Was wäre, wenn wir Beziehungen in der Politik pro­fes­sio­nell gestalten würden?

Dirk Zorn, Director, und Martin Pfafferott, Senior Project Manager, beide im Programm „Bildung und Next Generation” der Bertelsmann Stiftung

 

Vor einem halben Jahr sorgte ein Treffen für bundesweite Auf­merk­sam­keit. Die Spitzen von Union und SPD kamen in Würzburg zu einer Klausur zusammen. Be­mer­kens­wert war weniger, was dort politisch verhandelt wurde, sondern dass das Treffen explizit dem Miteinander diente. Team­buil­ding auf höchster politischer Ebene reichte aus, um Ir­ri­ta­tio­nen auszulösen. Die Reaktionen darauf legen eine grund­le­gen­de Frage offen: Warum gilt es in der Politik als un­ge­wöhn­lich, Beziehungen bewusst zu pflegen? Und was sagt es über den politischen Betrieb aus, wenn der Aufbau von Vertrauen als Be­son­der­heit wahr­ge­nom­men wird?

Oft gerät aus dem Blick, dass Politik immer auch ein Be­zie­hungs­ge­sche­hen ist. Häufig betrachten wir sie als Wettbewerb um Macht, Programme und Deu­tungs­ho­heit. Politische Prozesse erscheinen dann als Abfolge von Talkshows, Ver­hand­lungs­run­den und stra­te­gi­schen Manövern. Doch ihr Fundament ist ein anderes. Politik ist ein mensch­li­ches Geschäft. Sie entsteht im Zu­sam­men­spiel von Personen, Per­spek­ti­ven und Interessen. Und sie wird besser, wenn sie auf Vertrauen, Zuhören und dem ernsthaften Versuch beruht, die Sichtweisen anderer zu verstehen.

Demokratie trägt dabei eine produktive Spannung in sich. Sie lebt von Un­ter­schie­den, von Streit und Kon­flikt­fä­hig­keit. Zugleich ist sie auf Kooperation und Gemeinsinn angewiesen. Gerade weil Macht geteilt wird, braucht es eine Vorstellung davon, wie diese Ambivalenz konstruktiv gelebt werden kann, ohne die Sache selbst, die beteiligten Personen oder das de­mo­kra­ti­sche System zu beschädigen.

Wo stabile Beziehungen fehlen, kippen politische Prozesse schnell in Misstrauen, symbolische Konflikte und ober­fläch­li­che Kompromisse. Die letzte Bun­des­re­gie­rung war dafür ein Lehrstück. Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag der Ampel stand unter dem Versprechen des Fort­schritts, doch es fehlte ein gemeinsames Verständnis von Wandel und ein belastbares per­sön­li­ches Fundament. Misstrauen verdrängte Aufbruch. Das Scheitern war weniger inhaltlich als be­zie­hungs­po­li­tisch.

Was wäre also, wenn wir politische Beziehungen nicht dem Zufall überließen, sondern sys­te­ma­tisch mitdenken würden? Politische Prozesse könnten erheblich gewinnen, wenn Be­zie­hungs­ge­stal­tung nicht als Kür, sondern als Teil des politischen Handwerks verstanden würde. Denkbar wäre, dass in Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zunächst Räume entstehen, in denen Vertrauen aufgebaut wird, bevor Inhalte verhandelt werden. Dass zukünftige Partner:innen Zeit investieren, um zu verstehen, wie die anderen Personen denken, entscheiden und Prioritäten setzen. Das mag aktuell un­vor­stell­bar klingen und würde im schnell­le­bi­gen politischen Geschäft zu Beginn Zeit kosten, könnte aber Jahre de­struk­ti­ver Konflikte ersparen und Politik schlicht besser machen.

Auch in der Re­gie­rungs­pra­xis ließe sich Be­zie­hungs­pfle­ge in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren. Rituale der Ver­stän­di­gung, regelmäßige gemeinsame Reflexionen und geschützte Räume für Klärung könnten so selbst­ver­ständ­lich werden wie Ka­bi­netts­sit­zun­gen oder Pres­se­kon­fe­ren­zen. Und in Ver­wal­tun­gen könnte der Blick stärker auf die Menschen gerichtet werden, die an Schnitt­stel­len arbeiten, auf ihre Logiken, Sprachen und Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Echte Begegnung würde damit formale Ko­or­di­na­ti­on ergänzen und oft erst wirksam machen.

Politik kon­zen­triert sich tra­di­tio­nell stark auf das Was. Programme, Gesetze und Strategien stehen im Mittelpunkt. Doch über Wirksamkeit entscheidet häufig das Wie. Vertrauen, Be­zie­hungs­pfle­ge und Dialog sind keine weichen Faktoren, sondern Vor­aus­set­zun­gen politischer Hand­lungs­fä­hig­keit. In vielen Or­ga­ni­sa­tio­nen ist diese Erkenntnis längst verankert. Es gibt Rollen für Moderation, Mediation und Pro­zess­be­glei­tung. 

Pa­ra­do­xer­wei­se fehlt diese Pro­fes­sio­na­li­sie­rung aus­ge­rech­net dort, wo Konflikte besonders folgenreich sind. Sachfragen werden im politischen Geschäft routiniert durch externe Expertise begleitet. Die Gestaltung des gemeinsamen Handelns bleibt hingegen oft Privatsache, unter hohem Zeitdruck und in nächtlichen Ver­hand­lungs­run­den. Aus unserer praktischen Erfahrung sehen wir gerade in der Bil­dungs­po­li­tik, wie zentral diese Einsicht ist. Kaum ein Feld ist komplexer. Zu­stän­dig­kei­ten verteilen sich auf ver­schie­de­ne Ebenen und Ressorts. Schulen, Kitas, Hochschulen, Jugendhilfe, So­zi­al­po­li­tik, Verbände und Zi­vil­ge­sell­schaft sind glei­cher­ma­ßen beteiligt. Wer Bildung gestalten will, bewegt sich in einem Geflecht un­ter­schied­li­cher Logiken und Kulturen. 

Bildung vom Kind aus zu denken bedeutet, diese Per­spek­ti­ven so miteinander zu verbinden, dass sie sich ergänzen statt blockieren. Rein technische oder formale Lösungen stoßen hier schnell an Grenzen. Mit bestem Willen läuft man gegen struk­tu­rel­le Barrieren und gerät zwischen die Mühlräder eines Systems, das ohne Be­zie­hungs­ebe­ne kaum steuerbar ist. Gerade deshalb braucht Bil­dungs­po­li­tik einen gemeinsamen Boden, der über Zu­stän­dig­kei­ten und Gesetze hinausgeht. Einen Raum, in dem Un­ter­schie­de verstanden und genutzt werden, in dem Vertrauen entsteht und gemeinsames Handeln möglich wird.

Wenn Beziehungen im Bil­dungs­sys­tem nicht länger als Nebensache gelten, sondern als stra­te­gi­sche Ressource verstanden werden, könnte eine neue Qualität politischen Handelns entstehen. Fachlich fundiert, getragen von Vertrauen und gemeinsamer Ver­ant­wor­tung. Politik gewinnt an Wirksamkeit, wenn sie Beziehung ernst nimmt. In der Bil­dungs­po­li­tik zeigt sich besonders klar, wie notwendig ein gemeinsamer Ver­stän­di­gungs­raum ist und wie geeignet dieses Feld wäre, ein Modell politischer Be­zie­hungs­fä­hig­keit zu entwickeln. Was hier gelingt, könnte weit über die Bil­dungs­po­li­tik hinaus wirken.

 

Erfahre mehr über das Projekt „Change Learning” innerhalb des Programms „Bildung und Next Generation” der Bertelsmann Stiftung.

 
 
Diesen Beitrag haben wir am 15. Januar 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.