Was wäre, wenn eine App kommunale Versorgungssysteme entlastet?
Team der International Psychosocial Organisation (Ipso) Berlin
Kommunen stehen vor der Herausforderung, mit begrenzten personellen und finanziellen Mitteln psychosoziale Versorgung anzubieten. Auch für Menschen, die kaum Deutsch sprechen. Ipso ist eine humanitäre Organisation und arbeitet seit neun Jahren in Deutschland in der On- und Offline-Beratung von Geflüchteten. Was wir in den letzten Jahren gelernt haben ist, dass besonders solche Angebote wichtig sind, die Menschen frühzeitig und niedrigschwellig beim Ankommen und der Teilhabe helfen.
Um Geflüchtete Menschen dabei optimal zu unterstützen, haben wir die saba-App entwickelt. Mit saba setzen wir auf zwei Prinzipien: Selbstwirksamkeit durch einen digitalen Selbsthilfe-Leitfaden zu stärken und gleichzeitig die Möglichkeit zu bieten, ein persönliches Gespräch mithilfe des von uns erprobten Value Based Counselling (VBC) Ansatzes in der eigenen Muttersprache zu führen. So wird die saba-App zu einer ersten kleinen Hilfe, zu etwas, das wir buchstäblich in der Hosentasche mit uns tragen.
VBC ist ein kultursensitiver, muttersprachlicher psychosozialer Beratungsansatz, der als Kurzzeitintervention fungiert. Ziel des VBC ist es, im Rahmen eines klar strukturierten Gesprächsprozesses die Selbstwirksamkeit der Hilfesuchenden zu stärken. Mittlerweile ist der VBC-Ansatz auch als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) im deutschen Gesundheitssystem zertifiziert und die saba-App vom Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU gefördert.
Den VBC-Gesprächsprozess haben wir als digitalen Selbsthilfepfad in die saba-App eingebaut. So können alle, die sich zunächst nicht zur Online-Beratung trauen, niedrigschwellig über ihre Situation in der eigenen Muttersprache reflektieren. Beim Nutzen des Selbsthilfepfads bekommen die Nutzer:innen allerdings immer wieder motivierende Einladungen von uns, die sie zu einem persönlichen Gespräch, mit von uns ausgebildeten Value Based Counsellors, einladen.
Für viele Kommunen, vor allem in strukturschwachen Regionen mit wenigen muttersprachlichen Angeboten, ist die saba-App eine wertvolle digitale Ergänzung zu lokalen Angeboten, die nicht immer muttersprachlich sein können. Denn sie bietet eine schnelle, ortsunabhängige Unterstützung, kann Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken und damit die kommunalen Versorgungssysteme entlasten.
Damit wir möglichst viele Menschen aus den kommunalen Strukturen erreichen können, arbeiten wir seit sieben Monaten mit Landkreisen aus ganz Deutschland zusammen. In Kassel haben wir beispielsweise über 70 Sozialarbeiter:innen in Flüchtlingsunterkünften als sogenannte „Onboarder” ausgebildet. In dieser Rolle unterstützen sie Geflüchtete dabei, die App zu nutzen, falls sie über wenig digitale Kompetenz verfügen. Insgesamt konnten wir in den letzten sieben Monaten etwa 450 Menschen aus diversen kommunalen Einrichtungen erfolgreich mit der saba-App beim Ankommen in Deutschland beraten.
Dafür wurden wir mit dem „Bewährt vor Ort”-Siegel in der Kategorie „Gutes Ankommen und Teilhabe” ausgezeichnet.
Unseren VBC-Ansatz haben wir bereits im Jahr 2008 in Afghanistan entwickelt und ihn seitdem in verschiedenen Krisenregionen kontinuierlich angepasst. Schon zu Beginn in Afghanistan wurde der Ansatz wissenschaftlich begleitet und evaluiert, damit wir verstehen konnten, was gut funktioniert und was wir weiterentwickeln sollten. Zugleich konnten wir dort und in anderen Krisenkontexten umfangreiche praktische Erfahrungen sammeln und zahlreiche Fachkräfte in der Anwendung des Ansatzes weiterbilden. 2014 haben wir VBC dann an die Bedürfnisse von Geflüchteten in Deutschland adaptiert.
Im Prozess der Entwicklung der saba-App haben wir gelernt, wie wichtig es ist, lokale Partnerschaften aufzubauen, damit Angebote auch bekannt sind und genutzt werden. Dafür muss man sich Zeit nehmen und bereit sein, in Vorleistung zu gehen. Umgekehrt müssen wir offen sein für Feedback, um Prozesse gegebenenfalls anzupassen und zusammen weiterzuentwickeln. Das ist aufwändig, zahlt sich am Ende aber für alle aus.
Beispielsweise haben wir in kommunalen Einrichtungen zahlreiche Workshops angeboten, damit Mitarbeiter:innen über das psychosoziale Angebot von saba informiert sind. Dazu gehörten unter anderem kleine Schulungseinheiten zum Umgang mit psychisch auffälligen Menschen sowie Themen rund um Trauma: Wie können sich Symptome äußern? Wie können wir in bestimmten Krisensituationen angemessen mit Bewohner:innen umgehen?
Digitale, kombinierte Angebote im psychosozialen Bereich können ein wirkungsvolles Unterstützungselement für strukturschwache Kommunen sein. Wir hoffen, die Einrichtungen gerade hier bestmöglich mit der saba-App unterstützen zu können und freuen uns auf weitere Kooperationspartner:innen. Denn Kommunen spielen eine entscheidende Rolle dabei, Geflüchtete und Migrant:innen früh und niedrigschwellig zu unterstützen. Im Sinne der Prävention, des Miteinanders und der Teilhabe.
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