Was wäre, wenn Verwaltung zum Haus der kurzen Wege wird?

Susanne Neupert, In­te­gra­ti­ons­ko­or­di­na­to­rin der Mi­gra­ti­ons­agen­tur des Bur­gen­land­krei­ses

 

Wer in Deutschland ankommt, geht üb­li­cher­wei­se einen langen, sehr um­ständ­li­chen Weg durch den Be­hör­den­dschun­gel. Dabei müssen die Anliegen der Betroffenen von den un­ter­schied­lichs­ten Stellen bearbeitet werden. Jede Ver­wal­tungs­ein­heit agiert dabei oft wie ein ab­ge­schlos­se­ner Silo: Was dort passiert, bleibt dort und findet keinen Weg in den nächsten Silo. Die einzelnen Mit­ar­bei­ten­den müssen sich im schlimmsten Fall mehrfach die gleichen In­for­ma­tio­nen erarbeiten und die Betroffenen verstehen nicht, warum sie wo und wann hinmüssen. Mit wenig Deutsch­kennt­nis­sen und besonders im ländlichen Raum führt dies schnell zu Er­nüch­te­rung und dem Gefühl, nicht willkommen zu sein.

Als wir, wie die meisten Kommunen, 2014 vor der Aufgabe standen, viele Asyl­su­chen­de aufzunehmen, war uns schnell klar: So kann es nicht weitergehen. Also haben wir ein neues Sachgebiet für Integration geschaffen und 2015 die ehemalige „Aus­län­der­be­hör­de” zum In­te­gra­ti­ons- und Aus­län­der­amt um­struk­tu­riert. In den dar­auf­fol­gen­den Jahren haben wir diese Struktur weiter ausgebaut und schließlich 2018 die Mi­gra­ti­ons­agen­tur des Bur­gen­land­krei­ses eröffnet.

Die Mi­gra­ti­ons­agen­tur des Bur­gen­land­krei­ses ist eine integrierte Ver­wal­tungs­ein­heit, die alle Akteur:innen unter einem Dach versammelt, welche Personen ohne deutschen Pass bei den ersten Schritten und der Integration in den Ar­beits­markt und Alltag begleiten: von Aus­län­der­recht, über Asyl­be­wer­ber­leis­tung, Un­ter­brin­gung, In­te­gra­ti­ons­be­ra­tung, Jobcenter, Ar­beits­agen­tur, bis hin zur Volks­hoch­schu­le als unser größter Sprach­kurs­trä­ger. Außerdem sind viele zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Projekte in der Mi­gra­ti­ons­agen­tur angebunden: von mi­gran­ti­schen Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen bis hin zur Eh­ren­amts­ko­or­di­na­ti­on.

Als sogenanntes „Haus der kurzen Wege” ist die Mi­gra­ti­ons­agen­tur die zentrale An­sprech­part­nerin in allen Belangen für Menschen ohne deutschen Pass. Dabei setzen wir auf Prinzipien, die den Zugang erleichtern und Ver­wal­tungs­hür­den abbauen: mit offenen Sprech­zei­ten ohne Termin, Kun­den­ori­en­tie­rung, interne Wei­ter­lei­tungen sowie Behörden- & rechts­kreis­über­grei­fen­der Zu­sam­men­ar­beit.

Diese Zahlen sprechen für die Erfolge der Mi­gra­ti­ons­agen­tur: Im Bur­gen­land­kreis haben 11,2 Prozent aller so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Be­schäf­tig­ten keinen deutschen Pass – deutlich mehr als im Lan­des­durch­schnitt von Sachsen-Anhalt mit 7,4 Prozent oder in den Großstädten Magdeburg (8,1 Prozent) und Halle (8,2 Prozent). Gleich­zei­tig liegt auch die Be­schäf­ti­gungs­quo­te der Menschen ohne deutschen Pass im Bur­gen­land­kreis deutlich über dem Landeswert: 56,4 Prozent der Menschen ohne deutschen Pass sind hier berufstätig, der Lan­des­durch­schnitt liegt nur bei 45,3 Prozent (Daten der Agentur für Arbeit, Stand 09/2024). Für diese Erfolge wurden wir 2025 mit dem „Bewährt vor Ort”-Siegel in der Kategorie „Verwaltung von morgen” aus­ge­zeich­net.

Trotzdem ist eine Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung „im laufenden Betrieb“ auch immer eine Her­aus­for­de­rung. Über die Jahre mussten wir lernen, Prozesse loszulassen, Zu­stän­dig­kei­ten neu zu denken und immer wieder alle Beteiligten mitzunehmen. Der wichtigste Er­folgs­fak­tor war dabei der politische Rückhalt, gutes Schnitt­stel­len­ma­nage­ment und die Be­reit­schaft, Konflikte auszuhalten. Veränderung in der Verwaltung funk­tio­niert nur, wenn wir sie gemeinsam gestalten.

Dafür braucht es Mut, politisches Momentum und den Willen, Prozesse im Ganzen zu sehen. Und es lohnt sich: Denn von einer Verwaltung, die einfacher und zu­gäng­li­cher arbeitet, profitieren alle: unsere Mit­ar­bei­ten­den genauso wie die Menschen, die zu uns kommen.

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass die Idee der Mi­gra­ti­ons­agen­tur viele andere Ver­wal­tun­gen inspiriert. Nicht jede Kommune braucht eine Kopie unseres Modells, aber überall gibt es Potenzial: Wege zu verkürzen, Silos auf­zu­bre­chen, Zu­sam­men­ar­beit zu stärken. Wenn Verwaltung zur Mög­lich­ma­che­rin wird, gewinnen am Ende alle.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 13. November 2025 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.

The Bigger Picture

Tiaji Sio

Während Deutschland über das Stadtbild diskutiert, verliert es Zeit in einer ent­schei­den­den Zu­kunfts­fra­ge: Ohne eine jährliche Net­to­zu­wan­de­rung von rund 400.000 Menschen wird der Fach­kräf­te­man­gel und der fort­schrei­ten­de de­mo­gra­fi­sche Wandel zur Systemkrise. Pflege, Bildung, Bau und Verwaltung spüren sie längst. Es geht dabei nicht um Kul­tur­kämp­fe, sondern um die Grundlage unseres Wohlstands und die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Staates.

Die Mi­gra­ti­ons­agen­tur im Bur­gen­land­kreis zeigt mit ihrem Haus der kurzen Wege, worauf es wirklich ankommt. Integration gelingt dort, wo Verwaltung nicht abschreckt, sondern an den Le­bens­rea­li­tä­ten der Menschen orientiert ist. Wo Zugänge leicht, Prozesse klar und Menschen willkommen sind. Solche Orte sind ent­schei­dend und machen den Unterschied zwischen gelingender Ein­wan­de­rung und wachsender Entfremdung.

Wer Migration als Ge­stal­tungs­auf­ga­be begreift, erkennt darin eine doppelte Chance: ökonomisch, weil Ar­beits­kräf­te gebraucht werden, und de­mo­kra­tisch, weil Vertrauen in staatliches Handeln zurückkehrt, wenn der Staat verlässlich funk­tio­niert. Auch wenn es die Stadt­bild­de­bat­te anders vermuten mag, Deutschland wird nicht an zu viel Migration scheitern, sondern an zu wenig in­sti­tu­tio­nel­ler Anpassung. Eine moderne Verwaltung ist damit die stille In­fra­struk­tur ge­sell­schaft­li­cher Erneuerung.