Was wäre, wenn Zen­tral­ab­tei­lun­gen Kul­tur­wan­del ermöglichen?

Andrea Meyer, ehemalige Leiterin der Zen­tral­ab­tei­lung des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums

Ich habe von 1998 bis 2025 im Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um (BMU*) gearbeitet, zunächst im Lei­tungs­be­reich, dann in Fach­ab­tei­lun­gen. Klar war immer: Die Zen­tral­ab­tei­lung (Z) und hier ins­be­son­de­re das Per­so­nal­re­fe­rat hatten die Macht. Wir in den Fach­ab­tei­lun­gen waren allenfalls Bittsteller:innen.

Als ich im Dezember 2021 die Leitung der Zen­tral­ab­tei­lung übernehmen durfte, habe ich durchaus Skepsis gespürt. Denn ich war weder Juristin noch hatte ich je in der Z-Abteilung gearbeitet. Dank meines Executive Master of Public Management wusste ich, dass die wis­sen­schaft­li­che Diskussion zur Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung nicht viel mit der Praxis im Ministerium zu tun hatte.

Tra­di­tio­nell verwalten die Per­so­nal­re­fe­ra­te in den Bun­des­mi­nis­te­ri­en vor allem das vorhandene Personal, rekrutieren neue Mit­ar­bei­ten­de und pen­sio­nie­ren solche, die aus dem Berufsleben ausscheiden. Dafür wenden sie das Dienstrecht an und setzen den Willen der jeweiligen Hausleitung in Bezug auf Per­so­nal­maß­nah­men um. Im Rahmen der Stel­len­wirt­schaft stellen sie sicher, dass allen unbefristet Be­schäf­tig­ten eine passend besoldete Stelle zugeordnet ist.

Per­so­nal­ent­wick­lung und sys­te­ma­ti­sche Angebote zur in­di­vi­du­el­len Kar­rie­re­pla­nung fanden jenseits der ad­mi­nis­tra­ti­ven Bearbeitung von Fort­bil­dungs­an­trä­gen zunächst kaum statt. Auch eine vor­aus­schau­en­de Per­so­nal­stra­te­gie etwa zum Umgang mit dem be­vor­ste­hen­den de­mo­gra­phi­schen Wandel ist mir in meiner Zeit in der Bun­des­ver­wal­tung nicht un­ter­ge­kom­men. Das heißt nicht, dass die Personaler:innen schlecht arbeiteten. Aber kaum eine Hausleitung gab den Impuls, dass gerade die Per­so­nal­ar­beit einen zentralen Beitrag zu einem Kul­tur­wan­del hinzu einer modernen Verwaltung leisten kann.

Das wollte ich ändern, indem ich die Zen­tral­ab­tei­lung auf ihre Kern­auf­ga­ben beschränkte. Zudem wollte ich dafür sorgen, dass sich die Z-Abteilung den Kolleg:innen im BMU als Partner auf Augenhöhe präsentiert. Meine Schlag­wör­ter dazu waren An­sprech­bar­keit, aktives Zuhören, Ehrlichkeit und Offenheit für ernst gemeinte Beteiligung der Fachkolleg:innen an unseren Prozessen.

Mit meinen Mitarbeiter:innen, hier ins­be­son­de­re jenen im neu gegründeten Labor „Neue Ver­wal­tungs­in­stru­men­te”, stieß ich darum einen Change-Prozess für die Z-Abteilung an. Wir haben dafür gesorgt, dass sich die Z-Kolleg:innen un­ter­ein­an­der auch jenseits direkter Ar­beits­be­zie­hun­gen oder Freund­schaf­ten ken­nen­ler­nen konnten, haben eine Ist-Analyse durch­ge­führt und mit den Menschen in der Z ein kurzes Leitbild für die Abteilung entwickelt. Die Referate for­mu­lier­ten Ziele für die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode und haben deren Erreichung regelmäßig überprüft. Bei all diesen Aktivitäten beteiligten wir das Haus umfassend.

Auch in der Per­so­nal­ar­beit gab es ver­schie­de­ne Initiativen zur Veränderung, die vor allem auf eine verbesserte Stra­te­gie­fä­hig­keit der betroffenen Referate zielten. Einige davon konnten wir bereits in der letzten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode abschließen und dauerhaft etablieren. Andere sind noch in Erprobung und Entwicklung und werden hoffentlich einen guten Weg nehmen.

In der Per­so­nal­ent­wick­lung war eines meiner Ziele, dass wir unsere Füh­rungs­kräf­te besser begleiten, nachdem sie ihre Füh­rungs­po­si­ti­on angetreten haben. Das 2023 eingeführte Peer-Coaching der Un­ter­ab­tei­lungs­lei­tun­gen in Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zahlt darauf ein. Eine andere solche, sehr er­folg­rei­che Initiative schildere ich hier aus­führ­li­cher, weil sie leicht in anderen Behörden nachgenutzt werden kann.

Im August 2021 ist das Zweite Füh­rungs­po­si­tio­nen-Gesetz (FüPoG II) in Kraft getreten. Der Bund hatte damit das Ziel, bis Ende 2025 die Hälfte seiner Füh­rungs­po­si­tio­nen mit Frauen zu besetzen. Per 30.6.2021 lag diese Quote in den obersten Bun­des­be­hör­den bei knapp 40 %, im BMU bei rund 42 %. Schlechter sah es bei den Un­ter­ab­tei­lungs­lei­tun­gen (UAL) aus. Die UAL ist das höchste nicht-politische Amt in einem Bun­des­mi­nis­te­ri­um. Das bedeutet, die Amtsinhaber:innen behalten ihren Rang unabhängig von Re­gie­rungs­wech­seln. Mitte 2021 waren in den obersten Bun­des­be­hör­den wie auch im BMU 30 % der UAL:innen weiblich. Von 2021 bis 2025 konnten wir im BMU fast die Hälfte der Un­ter­ab­tei­lungs­lei­tun­gen nach und nach neu aus­schrei­ben.

Bald zeigte sich, dass sich weit überwiegend Männer bewarben, auch wenn es im Haus genügend be­wer­bungs­be­rech­tig­te Re­fe­rats­lei­te­rin­nen gab. Im Gespräch ar­gu­men­tier­ten einige, die konkrete Aufgabe sei für sie nicht reizvoll, zudem be­fürch­te­ten sie, Probleme mit der mangelnden Ver­ein­bar­keit von Beruf und Familie zu bekommen. Außerdem gäbe es doch sicher viel bessere Kandidat:innen für den Job.

Mich frus­trier­ten diese (Selbst-)Ein­schät­zun­gen, rückte damit doch unsere Chance, dem FüPoG II zu genügen, in weite Ferne. Deshalb habe ich drei gestandenen Abteilungs- und Un­ter­ab­tei­lungs­lei­te­rin­nen angeboten, in einer Vi­deo­kon­fe­renz über ihre Karriere, ihre konkrete Tätigkeit und Ar­beits­be­las­tung zu berichten. Die Besprechung, zu der wir alle be­wer­bungs­be­rech­tig­ten Re­fe­rats­lei­te­rin­nen eingeladen haben, war sehr gut besucht. Die Berichte der drei Kolleginnen be­ein­druck­ten die meisten nachhaltig, denn die wenigsten Re­fe­rats­lei­tun­gen wussten zuvor um den konkreten Ar­beits­all­tag in höheren Füh­rungs­po­si­tio­nen. Einige der Teil­neh­me­rin­nen haben sich an­schlie­ßend tatsächlich auf eine UAL-Position beworben.

Damit war mein erstes Ziel erreicht, bei der Auswahl der künftigen UAL:innen wenigstens eine Auswahl zwischen Männern und Frauen zu haben. Im zweiten Schritt wollte ich Re­fe­rats­lei­te­rin­nen die Gelegenheit geben, sich genauer über die nächste Kar­rie­re­stu­fe zu informieren. Dazu kon­zi­pier­ten wir mit einem sogenannten „Shadowing” von Re­fe­rats­lei­te­rin­nen bei Un­ter­ab­tei­lungs- und Ab­tei­lungs­lei­te­rin­nen im Haus ein Mentoring der besonderen Art. Dabei beschattet die Mentee be­zie­hungs­wei­se „der Shadow”, hier die Re­fe­rats­lei­te­rin, die höhere Füh­rungs­kraft bei der Arbeit, greift aber selbst nicht in deren Tätigkeit ein. Die Paare wurden nach einem Prä­senz­ter­min aller über ein Matching gebildet, in dem jede drei Personen nannte, die sie sich als Partnerin gut vorstellen konnte.

In zwei Runden „be­schat­te­ten“ an­schlie­ßend rund zehn Kolleginnen höhere weibliche Füh­rungs­kräf­te. Damit wollten wir zum einen die Be­reit­schaft erhöhen, sich um Un­ter­ab­tei­lungs­lei­tun­gen zu bewerben. Zum anderen erhofften wir uns eine Ver­bes­se­rung der Füh­rungs­kom­pe­ten­zen aller beteiligten Füh­rungs­kräf­te.

Über jeweils neun Monate trafen sich die einzelnen Paare regelmäßig. Bei­spiels­wei­se wurde ich nach­ein­an­der von zwei Kolleginnen „beschattet“. Ich handhabte das so, dass meine “Schatten” nach Einblick in meinen Kalender sagten, an welchen meiner Termine sie gerne passiv teilnehmen würden. Dabei klärte ich mit den Ter­min­be­tei­lig­ten, ob das möglich war, und sagte ent­spre­chend zu oder ab. Einmal im Monat trafen wir uns zu einem längeren Termin und sprachen über die Be­ob­ach­tun­gen meiner Mentee, über meine Eindrücke und unsere jeweilige Füh­rungs­ar­beit.

Meine beiden „Schatten“, aber auch ich haben viel aus dem Shadowing mitgenommen. Eine der Mentees der ersten Runde hat sich inzwischen erfolgreich als Un­ter­ab­tei­lungs­lei­te­rin beworben. Und: Bis Mitte 2024 hatte sich der Frau­en­an­teil an den UAL im BMU auf 43,5 % erhöht, aktuell beträgt er 47,8 %. Schon vor diesem Hintergrund kann ich anderen Behörden eine Übernahme des Konzepts nur empfehlen.

Unser drei­ein­halb­jäh­ri­ger Change-Prozess in der Z hatte bis zum Frühjahr 2025 ins­be­son­de­re in der Per­so­nal­ent­wick­lung zu einem Umdenken und zu stra­te­gi­sche­rem Handeln geführt. Neben den oben genannten Initiativen haben wir unter anderem einen pro­fes­sio­nel­len Wis­sens­trans­fer entwickelt sowie die An­ti­dis­kri­mi­nie­rung und die AGG- Be­schwer­de­stel­le auf stabilere Füße gestellt. Mein Dank dafür gilt den beteiligten Kolleg:innen in der Z und jenen, die diese Angebote wahr­ge­nom­men und wert­ge­schätzt haben.

 
 

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Anmerkung der Redaktion: Mit der Verwendung von „BMU*” verweisen wir darauf, dass sich die Bezeichnung dieses Mi­nis­te­ri­ums mitt­ler­wei­le geändert hat, zu: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN).

 
Diesen Beitrag haben wir am 28. Mai 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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