Was wäre, wenn unsere Gesetze ma­schi­nen­les­bar wären?

Innokenty Burshteyn, Manager Public Part­ner­ships, Rulemapping Group

Selten sind es die großen politischen Ent­schei­dun­gen, die das Vertrauen in den Staat untergraben, sondern die all­täg­li­chen Dinge. Der Bauantrag der Un­ter­neh­me­rin, der seit Monaten ver­meint­lich un­be­ar­bei­tet bleibt. Das Elterngeld, das erst mit enormer Verzögerung kommt, weil ein Datenfeld auf eine Angabe wartet, die dem Staat an anderer Stelle längst vorliegt. Der Anbau der neuen Terrasse, bei dem man nach Monaten immer noch nicht weiß, ob er genehmigt wird. Jede dieser Erfahrungen hinterlässt eine Frustration und irgendwann summieren sich diese Spuren zu dem Gefühl, dass der Staat nicht funk­tio­niert.

Dabei ist das Problem nicht, dass es zu viele Regeln gibt, sondern, dass niemand mehr durchblickt, wie sie angewendet werden. Für die Be­schäf­tig­ten in der Verwaltung bedeutet jeder Vorgang: Akten wälzen, Paragrafen prüfen, Quer­ver­wei­se nach­schla­gen. Das kostet Zeit. In den nächsten zehn Jahren scheiden rund 1,4 Millionen Be­schäf­tig­te im öf­fent­li­chen Dienst al­ters­be­dingt aus, schon heute fehlen dem Staat nach Angaben des Be­am­ten­bunds rund 600.000 Fachkräfte (siehe Monitor öf­fent­li­cher Dienst 2026 des dbb). Besonders bei der Entwicklung von Gesetzen, Ver­ord­nun­gen und anderen Regelwerken kann Di­gi­ta­li­sie­rung Abhilfe schaffen.

Gesetze, Ver­ord­nun­gen und andere Regelwerke werden in Deutschland als Fließtext ver­öf­fent­licht. Doch die Logik einzelner Normen und das Zu­sam­men­spiel im gesamten Norm­ge­flecht lassen sich so maschinell nicht nach­voll­zie­hen. Wenn eine Verwaltung einen Vorgang volldigital bearbeiten will, muss sie die relevanten Normen zunächst in eine Struktur übersetzen, die ein Computer versteht. Das ist aufwendig, feh­ler­an­fäl­lig und muss bei jeder Ge­set­zes­än­de­rung wiederholt werden. Oft wird deshalb weiterhin manuell bearbeitet, Fall für Fall.

Genau hier setzt Law as Code an: Wenn Gesetze von Anfang an in einer Form vorliegen, die sowohl Menschen als auch Maschinen lesen können, entfällt der aufwändige Über­set­zungs­pro­zess. Im Kern geht es darum, die juristische Logik sichtbar zu machen. Ob eine Bau­ge­neh­mi­gung erteilt werden darf, hängt von dutzenden Ein­zel­fra­gen ab, sogenannten Tat­be­stands­merk­ma­len: Liegt das Grundstück im Über­schwem­mungs­ge­biet? Sind die Ab­stands­flä­chen eingehalten?

Die Rulemapping-Methode und Law as Code machen diese Struktur explizit.Jedes Tat­be­stands­merk­mal wird einzeln abgebildet, jede Ausnahme, jeder Querverweis. Grundlage ist nicht nur der Ge­set­zes­text, sondern auch das Er­fah­rungs­wis­sen der Fachleute. Das Ergebnis ist ein Ent­schei­dungs­baum, der sowohl von Menschen gelesen, als auch von Maschinen verarbeitet werden kann. An jenen Knoten des Ent­schei­dungs­baums, an denen un­struk­tu­rier­te In­for­ma­tio­nen ausgewertet werden müssen, bei­spiels­wei­se ein Gutachten oder ein Lageplan, binden wir Sprach­mo­del­le ein.

Wir nennen diese Komponente „Rule AI”. Die KI wird dabei nicht mit einer offenen Frage kon­fron­tiert, sondern mit der präzisen Prüffrage eines einzelnen Tat­be­stands­merk­mals.Ihre Antwort fließt zurück in die Rulemap. Über den gesamten Ent­schei­dungs­baum hinweg bleibt nach­voll­zieh­bar, welche Information an welchen Knoten gelangt ist und wie sie das Ergebnis beeinflusst hat. Die juristische Ent­schei­dung selbst bleibt re­gel­ba­siert.

Dass dieser Ansatz nicht nur Theorie, sondern auch praktisch anwendbar ist, zeigen mehrere Pi­lot­pro­jek­te. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finanzen modelliert testweise die Logik der Lohnsteuer mit Rulemaps. Die Steu­er­re­geln werden in visuelle Ent­schei­dungs­bäu­me übersetzt und anhand von über 3.000 au­to­ma­ti­sier­ten Testfällen validiert. Die Fachleute können Steuerlogik nun in einer No-Code-Umgebung modellieren, testen und ak­tua­li­sie­ren, bevor der Stift für eine gesetzliche No­vel­lie­rung überhaupt angehoben wird.

In Thüringen hat das Ministerium für Digitales und In­fra­struk­tur ein Pi­lot­pro­jekt zur Be­schleu­ni­gung von Bau­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren gestartet. Bauanträge werden au­to­ma­ti­siert auf Voll­stän­dig­keit, Zu­stän­dig­keit und bau­pla­nungs­recht­li­che Vorgaben geprüft, wis­sen­schaft­lich begleitet von der TU München und der Hochschule Schmal­kal­den. Zum Einsatz kommt dabei eine hybride Architektur, in der juristische Ent­schei­dungs­bäu­me und KI in­ein­an­der­grei­fen.

Im Landkreis Neckar-Odenwald wurde gemeinsam mit dem Um­welt­mi­nis­te­ri­um Baden-Württemberg eine Lösung für deutlich schnellere Verfahren zur Genehmigung von Wind­kraft­an­la­gen entwickelt. Pro Verfahren fallen bis zu 3.000 Seiten Unterlagen an, von denen bis zu 2.000 Seiten au­to­ma­ti­siert geprüft werden. Die Zeit­er­spar­nis liegt bei rund 70 Prozent.

Zu­sam­men­ar­beit funk­tio­niert, wenn Fachexpert:innen aus der Verwaltung von Anfang an eingebunden sind. Sie kennen die Regelwerke und können beurteilen, ob eine maschinelle Übersetzung die Prüflogik korrekt abbildet. Dazu müssen die Werkzeuge so gestaltet sein, dass Fach­an­wen­der und -an­wen­de­rin­nen sie ohne Pro­gram­mier­kennt­nis­se nutzen können. Außerdem legt die Struk­tu­rie­rung der Regeln Schwächen im Bestand offen: Wi­der­sprü­che, Redundanzen oder unklare Verweise werden sichtbar, sobald man versucht, eine Regel präzise abzubilden. Law as Code ist also ein Werkzeug, das nicht nur Recht anwendet, sondern auch hilft, es zu verbessern.

Das klingt nach Effizienz, nach schnelleren Verfahren. Doch es ist mehr als das: Denn wenn Regeln ma­schi­nen­les­bar sind, lassen sich Verfahren nach­voll­zieh­bar, rechts­si­cher und schnell gestalten. Was für viele Menschen bisher eine Blackbox war, wird damit zugänglich.

Die Bun­des­agen­tur für Sprung­in­no­va­tio­nen SPRIN-D hat Law as Code zu einem stra­te­gi­schen Projekt erklärt. SPRIN-D sieht die Rulemapping-Methode als praktische Anwendung des Law as Code Ansatzes und ist zugleich Ge­sell­schaf­te­rin. Die Vision: eine offene Bibliothek digitaler Regelwerke, auf die Bund, Länder und Kommunen glei­cher­ma­ßen zugreifen können. Änderungen werden zentral eingepflegt und automatisch verteilt, wie ein Software-Update.

Jüngste Pu­bli­ka­tio­nen rücken Law as Code weiter in den Fokus: Die Mo­der­ni­sie­rungs­agen­da der Bun­des­re­gie­rung benennt Rulemapping namentlich als Methode, mit der sich der digitale Po­li­tik­zy­klus der Recht­set­zung schließen lässt; der Ab­schluss­be­richt der So­zi­al­staats­kom­mis­si­on empfiehlt Rulemapping zur Erprobung im Sozialrecht – und auch die Di­gi­tal­mi­nis­ter­kon­fe­renz hat beschlossen, sich dem Thema zu widmen.

Wir sind überzeugt: Ein fairer Staat muss Regeln nicht nur aufstellen, sondern auch ver­ständ­lich und vollziehbar aus­ge­stal­ten. Wenn das gelingt, können staatliche Strukturen wieder das werden, was sie sein sollten: Strukturen, denen die Menschen vertrauen.

 

Erfahre mehr

Diesen Beitrag haben wir am 25. Juni 2026 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.
Zum Newsletter anmelden