Wie ein Um­set­zungs­la­bor zum Wegbereiter für lernende Ge­setz­ge­bung wird

Katherin Wagenknecht, Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wohnen, Stadt­ent­wick­lung und Bauwesen, Ricarda Pätzold, Deutsches Institut für Urbanistik, und Thomas Spinrath, Bauwende Allianz bei Pro­ject­Tog­e­ther

Das im Oktober be­schlos­se­ne „Gesetz zur Be­schleu­ni­gung des Woh­nungs­baus und zur Wohn­raum­si­che­rung“, besser als „Bau-Turbo“ bekannt, verändert in einem klar umrissenen Teilbereich die etablierte Praxis des Bau­pla­nungs­rech­tes in Deutschland: Die erstmalig angewendete Ex­pe­ri­men­tier­klau­sel ermöglicht den Kommunen, zum Zweck des Woh­nungs­baus von Vor­schrif­ten des Bau­ge­setz­bu­ches abzuweichen. So sollen Woh­nungs­bau­vor­ha­ben - zunächst zeitlich begrenzt bis Ende 2030 - schneller und flexibler genehmigt werden können.

Die Ge­set­zes­än­de­rung rief er­war­tungs­ge­mäß sehr un­ter­schied­li­che Reaktionen hervor: von großen Hoffnungen, dass Bau­ge­neh­mi­gun­gen nun erheblich schneller und einfacher erteilt werden würden, bis hin zu Mahnungen vor den Kon­se­quen­zen des radikalen Bruchs in den Planungs- und Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren. Vor allem aber stellte das neue Gesetz Kommunen vor große Un­si­cher­hei­ten, was die neuen Regelungen konkret vor Ort bedeuten. „Das hat ganz schön was durch­ein­an­der gewirbelt“, war in Bezug auf lang eingeübte Prozesse aus vielen kommunalen Ver­wal­tun­gen im Herbst zu hören.

Die intensiven und auch kon­tro­ver­sen Debatten im Vorfeld der Ge­set­zes­än­de­rung wiesen auf die Er­for­der­lich­keit einer Begleitung der Einführung hin. Deshalb haben sich im Herbst die Bauwende Allianz, Pro­ject­Tog­e­ther, das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wohnen, Stadt­ent­wick­lung und Bauwesen (BMWSB) und das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) zu­sam­men­ge­schlos­sen und ein Format geschaffen, was bis dato einmalig in Deutschland ist: das Um­set­zungs­la­bor für den Bau-Turbo. Es unterstützt Kommunen dabei, die neuen Spielräume der Ex­pe­ri­men­tier­klau­sel gezielt und wirksam zu nutzen, mit dem Ziel, bezahlbaren Wohnraum schneller, ökologisch und sozial ver­ant­wort­lich zu realisieren.

Von November 2025 bis April 2026 haben wir eine Plattform etabliert, über die sich Kom­mu­nal­mit­ar­bei­ten­de, Lo­kal­po­li­ti­ker:innen, Planende und Vor­ha­ben­trä­ger:innen aus allen Regionen Deutsch­lands mit der Landes- und Bundesebene vernetzen und ihre Erfahrungen austauschen können. In digitalen und in Prä­senz­for­ma­ten wurden gemeinsam offene rechtliche Fragen iden­ti­fi­ziert, For­mu­lie­run­gen für Grund­satz­be­schlüs­se und Leitplanken aus­ge­tauscht, Ideen für effektivere Pro­zess­ab­läu­fe weitergeben und erste An­wen­dungs­fäl­le diskutiert. Das Wissen, welches in den Formaten entstand, haben wir auf einer in­ter­ak­ti­ven Online-Plattform gebündelt und in Ar­beits­hil­fen für Kommunen aufbereitet.

Der Bau-Turbo gibt Kommunen und Bauherren neue Spielräume. Das Zu­stim­mungs­er­for­der­nis der Kommune zeugt von der Ein­schät­zung, dass über die bauliche Entwicklung vor Ort diskutiert und entschieden werden muss. Diesem Grundsatz musste auch das Um­set­zungs­la­bor gerecht werden. Es ging nicht allein um Fra­ge­stun­den, in der Kommunen ihre rechtlichen Un­si­cher­hei­ten äußern und für alle Fragen immer direkt eine Antwort von Bund und Ländern bekommen.

Vielmehr hat das Um­set­zungs­la­bor einen Raum geschaffen, in denen Kommunen un­ter­ein­an­der, aber auch gemeinsam und auf Augenhöhe mit dem Bund die besten Lösungen finden können. Das war für manche Teil­neh­men­de zunächst ungewohnt. O-Töne zeigen aber auch, dass viele Kommunen Lust bekommen haben, sich auf diese neue Ar­beits­wei­se einzulassen: Das Um­set­zungs­la­bor habe die „Vernetzung gefördert, Ideen­fin­dung gestärkt und Mut gemacht, Lösungen zu erarbeiten“. Ein Teilnehmer postete nach einem Format: „Lasst uns dieses gemeinsame Experiment annehmen – neugierig, ent­schlos­sen und mit dem Anspruch, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen.“

Das Um­set­zungs­la­bor für den Bau-Turbo versteht die Ex­pe­ri­men­tier­klau­sel als lernendes Gesetz. So konnten Kommunen im Um­set­zungs­la­bor erste Pra­xis­er­fah­run­gen unmittelbar an die ge­set­zes­vor­be­rei­ten­de Instanz zu­rück­zu­spie­len. Damit können bereits gewonnene Erfahrungen und Er­kennt­nis­se früher für folgende Anpassungen des Bau­ge­setz­bu­ches be­rück­sich­tigt werden.

Der Austausch zwischen den föderalen Ebenen ist hierbei nicht allein im rein in­sti­tu­tio­nel­len Sinne gedacht: Es macht für die Praxis der Ge­setz­ge­bung einen erheblichen Unterschied, wenn die Referent:innen, die Entwürfe schreiben, und auch die Leitung eines Mi­nis­te­ri­ums in den direkten, per­sön­li­chen Austausch mit denjenigen kommen, die für die Im­ple­men­tie­rung vor Ort sorgen. Diesen Austausch hat das Um­set­zungs­la­bor ermöglicht: nahbar, offen und konstruktiv-kritisch.

Damit das gelingen konnte, haben wir sehr ver­schie­de­ne Formate für das Um­set­zungs­la­bor entwickelt- vom Auftakt in Berlin mit 150 Menschen vor Ort und knapp 2.000 digital zu­ge­schal­te­ten Personen aus ganz Deutschland, über mehrere digitale Fach­aus­tau­sche, in denen jeweils rund 800 Teil­neh­men­de an den ersten Pra­xis­er­fah­run­gen und guten Lösungen von Kommunen teilhaben konnten, bis zum Forum in Kassel. Dort kamen über drei Tage hinweg 50 Personen aus Kommunen, Bund, Ländern und Pla­nungs­bü­ros mit dem Ziel zusammen, in Ar­beits­grup­pen An­wen­dungs­stra­te­gien zu erarbeiten, die im Anschluss über die Plattform mit allen Kommunen in Deutschland geteilt werden konnten.

Zu dieser Haltung des Um­set­zungs­la­bors hat auch beigetragen, dass wir als Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner:innen auf Augenhöhe die Formate miteinander gestaltet und unsere kom­ple­men­tä­ren Kompetenzen eingebracht haben: von der zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Mo­bi­li­sie­rungs­kraft der Bauwende Allianz, über die stadt­pla­ne­ri­schen und ju­ris­ti­schen Fach­kom­pe­ten­zen des Difu und des BMWSB. Damit das Wissen der ersten sechs Monate weiter vertieft und die Umsetzung weiter beforscht werden kann, begleitet das Difu, als wis­sen­schaft­li­cher Partner des Um­set­zungs­la­bors, in den nächsten drei Jahren Mo­dell­kom­mu­nen bei der Anwendung des Bau-Turbos.

Mit dem Um­set­zungs­la­bor haben wir vorgemacht, wie Umsetzung und lernende Ge­setz­ge­bung, sprich „learning by doing” Hand in Hand gehen können. Am Ende der sechs Monate steht von den Mit­wir­ken­den aller föderalen Ebenen der große Wunsch: Ähnliche Formate brauchen wir auch schon in der Entstehung von Gesetzen. Damit das Wissen der Umsetzenden nicht erst nach Beschluss, sondern direkt von Beginn an die Gestaltung von Gesetzen einfließen und damit deren Wirkkraft vergrößern kann.

 

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Diesen Beitrag haben wir am 21. Mai 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
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