Was wäre, wenn wir auf privat-öffentliche Förderungen setzen würden?

Hendrik Beese, Bei­rats­mit­glied des Welcome Alliance Fund und Referent für Pro­jekt­för­de­rung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

 

Wer in der Verwaltung För­der­mit­tel ver­ant­wor­tet, kennt die Situation: Menschen haben gute Ideen und konkrete Bedarfe, verlieren aber zwischen För­der­an­trä­gen, Nachweisen und Ab­stim­mungs­pro­zes­sen wertvolle Zeit. Das gilt ins­be­son­de­re für kleine oder mi­gran­ti­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen. Denn gerade ihnen fehlen oft die personellen Kapazitäten, um die spe­zi­fi­schen An­trags­pro­zes­se zu bearbeiten.

Gleich­zei­tig erlebe ich in meiner Arbeit beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) täglich, wie ent­schei­dend zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches Engagement für die Etablierung nach­hal­ti­ger Ankommens- und Teil­ha­be­struk­tu­ren ist. Besonders von mi­gran­ti­schen Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen, denn sie kennen die Her­aus­for­de­run­gen aus eigener Erfahrung, sind gut vernetzt und können Strukturen dort gestalten, wo sie gebraucht werden. Natürlich können öffentliche Förderungen Projekte großflächig un­ter­stüt­zen. Allerdings sind diese – besonders von Bun­des­be­hör­den – meistens nicht aktiv darauf ausgelegt, kleinere oder lokale Akteur:innen zu fördern. Außerdem verhindern Zu­stän­dig­keits­gren­zen zu oft, dass mehrere Themen in einem Projekt gefördert werden, bei­spiels­wei­se Ar­beits­markt­in­te­gra­ti­on und ge­sell­schaft­li­cher Zu­sam­men­halt.

Genau an dieser Stelle schließt der Welcome Alliance Fund eine Lücke.

Denn er bündelt staatliche und private Mittel und übersetzt sie in ein Instrument, das Förderungen schnell, nied­rig­schwel­lig, sek­tor­über­grei­fend und wir­kungs­ori­en­tiert vergibt. Gefördert werden Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­zel­per­so­nen, deren Projekte nach­weis­lich Strukturen für Ankommen und Teilhabe verbessern.

Der Fundbeirat ist das Ent­schei­dungs­gre­mi­um. Wir treffen uns mehrmals im Jahr, um ein­ge­reich­te Vorhaben zu bewerten. Diese sind vorab schon durch einen mehr­stu­fi­gen Prozess gelaufen: von einer In­ter­es­sens­be­kun­dung über Sprech­stun­den bis hin zur erweiterten Bewerbung, die final bei uns, dem Beirat, landet. Schon beim Blick auf die Zu­sam­men­set­zung wird deutlich, wie ernst die Welcome Alliance sek­tor­über­grei­fen­de Zu­sam­men­ar­beit nimmt: Im 13-köpfigen Beirat sitzen Menschen aus ge­mein­nüt­zi­gen und mi­gran­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen, Stiftungen, Kommunen, der Wirtschaft und Bun­des­be­hör­den, wie meiner.

Vor jeder Sitzung prüfe ich alle eingehenden Skizzen und bewerte sie entlang des Kri­te­ri­en­ka­ta­logs. Diese Kriterien decken unter anderem struk­tu­rel­le Teilhabe mi­gran­ti­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen, soziale Innovation, sek­tor­über­grei­fen­de Zu­sam­men­ar­beit, Ska­lie­rungs­po­ten­zi­al und regionale Bedarfe ab. Manche von ihnen sind doppelt gewichtet, weil sie besonders relevant für nachhaltige Wirkung sind.

In der Sitzung diskutieren wir dann die Vorhaben gemeinsam. Was mir dabei immer wieder auffällt: Die Vielfalt unserer Hin­ter­grün­de führt zu über­ra­schend un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf ein und dasselbe Projekt. Genau das macht die Ent­schei­dun­gen fairer. Es werden Aspekte gesehen, die ich allein nie bemerkt hätte.

Denn die Bandbreite ein­ge­reich­ter Vorhaben ist vielfältig und reicht von ju­ris­ti­schen Fragen über Community-Know-how bis hin zu Erfahrungen aus der Wirtschaft oder kommunalen Praxis.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist außerdem, Kontext mitzudenken. Kleine oder neue Or­ga­ni­sa­tio­nen sind nicht automatisch weniger wirksam, nur weil sie wenig vernetzt sind oder noch keine langjährige Erfahrung mit För­der­mit­teln haben. In solchen Fällen überlegen wir gemeinsam, ob Ko­ope­ra­tio­nen angebahnt werden können. Ent­schei­dend ist das Potenzial, nicht die Startgröße.

Insgesamt wurden bereits über 50 Vorhaben aus­ge­zeich­net und mit mehr als 3 Millionen Euro unterstützt. Seit 2025 stehen zudem vier un­ter­schied­li­che För­der­op­tio­nen zur Verfügung: Preisgelder, Pro­jekt­för­de­run­gen, Stipendien sowie Ver­an­stal­tungs- und Wei­ter­bil­dungs­pau­scha­len.

Bei­spiels­wei­se wurden diese drei Or­ga­ni­sa­tio­nen gefördert, die Ankommens- und Teil­ha­be­struk­tu­ren stärken:

  • Lilipad Librarians 
    Lilipad bildet Bewohner:innen von Ge­flüch­te­ten­un­ter­künf­ten zu mehr­spra­chi­gen Erzähler:innen aus, die wö­chent­li­che Story Circles für Kinder gestalten. Das nied­rig­schwel­li­ge Modell ist bundesweit umsetzbar und möchte so die Teilhabe von Kindern stärken.

  • Nura 
    Nura unterstützt geflüchtete und mi­gran­ti­sche Frauen in Leipzig, die Dis­kri­mi­nie­rung im Ge­sund­heits­we­sen erleben. Das Projekt bietet Beratung, Begleitung und Do­ku­men­ta­ti­on von Fällen und entwickelt daraus Schulungen sowie Emp­feh­lun­gen für Kliniken und Fach­per­so­nal. So wirkt Nura langfristig an dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Strukturen mit.

  • Start with a Friend: 
    In Zu­sam­men­ar­beit mit kleinen und mittleren Unternehmen bringt Start with a Friend Mit­ar­bei­ten­de und Geflüchtete in Tandems zusammen. Mit dem Ziel, neue Kolleg:innen mit Flucht­er­fah­rung beim Ankommen und der Teilhabe zu un­ter­stüt­zen. Das Projekt wird bis April 2026 in den Mo­dell­re­gio­nen Chemnitz, Mainz-Kinzig-Kreis und Frankfurt am Main durch­ge­führt.

Viele Her­aus­for­de­run­gen für diese und weitere Or­ga­ni­sa­tio­nen hängen mit struk­tu­rel­len Hürden zusammen, die ich aus meiner Ver­wal­tungs­pra­xis gut kenne. Deshalb sollten sich För­der­insti­tu­tio­nen als Ermöglicher verstehen. Initiativen wirksam zu un­ter­stüt­zen bedeutet mehr als die Vergabe von Mitteln. Es braucht Beratung, Ver­ständ­lich­keit und Zu­gäng­lich­keit. Beim Welcome Alliance Fund machen wir unsere För­der­kri­te­ri­en und Be­wer­tungs­me­tri­ken transparent und begleiten in­ter­es­sier­te Vorhaben mit Sprech­stun­den im Be­wer­bungs­pro­zess.

Was ich aus meinem Engagement als Bei­rats­mit­glied gelernt habe, ist, dass das Pooling von staatlichen und privaten Mitteln großes Potenzial hat. Denn so können Gelder schnell, flexibel und sek­tor­über­grei­fend vergeben werden, wodurch der Staat zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches Engagement in Kri­sen­si­tua­tio­nen besser un­ter­stüt­zen kann.

Sowohl in Hinblick auf das Pooling als auch auf die „klassischen” öf­fent­li­chen Förderungen wünsche ich mir, dass wir aus diesen Erfahrungen lernen. Doch damit ein Zu­sam­men­füh­ren von privaten und öf­fent­li­chen Geldern, und damit eine flexible Förderung, praktikabel bleibt, braucht es Änderungen in den ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten.

Nehmen wir bei­spiels­wei­se die ​​„Jähr­lich­keit” der meisten öf­fent­li­chen Mittel: Sie schreibt vor, dass Mittel aus dem Haushalt eines Jahres im selben Jahr verausgabt werden müssen. Das macht flexibles Reagieren während des Projekts schwierig. Auch im Fund kennen wir das Problem: Wenn wir ein privat-öf­fent­li­ches Projekt überjährig fördern wollen, muss schon wieder genau hingeschaut und getrennt – also kurz: bü­ro­kra­ti­siert – werden.

Das ist nur ein Beispiel für Vor­schrif­ten, die flexibler werden müssten, damit das Potential dieser cross-sektoralen Part­ner­schaf­ten überhaupt zum Tragen kommen kann. Wenn Strukturen entstehen sollen, die über Jahre tragen, dürfen formale Vorgaben diesen Aufbau nicht verhindern.

Letztlich würde das bedeuten, dass man der Wirkung von Mitteln mehr Gewicht einräumt und die formellen haus­halts­recht­li­chen Vorgaben auf dieser Grundlage entwickelt. „Form follows function”, nicht andersherum. Deswegen ist es sehr spannend, dass in Deutschland gerade auch die sogenannte wir­kungs­ori­en­tier­te Haus­halts­füh­rung politisch diskutiert wird, welche dabei helfen kann, den Fokus stärker auf Ergebnisse zu legen.

Vielleicht liegt genau darin ein Weg, wie Verwaltung Förderung neu denken kann: ein ganz­heit­li­che­rer Förderfokus, einfachere Prozesse und der Mut, weniger auf formale Kriterien und dafür mehr auf Wirkung zu setzen. Mit dem Welcome Alliance Fund zeigen wir, dass wir mit so einem Ansatz auch private Gelder für die öffentliche Sache hebeln und den Staat in Kri­sen­zei­ten resilienter machen können. 

 

Erfahre mehr über den Welcome Alliance Fund.

 
 
Diesen Beitrag haben wir am 11. Dezember 2025 in unserem Re:Form-Newsletter versendet. Melde Dich jetzt zum an und erhalte die neuesten Ausgaben direkt in Dein Postfach.