs­pro­zes­se und die Gestaltung städtischer Projekte eingebunden werden. Gleich­zei­tig sollen relevante Fragen der Stadt­ver­wal­tung wis­sen­schaft­lich begleitet werden.

Der Ansatz ist dabei bewusst praxisnah: Statt abstrakter Stra­te­gie­pa­pie­re hat das Würzburger Trans­for­ma­ti­ons­la­bor vier Tandems gebildet mit je einer Person aus der Stadt­ver­wal­tung und einer aus der Wis­sen­schaft. Gemeinsam arbeiten sie an konkreten Themen einer nach­hal­ti­gen Stadt­ent­wick­lung:

 

  • Urbane Bio­di­ver­si­tät: Wie schaffen wir mehr Natur im städtischen Raum?

  • Bildung für Nachhaltige Entwicklung: Wie wird Er­wach­se­nen­bil­dung zur Selbst­ver­ständ­lich­keit?

  • Kom­mu­ni­ka­ti­on: Wie können Ver­wal­tun­gen moderner nach außen kom­mu­ni­zie­ren?

  • Dritte Orte: Wie werden Museen und Bi­blio­the­ken zu Orten der Begegnung?

 

Die Tandems werden durch moderierte Design-Thinking-Workshops begleitet, die von Dr. Annika Kreikenbohm (City2Science) struk­tu­riert wurden. Dabei entwickeln die Tandems gemeinsame Prototypen für städtische Her­aus­for­de­run­gen, finden eine gemeinsame Sprache und führen ihre un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven zusammen.

Auf stra­te­gi­scher Ebene wird das Projekt von Uni­ver­si­täts-Vi­ze­prä­si­den­tin Prof. Dr. Anja Schlö­merk­em­per sowie Ober­bür­ger­meis­ter Martin Heilig und Bür­ger­meis­te­rin Dr. Sandra Vorlová begleitet. Auf operativer Ebene gestalten das Nach­hal­tig­keits­la­bor WueLAB der Universität mit Dr. Nicola Oswald und die Stabsstelle Klima und Nach­hal­tig­keit mit Dr. Christian Göpfert und Dr. Markus Leisegang den Prozess. Diese Ver­schrän­kung von stra­te­gi­scher Lei­tungs­ebe­ne und operativer Um­set­zungs­ebe­ne ist cha­rak­te­ris­tisch für das För­der­pro­gramm des Stif­ter­ver­bands. Denn nur wenn beide Ebenen mitziehen, kann Trans­for­ma­ti­on gelingen.

Die Ergebnisse der Tandems wurden bewusst in un­ter­schied­li­chen Welten präsentiert – im Ratssaal der Stadt, in einer Ring­vor­le­sung an der Universität und schließlich im Museum im Kul­tur­spei­cher Würzburg, wo im Februar 2026 die pro­jekt­be­zo­ge­ne Ausstellung „Aus­ge­spro­chen" eröffnet wurde. Ein Im­pro­vi­sa­ti­ons­thea­ter griff den Dialog zwischen Verwaltung und Wis­sen­schaft spielerisch auf. Die Ausstellung wird nun als Wan­der­aus­stel­lung fortgeführt und macht den ko-kreativen Prozess einer breiteren Öf­fent­lich­keit zugänglich.

Aktuell wird eine dauerhafte Ko­ope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung zwischen der Stadt Würzburg und der Julius-Maximilians-Universität vorbereitet. Das Tandem-Projekt soll mit jährlich vier neuen Tandems verstetigt werden und so langfristig Impulse für eine nachhaltige Stadt­ent­wick­lung setzen.

Trotz dieser Erfolge sind die Teil­neh­men­den des Trans­for­ma­ti­ons­la­bors Stadt und Universität Würzburg auch einigen Her­aus­for­de­run­gen begegnet. Es war nicht immer leicht, die un­ter­schied­li­chen in­sti­tu­tio­nel­len Logiken und Ar­beits­kul­tu­ren von der Stadt­ver­wal­tung und der Universität miteinander zu vereinen. Außerdem wird Wis­sen­schaft in der Verwaltung meist als freiwillige Aufgabe behandelt, die durch Res­sour­cen­druck und Pflicht­auf­ga­ben nur schwer Auf­merk­sam­keit bekommt. Die Frage „Warum soll ich mich mit Forschung be­schäf­ti­gen?" kam immer wieder auf.

Dabei kann Wis­sen­schaft wertvolles Ori­en­tie­rungs­wis­sen für die (Stadt-)Ge­sell­schaft schaffen, das besonders in der ge­gen­wär­ti­gen Polykrise Stabilität und gleich­zei­tig Agilität bieten kann. Deshalb ist die Einbettung von Hochschulen in ihre eigene Region und Stadt­ge­sell­schaft nicht nur ein po­ten­zi­el­ler Stand­ort­fak­tor, der zu mehr kulturellem Leben und öko­no­mi­scher Prosperität führt.

Vielmehr können Hochschulen einer öf­fent­li­chen Verwaltung den Raum und eine Basis für Ex­pe­ri­men­tier­freu­dig­keit, Ver­trau­ens­bil­dung, Par­ti­zi­pa­ti­on und die Entwicklung einer re­si­li­en­te­ren Ge­sell­schaft bieten. Dafür braucht es noch mehr mutige Menschen und Füh­rungs­per­so­nen, die dies ermöglichen.

 
 

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Diesen Beitrag haben wir am 30. April 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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